Report München


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Explosion der Energiepreise Geschockte Unternehmer, besorgte Familien

Der Ukrainekonflikt legt offen, was Experten schon lange befürchtet haben: Energie wird zum Druckmittel. Russland könnte – so die Befürchtung - die Preise von langer Hand gezielt beeinflusst haben.

Von: Lukas Graw, Ulrich Hagmann, André Lemmer, Fabian Mader

Stand: 14.03.2022

Früh morgens bei Familie Müller. Eine schnelles Frühstück, bevor es zur Arbeit und in die Schule geht. Wie viele andere Familien spüren auch sie die Energiepreise deutlich.  

"Also bei bei zwei Autos, beim Heizöl bei den Unterhaltskosten, überall. Wird alles teurer. Strom haben wir nachgezahlt. Es wird überall überall - und alles teurer."

Michael Müller             

Aber das größere Problem für Michael Müller: Sein Arbeitgeber ist in Not. Er ist seit fast 40 Jahren bei Heinz Glas, verantwortlich für das Werk Kleintettau. Ein Traditionsunternehmen, 400 Jahre alt, 1500 Mitarbeiter allein in Deutschland. Die Firma stellt Parfüm-Flakons her, gehört zur Weltspitze. Die Produktion braucht sehr viel Gas.              

"Der erste Blick am Morgen ist, wie haben sich die Preise entwickelt. Wo geht das Heizöl hin, wo geht der Strom hin, wo geht der Gaspreis hin."

Michael Müller Betriebsleiter Heinz Glas Werk Kleintettau  

Er weiß: Wenn hier Gas und Strom kurzfristig wegfallen - es wäre der Ruin für die Firma.        

"Wir können nicht von heute auf morgen einfach abschalten, die Prozesse müssen ständig laufen."

Michael Müller Betriebsleiter Heinz Glas Werk Kleintettau    

Energiekosten verzehnfacht - in wenigen Monaten

Die Produktionslinie muss permanent mit Gas versorgt sein, sinkt die Temperatur härtet das Glas zu früh aus und zerstört die Anlage. Eigentlich wollen sie im Mai ihren 400sten Geburtstag feiern. Doch ob es die Firma dann noch gibt, hängt - vom Gaspreis ab. Und der hat sich in den letzten Monaten verzehnfacht. Von 20 auf zeitweise über 200 Euro.

Dieses Traditionsunternehmen bei Karlsruhe ist deswegen pleite gegangen. Opfer der explorierenden Gaspreise. Stille statt lärmender Maschinen. Stefan Böll, Geschäftsführer von Baden Board, hat Insolvenz angemeldet. Hier wird kein Karton mehr aus Altpapier hergestellt.  

"Zu wissen, dass das nie wieder hier passieren wird, das zerfetzt einem wirklich das Herz. Also anders kann ich es nicht sagen."

Stefan Böll, Geschäftsführer Baden Board    

Die Maschinen des mittelständischen Karton- und Verpackungsspezialisten Baden Board werden von einer Gasturbine mit Strom und Wasserdampf versorgt. Das war in den letzten Jahrzehnten die preisgünstigste Energieform, für die Firma.    

"Vorher hatten Sie eine Energierechnung von 400.000 Euro im Monat und jetzt haben Sie eine Rechnung von 4 Millionen Euro im Monat? Sie rennen im Hamsterrad, drehen völlig durch und ohne eine Chance was zu bewegen. Sie haben keine Chance in so kurzer Zeit zu reagieren."

Stefan Böll, Geschäftsführer Baden Board              

Gas - mehr als die Hälfe davon bezieht Deutschland aus Russland. Für diese Abhängigkeit zahlen wir jetzt einen hohen Preis. In Deutschland gibt es unterirdische Gasspeicher an 33 Standorten. Aktuell sind sie zu gerade mal zu 25 Prozent gefüllt. Der größte deutsche Gasspeicher liegt in niedersächsischen Rehden. 2015 - ein Jahr nach der Krimannektion - übernimmt ihn eine Tochterfirma des russischen Staatskonzerns Gazprom: Astora. Nach der Heizsaison, wenn der Gaspreis sinkt werden die Speicher gefüllt. So hat das auch die Gazprom Tochter Astora seit 2015 gemacht. Aber im April 2021 ändert sich das plötzlich. Aktueller Füllstand  2%.       

