Report München


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Zwischen Schlamm und Starkregen Freiwillige Helfer im Kampf gegen die Flut

Tausende Männer und Frauen schuften von früh bis spät, um die schlimmsten Schäden der Flutkatastrophe zu beseitigen, Opfer zu bergen oder in Sicherheit zu bringen. report München konnte einige dieser außergewöhnlichen Menschen, die spontan oder im Ehrenamt mithelfen, mehrere Tage lang begleiten.

Von: Benedikt Nabben, Anna Tillack

Stand: 20.07.2021

Ansbach in Mittelfranken. Es regnet seit 14 Stunden. Die Feuerwehr ist in höchster Alarmbereitschaft, denn minütlich steigt das Wasser.

Gerade hat der Freiwillige Feuerwehrmann Steffen Beck, im Zivilberuf Zimmermann, erfahren, dass er das Hochwasser-Team leiten soll. Die Lage ist unübersichtlich. Beck muss sich vor Ort ein Bild machen.

"Die Erfahrung sagt, dass es so zwischen vier und fünf Stunden bei uns eintrifft, die Welle…"

Steffen Beck

Nur wenn er Teams und Material richtig koordiniert, kann er die gefährdeten Stadtbezirke vor den Wassermassen schützen.

"Also von der Stärke her, bekommen wir alle zehn bis 15 Jahre so ein Hochwasser, und die Prognosen sind heute gestellt, dass wir so etwas erreichen könnten."

Steffen Beck

Funkspruch: „...Onolzstraße in Ansbach werden Sandsäcke benötigt“

Ankunft am Onolzbach. Die Siedlung liegt direkt an dem eigentlich so kleinen Bach - doch schon jetzt ist die Straße überflutet.

Feuerwehrmänner:

 „Grüß dich, Steffen. Also wie schaut es aus?“
„Lage wie gesehen.“ 
„Also beschissen.“
„Es läuft in die ganzen Keller rein. Die meisten haben pumpen.“
„Sandsäcke, täten wir füllen. Braucht ihr da was?“
„Ich habe schon eine Palette angefordert.“

Ein komplett zerstörter Ort

Die Feuerwehr hilft beim Pumpen, doch das reicht nicht. Noch weiß niemand, was heute auf die Menschen hier zukommen wird. Der Kampf mit dem Wasser hat begonnen.

Einige hundert Kilometer westlich. Die Böden sind bereits nass, als sich über der Eifel ein Jahrhundertunwetter zusammenbraut. Die Wolkenmassen werden an den Bergen förmlich „ausgequetscht“ - bis zu 200 Liter Regen pro Quadratmeter fluten das Land.

Was bleibt, ist ein komplett zerstörter Ort: Schuld an der Ahr. Freiwillige Helfer und Rettungskräfte aus ganz Deutschland eilen herbei, um aufzuräumen. Sogar Panzer sind im Einsatz. Christiane Kreutz kommt aus dem Nachbarort um mit anzupacken. An einem für sie ganz besonderen Ort.

Sie weiß nicht, was sie in diesem Gebäude erwartet. Zum ersten Mal traut sie sich seit der Flutwelle hinein.

Hier hätte nur drei Tage nach der Katastrophe ein neuer Lebensabschnitt für sie beginnen sollen. Einer neuer Job, in einem völlig neu renovierten Gasthof. Wir fragen, wann er eröffnen sollte:

"Ja morgen, morgen. Also morgen sollte auf jeden Fall hier die Kneipe eröffnen. Die Fremdenzimmer soweit ich weiß auch. Sollte jetzt losgehen."

Christiane Kreutz

Das Wasser stand zwei Meter hoch

Nach Jahren als Hausfrau und Mutter hätte es der Wiedereinstieg ins Berufsleben sein sollen. Jetzt will sie nachschauen, was von ihrem neuen Büro übriggeblieben ist. Wo vor dem Wasser eine Tür war, ist nun kein Durchkommen mehr. Eine Chance bleibt noch.

"Das geht jetzt hier durch die Küche durch und dann links. Ich versuch mal hier durchzugehen, wenn ich schon soweit bin. Ohhh… Gott oh Gott, wie sieht das hier aus. Das kann man sich gar nicht nachvollziehen…da nutzen auch keine Bilder im Fernsehen was, wenn man das hier sieht. Was liegt den hier auf dem Boden? Was ist denn das? Keine Ahnung. Ach du liebe Güte, da ist die Wand eingebrochen."

