Report München


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Bundesliga ohne Fans Die Diskussion um "Geisterspiele"

Ist es nun ein Privileg oder eine gesellschaftliche Notwendigkeit? Während der Breiten- und Spitzensport weitgehend pausieren muss, darf die finanzstarke Bundesliga ab dem 16. Mai unter den Auflagen eines strengen Hygiene-Konzepts wieder loslegen. report München fragte Europameister, Olympiateilnehmer, Nachwuchshoffnungen, Fans und Sport-Experten, was sie von dieser Entscheidung halten.

Von: Markus Rosch

Stand: 12.05.2020

Fußballtempel Allianz Arena. Kein Fußball – Keine Stimmung. Unterwegs mit Alexander Fischer, Pressesprecher des FC Bayern Fanclubs „clubnr12“ mit 4.400 Mitgliedern. 140 Spiele hat er letztes Jahr live gesehen. Von der Bundesliga bis zu den Amateuren. Fischer lebt und liebt den Fußball. Dennoch: Den Bundesligastart hält er für falsch.

"Persönlich finde ich Geisterspiele total beschissen. Mir fehlt da einfach alles. Mir fehlt der Gang zum Stadion, mir fehlt die Atmosphäre, die auch im Fernsehen nicht rüberkommt. Mir fehlt das Treffen mit Freunden, das Biertrinken zusammen, das Freuen und manchmal das Leiden und das ist einfach was kein Geisterspiel ersetzen kann."

Alexander Fischer, „clubnr12“, FC Bayern

Nun soll also vor leeren Rängen gespielt werden. Die DFL hat einen schnellen Start durchgesetzt. Profi-Fußball: Das Millionengeschäft. Der Ball muss rollen. Auch die Politik stimmt zu. Wenn gleich die Kanzlerin nicht begeistert wirkt, den Saisonstart letzte Woche nur in einem Nebensatz ankündigt. Gestern aber macht sie deutlich: Es bestehe weiter Abstand und Maskenpflicht:

"Was mir allerdings sehr wichtig ist. Noch einmal darauf aufmerksam zu machen, dass wir jetzt in eine neue Phase der Pandemie kommen. Und dass es jetzt notwendig sein wird, dass wir bei all den Lockerungen auch wirklich Sicherheit haben, dass sich die Menschen an die Grundgebote halten, also Abstand, Mundschutz tragen."

Angela Merkel

Diese Regeln dürfen nun Woche für Woche von Fußballprofis gebrochen werden.

Ernst-Happel-Stadion Wien: Peter Filzmaier ist Politikwissenschaftler und zählt zu den Fußball-Insidern im deutschsprachigen Raum. Filzmaier ist dagegen, dass dem Profifußball Sonderrechte eingeräumt werden, befürchtet eine gesellschaftliche Spaltung.

Andere Sportarten benachteiligt

"Es ist eine sehr bittere Pille, dass es Geisterspiele gibt. Langfristig sind sie der logische Kompromiss, denn, wenn wir auf Impfstoffe oder wirklich wirksame Medikamente warten, gibt es ja auch die nächstjährige Saison nicht. Die Frage ist nur warum so schnell, wo doch medizinische Experten Zweifel äußern, über das Virus noch dazulernen. Und es führt zu Folgefragen, ob man gegenüber anderen Bereichen, wie beispielsweise Konzertveranstaltungen nicht bevorzugt ist."

Peter Filzmaier, Politikwissenschaftler und Fußballexperte

Benachteiligt werden auch andere Sportarten: Wie Hockey. Treffen mit Nils Kowalczek, ehemaliger Nationaltorwart. Normalerweise trainieren bei rotweiß München 700 Spieler. Jugend und Leistungssportler. Jetzt ist die Anlage seit 54 Tagen verwaist. Kontaktsportarten sind nicht erlaubt. Keiner weiß, wie es hier weitergehen soll.

"Ich habe zwei Herzen in meiner Brust. Auf der einen Seite sage ich, immer, wenn Sport weitergeht ist es super. Auf der anderen Seite bin ich der Meinung, dass bei der Fußball-Bundesliga es nicht um Sport, sondern um Wirtschaft geht. Das sind Wirtschaftshilfen für große Unternehmen. Weil wenn es um Sport gehen würde, dann würde man drum kämpfen, wie der Breitensport wieder losgehen kann und wie möglichst viele, auch Kinder wieder anfangen können."