"Das ist ziemlich eindeutig, eine bewusst herbeigeführte Verknappung des Erdgasmarktes. Alle anderen Gasspeicherbetreiber haben ihre Bestände wieder aufgefüllt, haben wieder auf 80, 90 Prozent Füllstand aufgefüllt, teilweise auf hundert Prozent, während die einfach kein Gas in diesem Gasspeicher in diesem Jahr eingespeichert haben."

Fabian Huneke, Energie-Experte, Energy Brain Pool    

Gaspreis gezielt in die Höhe getrieben?

Der Gasmarktexperte vermutet eine strategische Entscheidung bei Gazprom. Zu ungewöhnlich der veränderte Füllstand ab April 2021.         

"Da hätte man also spätestens dann sich schon wundern können, was für ein strategisches Ziel dahinter liegt. Denn ein marktwirtschaftliches Ziel kann das nicht sein, kein Gas einzuspeisen in dieser Situation."

Fabian Huneke, Energie-Experte, Energy Brain Pool          

Doch in der deutschen Politik war das kein Thema. In Europa schon. Im September schlugen über 40 Europa-Abgeordnete Alarm. Schriftlich fordern sie dringend eine Wettbewerbsuntersuchung, weil sie vermuten, Gazprom manipuliere die Gaspreise. Einer der Unterzeichner: der grüne Europapolitiker Reinhard Bütikofer. Europäische Politiker schauen schon lange kritisch auf die deutsche Russlandpolitik.       

"Mindestens kam da zu der Naivität auch noch eine brutale Selbstüberschätzung dazu. Man hat oft den Satz gehört ‚na, was soll s eigentlich?  Das macht doch nichts, wenn wir von Russland beim Gasimport abhängig sind. Dies sind ja auch abhängig davon, dass wir ihnen damit ihren Staatshaushalt finanzieren.‘ Das war ein Lieblingsargument aus der SPD."

Reinhard Büttikofer, Bündnis 90, Die Grünen, Europaabgeordneter

Der Experte vermutet, der Gaspreis sei bewusst manipuliert worden.        

"Wo Putin schon klar gewesen sein muss, das läuft jetzt auf jeden Fall auf einen militärischen Konflikt hin, wurden bewusst die Gasmengen, die Gaslieferungen zurückgedreht. Die Preise sind in der Zeit explodiert. Und in dem Moment, wo der militärische Konflikt angefangen hat, sind die Gasmengen sofort wieder hochgefahren worden, und die Gewinne wurden mitgenommen."

Fabian Huneke, Energie-Experte, Energy Brain Pool           

"Putin´s Herrschaft ist eine in imperialer Absicht. Die Sowjets waren verlässlicher, als es die Russen heute sind, weil die Sowjetunion einen Status quo Land war, während Russland heute an Land ist, das den Status quo in Europa auf den Kopf stellen will."

Reinhard Büttikofer, Bündnis 90, Die Grünen, Europaabgeordneter

Energieintensive Firmen kämpfen ums Überleben

Die Folgen trägt der deutsche Mittelstand, vor allem energieintensive Firmen, wie die Glasindustrie hier im Grenzgebiet zwischen Bayern und Thüringen. Während Michael Müller im Werk nach dem Rechten sieht - ist die Chefetage im Krisenmodus. Trotz guter Auftragslage ist die Situation dramatisch. So sehr, dass sich Unternehmer und Politiker aus der Region gemeinsam in einem Video an die Öffentlichkeit gewandt haben:

Videoappell

„Die Energiepreise sind nicht mehr tragbar.“

„Wenn wir das nicht zu einem vernünftigen Niveau bekommen, dann werden wir nicht weiter existieren hier.              

Die Resonanz bislang? Gutgemeinte Worte aus der Politik. Aber keine konkreten Hilfen.            

"Mit den jetzigen Kosten ist dauerhaft kein Wirtschaften möglich, keine Produktion möglich. Es wird bei dieser Kostensituation im Prinzip täglich mit jeder Palette Geld weggeschenkt."