Christiane Kreutz

Das Wasser stand hier zwei Meter hoch. Dabei war in der Küche alles bereit für die Eröffnung. Sogar das Fleisch war schon eingekauft. Der Traum vom neuen Büro-Job: erstmal zerstört.

"Klar bin ich traurig, aber für mich ist das selbstverständlich, wenn wir wissen, dass das aufgebaut wird, dass ich dann jetzt da mitmache. Ich muss nicht im Büro sitzen am Computer, ich kann auch hier mit aufräumen und helfen."

Christiane Kreutz

Bilder wie aus einem Endzeitfilm

Östlich von München, Bilder wie aus einem Endzeitfilm. Eine Hagelfront zieht Ende Juni über Oberbayern, hinterlässt eine Schneise der Verwüstung. Dieses Auto wird voll getroffen. Es gehört Irmgard Wishuber. Die Bürokraft hat lange auf das Auto gespart. Die Versicherung hat sie zur Schadens-Begutachtung geladen.

"Mir tut er unwahrscheinlich leid, weil es ist mein Traumauto."

Irmgard Wishuber

Für Irmgard Wishuber geht es um viel Geld. Die teure Reparatur bezahlt ihre Versicherung nur, wenn kein Totalschaden festgestellt wird. Die Allianz hat allein in Bayern 10 dieser Hallen in Betrieb genommen, rund 500 Fahrzeuge werden tagtäglich begutachtet und zum Teil gleich vor Ort repariert - eine neue Dimension an Hagelschäden.

"Zum Teil war die war die ganze Schicht so hoch. Das kann man sich gar nicht vorstellen. Wie Krieg hat es danach ausgeschaut."

Irmgard Wishuber

Für Millionen Deutsche geht es nach den schweren Unwettern darum, ob und wieviel ihre Versicherungen zahlen. Banges Warten auch für Irmgard Wishuber. In der nächsten Stunde erfährt die Büroangestellte, wie viel ihr Auto nach dem Hagel überhaupt noch wert ist.

Bei Steffen Beck von der Freiwilligen Feuerwehr Ansbach nimmt die Anspannung zu. Ein Notruf nach dem anderen kommt per Funk rein: "Die Straße ist komplett überschwemmt.“ (Funk)

Wettlauf gegen das Wasser

Für ihn ist es ein Wettlauf gegen das Wasser. Noch haben die Einsatzkräfte Zeit, die Stadt vor den Fluten zu schützen. Das wichtigste im Kampf gegen den Starkregen steht in dieser Garage.

"Man sieht jetzt dann in der Garage den Sand-King und vom Betriebsamt kriegen wir den Sand. Und jetzt wird dann hier 10.000 Sandsäcke befüllt."

Steffen Beck

Freiwillige aus dem ganzen Umland treffen sich hier zum Helfen. Wenn es Alarm gibt, lassen sie alles in ihrem Job stehen und liegen, um bei der Freiwilligen Feuerwehr mit anzupacken.

Auch Steffen Beck arbeitet viele Stunden zusätzlich, die er nicht mit der Familie verbringen kann. Trotzdem werde der Ton gegenüber der Freiwilligen Feuerwehr rauer erzählt er…

"Das Anspruchsdenken der Bürger wird auch immer größer. Ich sage einfach, ganz salopp man betitelt oft die Feuerwehr so als Hausmeisterdienst mit Blaulicht, und dafür sind wir nicht da. Wir machen die Akutlagen."

Steffen Beck

Nächster Kontrollpunkt, ein wichtiger Abfluss. Wenn dieser Rechen verstopft, steht die Siedlung unter Wasser. Beim Reinigen wurde einer von Becks Kollegen schon mal in den Strudel gezogen…

Mehr als 160 Tote, noch immer etliche Vermisste

Die Unwetter kosten Menschenleben. Mehr als 160 Personen sind gestorben, immer noch etliche vermisst. Darunter auch Helfer, die in Not Geratene unterstützen wollten.