Nils Kowalczek, ehemaliger Hockey-Nationalspieler

Doch es trifft nicht nur den Breitensport. Sondern auch Profis wie Leonie Fiebich, die große deutsche Basketballhoffnung. 2021 wird sie in die US-Profiliga wechseln. Dafür muss Fiebich gerade im Hof trainieren. Dieses Jahr wäre sie mit Wasserburg noch gerne deutsche Meisterin geworden. Doch dann war plötzlich Schluss.

"Es macht irgendwie ein bisschen traurig, wie ich finde, wenn man es runterbricht auf die Sportler, wenn ich jetzt einen Profifußballer anschaue und mich dagegen, wir stecken die gleiche Arbeit rein, wir stecken die gleiche Zeit rein. Und er darf weiterspielen und ich als Basketballer habe meinen Job verloren. Das ist bitter und auch unfair, aber da kann man Fußball mit Basketball nicht vergleichen, weil der Fußball einen riesigen wirtschaftlichen Faktor auch hat bei uns."

Leonie Fiebich, Basketballspielerin, TSV Wasserburg

Corona-Fälle bei Bundesligavereinen

Der Fußball, die DFL geht nun aufs Ganze: Verabschiedet ein umfangreiches Hygiene- und Sicherheitskonzept. Mit Tests und Quarantäne-Maßnahmen soll der Spielbetrieb ab 16. Mai gesichert werden. Doch dann kommt eine Hiobsbotschaft nach der anderen:

Bundesligavereine wie der 1. FC Köln melden Corona-Fälle. Erzgebirge Aue und Dynamo Dresden folgen. Dresden muss sogar seinen Profikader für zwei Wochen in Quarantäne schicken. Das alles könnte den engen Spielplan über den Haufen werfen. Die DFL wiegelt ab.

"Wenn Dresden jetzt 14 Tage in die Quarantäne geht, dann ist das für den Moment noch kein Grund die Fortführung der 2. Liga komplett in Frage zu stellen. Weil von den 81 Spielen sind jetzt erst mal zwei betroffen. Klar ist: Es gibt sicherlich eine Größe, da ist das irgendwann nicht mehr machbar."

Christian Seifert, Geschäftsführer DFL

Kritiker des DFL-Konzepts sehen sich bestätigt. Zu schnell wurde gehandelt. Zu wenig über Konsequenzen nachgedacht.

"Es war vorher schon unsolidarisch und halbgar und unverantwortlich und jetzt wird es auch noch ungerecht."

Peter Dabrock, ehem. Vorsitzender deutscher Ethikrat

Für ein report-Interview steht die DFL nicht zur Verfügung. Es sei alles gesagt, teilt man uns mit. Doch auch einige Profis melden Bedenken an, wie Neven Subotic von Union Berlin. Zu hoch sei das Infektionsrisiko für die Spieler: „Ich kann nicht glauben, was da gerade passiert. Das ist doch nicht real.“

Fußball um jeden Preis?

Alles in allem zu viele Unsicherheitsfaktoren sagt der Fußball-Experte Peter Filzmaier. Was ist, wenn Fans sich vor Stadien versammeln? Oder gemeinsam zu Hause Spiele schauen?

"Es hätte eine Alternative gegeben zum Beginn der Meisterschaft schon Mitte Mai: Das wäre Zuwarten bis zum Herbst. Es erscheint mir logisch, dass man sagt, ein Impfstoff wird für nächstes Jahr in Aussicht gestellt, kann aber niemand garantierten, dass man nicht bis dahin wartet, denn dann gibt es keinen Profifußball mehr. Aber wenn medizinische Experten sagen, wir lernen täglich dazu was die Epidemie, die Pandemie, das Virus betrifft, dann ist es schon unter sehr großem Zeitdruck jetzt, dass man diese Meisterschaft bis Ende Juni, fast um jeden Preis durchziehen will."

Peter Filzmaier, Politikwissenschaftler und Fußballexperte

FC Bayern Fan Alexander Fischer kann sich mit Geisterspiele nicht anfreunden. Das sei nicht mehr sein Fußball sagt er. Außerdem seien andere Dinge gerade wichtiger.

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