Frank Martin, Finanzvorstand Heinz Glas    

 Das hat Konsequenzen für die ganze Region.           

"Ein großer Teil der Bevölkerung hier ist von der Glasindustrie direkt oder indirekt abhängig, verdient sein Geld, seinen Unterhalt für die Familien hier in der Glasindustrie. Deswegen ist es wichtig, dass wir weiter produzieren können."

Frank Martin, Finanzvorstand Heinz Glas      

Tausende Arbeitsplätze in Gefahr

Glasindustrie

Mehrere Krisensitzungen täglich. Tausende Arbeitsplätze - in Gefahr, wenn hier das Gas wegbleibt. Warnungen gab es genug. 1973 - die Ölkrise. Die OPEC-Länder drohten mit dem Ölhahn, um Druck auf den Westen während des Oktober-Krieges in Nahost auszuüben. Die Politik reagierte mit Benzin- Rationierungen und Sonntagsfahrverboten. Außerdem wurde per Gesetz eine nationale Ölreserve geschaffen. Beim Gas geschah nichts. Keine nationale Gasreserve und der Anteil an russischen Importen wird immer größer. Die Sowjets und später die Russen galten als verlässliche Partner.

Putins Aufrüstung, seine martialischen Manöver, der Einmarsch in Georgien 2008, die Annexion der Krim 2014, der anschließende Krieg im Dombas - das alles hatte keine Konsequenz für die deutsche Energiepolitik. Der Bau von Ostseepipelines und der Verkauf von Gasspeichern an Gazprom-Töchter wurde durchgewunken. Eine gesetzlich vorgeschriebene Gasreserve abgelehnt. Jetzt ist der größte europäische Gasspeicher leer, obwohl er direkt an der Ostseepipeline Nord Stream hängt. Er liegt im niedersächsischen Rehden, einem kleinen Dorf zwischen Bremen und Oldenburg.

Die Gazprom-Tochter Astora teilt auf Anfrage mit: für die Füllung der Speicher seien die Kunden verantwortlich, die Speicher-Kapazitäten buchen. Im Landkreis Diepholz sehen sie das komplett anders. Schließlich solle der Speicher Versorgungssicherheit garantieren. Deswegen denkt der Landrat über Enteignung nach.

"Die Idee einer Enteignung darf in unserer Gesellschaft immer nur der letzte Schritt sein. Das Wort Enteignung in den Mund zu nehmen, hilft aber vielleicht doch mal mit jemandem, der seiner sozialen Verantwortung im Eigentum nicht so ganz nachkommt, doch mal ins Gespräch zu kommen."

Landrat Cord Bockhop, CDU Landrat Kreis Diepholz

Stefan Böll nutzen solche Überlegungen nichts. Der Geschäftsführer des mittelständischen Kartonherstellers wartet auf den Insolvenzverwalter. Der Großteil der 280 Mitarbeiter ist freigestellt, wird wohl noch im März gekündigt. Trotz gut gefüllter Auftragsbücher, Insolvenz wegen explodierender Gaspreise.

"Über viele Jahre zu glauben, mit einem Herrn Putin zusammenarbeiten zu können, wenn man sich das im Nachhinein vor Augen führt, muss man sagen ‚Wie bescheuert muss man eigentlich sein?‘"

Stefan Böll, Geschäftsführer Baden Board

Die letzte Telefonkonferenz des Tages für Herrn Müller, Feierabend. Auf dem Heimweg: Tanken. Die Rechnung: Dreistellig.

"110 Euro ja, das muss man woanders weg knapsen. […] Sicherlich achten wir drauf, was wir kaufen und wo wir hinfahren, die Ausflüge werden wir ein bisschen reduzieren oder vielleicht eher aufs Fahrrad umsteigen."

Michael Müller

Doch eine Pleite der Firma hätte für diese Familie viel größere Einschnitte zur Folge. Die Politik scheint nun endlich aufgewacht. Die Bundesregierung will per Gesetz eine Nationale Gasreserve schaffen. Doch für viele Traditionsunternehmen kommt dieser Schritt ein Jahr zu spät. 


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