Hagen in Nordrhein-Westfahlen. Auch hier hat das Unwetter gewütet. Ein Landwirt nimmt uns auf dem Traktor mit, möchte uns etwas zeigen.

Auf seinem Hof: Knapp 50 freiwilige Helferinnen und Helfer. Für Landwirt Dirk Halberscheid ein kleines Wunder:

"Das war hier eigentlich ein Selbstläufer…. Wir haben ja ne eigene Schlachterei, die haben unsere Wannen genommen, haben den Schlamm hier reingeschaufelt, also da brauchte man nichts sagen."

Dirk Halberscheid

Hat er damit gerechnet?

"Nein, also ich hab zwischendrin nicht geheult weil das so ne Katastrophe für uns ist, sondern diese Solidarität hier."

Dirk Halberscheid

Auch hier sind die Leute da, um zu helfen. Westlich von Köln in Erftstadt. Seit Stunden füllen die Menschen hier Sandsäcke und verteilen sie im Ort.

Damit sie ungestört arbeiten können, hat Helferin Jacqueline Kilian ihre Warnweste ausgepackt und managt nun spontan den Verkehr.

"Da sind Leute dabei, die hab ich noch nie gesehen. Deswegen ich weiß gar nicht wer das alles ist. Moment, ich muss den mal eben anhalten. Ich finds einfach nur klasse."

Jacqueline Kilian

Verwüstete Landstriche in Bayern

Zurück in Bayern, wo Gewitter-Superzellen Ende Juni ganze Landstriche verwüsten. Allein die Allianz verzeichnet in dieser Unwetterwoche 30.000 Schäden - nur im Bereich KfZ.

"Die Schäden werden heftiger. Wir haben ja Hagelkörner bis zu Tennisballgröße bei diesem Ereignis erlebt. Und da passiert dann richtig was."

Robert Übler, Allianz

Irmgard Wishubers Mini wurde in wenigen Minuten im Hagelsturm komplett zerschlagen. Über 1000 Dellen stellt der Gutachter fest.

"Es sieht echt nach einem Totalschaden aus. Also ich denke mal, dass die Reparaturkosten den Wert vom Fahrzeugeinbruch übersteigen."

Gutachter

Eine Reparatur, auf die Irmgard Wishuber so gehofft hatte, kommt aufgrund des großen Schadens für sie wohl nicht in Betracht. Bittere Nachrichten…

In der Einsatzzentrale der Feuerwehr Ansbach muss Steffen Beck inzwischen 300 Kräfte koordinieren.

"Wir haben jetzt Probleme... Tierweiden 1,5 Meter unter Wasser, Ortsteile werden jetzt überschwemmt, da ist jetzt zu prüfen, ob wir die nicht komplett räumen müssen, die drohen abzusaufen."

Steffen Beck

Das Wasser kam oft zu schnell, um zu reagieren

Auch die Lage an der Onolzbach-Siedlung, die schon vor Stunden unter Wasser stand, spitzt sich zu. Endlich treffen die von Steffen Beck organisierten Sandsäcke ein. Einige haben den Ernst der Lage allerdings immer noch nicht verstanden.

"Grüß Gott! Frage: Gehört der oder die zu ihnen? Mit der gelben Jacke gehört die zu Ihnen? Wenn ein Kind da hineinfällt, ich kann für nichts garantieren, bis wir´s hinausbringen."

Feuerwehrmann

In anderen Teilen Deutschlands kamen die Wassermassen zu schnell, um noch reagieren zu können.

Christiane Kreutz, die hier in Schuld in der Eifel einen neuen Job in der Gastronomie anfangen wollte, muss ihre Pläne verschieben. Das frisch renovierte Wirtshaus ist verwüstet. Gerade war sie kurz zuhause, einen Ort weiter:

"Wenn ich dann die Nachbarn sehe, die sich um den Garten kümmern, bin ich schnell wieder runtergefahren, das find ich nicht so witzig, helfen ist die Priorität eins finde ich."

Christiane Kreutz

Der freiwillige Feuerwehrmann Steffen Beck wird diese Nacht durcharbeiten und erst morgens um 7 nach Hause kommen. Er wird dann 120 Einsätze koordiniert haben. Der Kampf gegen die Unwetter hält das Land wach.


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