Report München


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Drehkreuz Istanbul: Wie Migranten nach Deutschland geschleust werden

Im Oktober kamen mehr als 5000 Migranten, überwiegend aus dem Nahen Osten, über Belarus bis nach Deutschland. Recherchen von report München zeigen: Die Route ist gut organisiert und führt über die Türkei.

Von: Oliver Mayer-Rüth, Katharina Willinger (Studio Istanbul), Markus Rosch

Stand: 09.11.2021

Dramatische Szenen an der Grenze zwischen Polen und Belarus:
Tausende Migranten wollen bei eisigen Temperaturen nach Deutschland.

Wenn sie es schaffen, dann kommen sie in eine Erstaufnahme-Einrichtung. Quarantäne und Asylantrag folgen dann.

Bis letzte Woche musste jeder in Brandenburg aufgegriffene Migrant hier her, nach Eisenhüttenstadt.

Und es kamen viele. Weit über 5000 allein im Oktober. Ihre Fluchtroute ging oft über Istanbul.

Auch Sabbah Abdoulghaffar aus dem Nordirak nahm mit seiner Familie diesen Weg.

"Wir haben drei Tage in Istanbul verbracht, dann kam einer vom Reisebüro und hat uns zum Flughafen gebracht, um nach Belarus zu fliegen."

Sabbah Abdoulghaffar

Erbil im Nordirak. Hier beginnen unsere Recherchen. Wir wollen die Route der Migranten nachzeichnen. Rund 2 Millionen Menschen leben in der multiethnischen Stadt.

Im Zentrum von Erbil liegt das Reisebüro Top Travel: Für viele Iraker der Ausgangspunkt auf dem Weg in die EU.

Hier verkauft Ahkam Özet derzeit vor allem Reisen Richtung Belarus. 

"Täglich rufen mich mindestens 5 Kunden an, zusammen mit den Kollegen, kommen wir wohl auf 20 am Tag, die nach Belarus wollen."

Ahkam Özet, Reisebürokaufmann

Und die fast immer ihre Familie mitnehmen. So können wöchentlich 500 bis 700 Reisende zusammenkommen. Direktverbindungen aus dem Irak nach Belarus gibt es keine mehr – sie wurden auf Druck der EU eingestellt. Nun läuft der Weg vor allem über das Nachbarland Türkei. 

"Es gibt auch den Weg über den Iran, aber der wird eher selten genutzt. Die meisten reisen über die Türkei und besorgen sich dort ein Visum für Belarus."

Ahkam Özet, Reisebürokaufmann

Auch dieser junge Mann will genau diesen Weg einschlagen. Sein Ziel sei Deutschland, erzählt er.  „Falls es einen Weg gibt und die Schlepper vertrauenswürdig sind, will ich unbedingt nach Deutschland. Ich habe gehört der Weg über die Türkei ist günstig und gut.“ 

Bei ihm koste das Flugticket nach Minsk mit Zwischenaufenthalt Türkei etwa 1000 Euro, sagt Ahkam Özet. Hinzu kämen später wohl auch oft mehrere tausend Euro für Schlepper in Belarus. Viele Iraker verkaufen dafür all ihren Besitz. In den sozialen Medien hat sich rumgesprochen: Belarus ermöglicht die Weiterreise in die EU.

Vor allem junge Iraker folgen dem Lockruf aus Minsk sagt uns ein Staatsminister der nordirakischen Regionalregierung. Manche von ihnen fliehen vor Krieg und Gewalt. 

"Aber der wichtigste Grund ist die wirtschaftliche Lage, die hohe Arbeitslosigkeit - deshalb wollen so viele junge Menschen aus dem Irak, aber auch der ganzen Region ins Ausland."

Aydin Maruf Selim, Staatsminister für Minderheiten und Religion

Von Erbil führen uns die Recherchen weiter in die türkische Metropole Istanbul.

Hier sollen Mittelsmänner bei der belarussischen Auslandsvertretung Visa für die Migranten besorgen. Wir erhalten einen Hinweis aus Diplomatenkreisen.  

Der Flughafen Istanbul sei inzwischen eines der wichtigsten internationalen Drehkreuze für die Migration über Belarus in die EU, erfahren wir. Tagtäglich gibt es mittlerweile vier Direktflüge von Istanbul nach Minsk.

Der Schalter der belarussischen Airline Belavia: Hier helfen zwei Männer einer größeren Gruppe aus dem Nordirak. Sie bereiten mit den Migranten Reiseunterlagen und Visa für das Einchecken vor. Nach der Aufgabe des Gepäcks geht es weiter zur Passkontrolle. Auch dort helfen die beiden Männer - und bringen die Gruppe zu den Grenzpolizisten. 

Wir sprechen einen der Männer an. Er behauptete, er sei Student, komme selbst aus dem Nordirak und helfe bei der Organisation von Reisen nach Belarus. Nachdem wir uns als Journalisten zu erkennen geben, bricht er den Kontakt ab.
Ankara, April 2019 Staatsbesuch des belarussische Diktator Lukaschenko in der Türkei. Staatspräsident Erdogan und Lukaschenko vereinbaren eine intensive Zusammenarbeit.

In Berlin ist man alarmiert: Die geschäftsführende Bundesregierung geht inzwischen davon aus, Erdogan lasse wie Lukaschenko die Migranten ganz bewusst durch die Türkei weiterreisen, um Druck auf die EU auszuüben.

"Es gibt klare Erkenntnisse dahingehend, dass Istanbul insgesamt eine Drehscheibe darstellt, wenn es darum geht, illegale Migration nach Europa zu steuern und auch zu ermöglichen und da spielt natürlich auch der Flughafen in Istanbul eine ganz zentrale Rolle."

Stephan Mayer, CSU, Staatssekretär Bundesinnenministerium

Von Istanbul aus dürften inzwischen mehrere tausend Migranten ganz legal nach Minsk eingereist sein.

Bilder aus den sozialen Medien zeigen: Einige, die ihre Weiterreise in die EU noch nicht organisieren konnten, schlafen in der belarussischen Hauptstadt Minsk in U-Bahn-Haltestellen.

Polnische Soldaten ziehen an der Grenze zu Belarus immer mehr Stacheldrahtzäune hoch. Dennoch kommen über Istanbul, Minsk und dann Polen täglich neue Flüchtlinge nach Deutschland.

Von Minsk aus reisen die Migranten auf dem Landweg nach Polen und dann weiter an die polnisch-deutsche Grenze.

Frankfurt/Oder.  Hier ist die Bundespolizei im Dauereinsatz. Ständige Kontrollen sind an der Tagesordnung.

"Wenn ich sehe, dass wir im Oktober alleine für den Brandenburger Grenzabschnitt hier eine Verdoppelung der Zahlen vom September haben, kann man ganz klar sagen, wir haben hier eine Migration auf sehr hohem Niveau und eine Entspannung der Lage ist einfach nicht erkennbar."

Jens Schobranski, Bundespolizei 

Der Iraker Sabbah Abdoulghaffar erzählt uns, wie die belarussischen Grenzschützer ihm und seiner Familie geholfen haben, die EU-Grenze zu überqueren.

"Ein Polizist hat mein kleines Kind getragen und sie haben uns den Weg nach Polen gezeigt. Sie haben uns gesagt, dass wir langsam in diese Richtung laufen sollen, ohne die Taschenlampen anzumachen, weil uns sonst die polnische Polizei erwischt."

Sabbah Abdoulghaffar

Die Bundesregierung verlangt von der Türkei Konsequenzen.

"Und deswegen bin ich der festen Überzeugung, wäre es richtig, hier auch Präsident Erdogan stärker in die Verpflichtung zu nehmen, die Flüge von Istanbul ausgehend nach Minsk deutlich zu reduzieren, bzw. einzustellen."

Stephan Mayer, CSU, Staatssekretär Bundesinnenministerium

Sabbah Abdoulghaffer und seine Familie haben es geschafft. Sie wollen in Deutschland bleiben und sich hier eine Zukunft aufbauen.

Aber: Immer mehr Migranten hängen unter menschenunwürdigen Bedingungen irgendwo auf dem Weg fest. Den Machthabern, in den Ländern auf der neuen Route in die EU, ist das offensichtlich egal.


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