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Corona und Unruhen Die Jahresbilanz einer deutschen Pfarrerin in New York

Die Weltstadt New York und das Jahr 2020 – erst wurde die Stadt zum Epizentrum der Corona-Pandemie, dann gab es Unruhen und nun die Präsidentschaftswahl. Miriam Groß lebt seit sechs Jahren in New York, ist Pfarrerin der deutschsprachigen evangelisch-lutherischen Gemeinde. Wie hat sie dieses besondere Jahr erlebt?

Von: Miriam Braun

Stand: 03.11.2020

Anspannung in New York. Die Stadt rüstet sich für mögliche Unruhen in der Wahlnacht. Die Ruhe vor dem Sturm wenige Tage vorher. Pastorin Miriam Groß bietet Seelsorge im Park. Die Corona-Pandemie hat auch die Kirchenarbeit verändert.

"Gegenwärtig müssen wir öffentliche Plätze aufsuchen, im Freien. Wo wir gemeinsam vielleicht ein Stück spazieren gehen, an der freien Luft sind um das Infektionsrisiko möglichst gering zu halten und auch einen gesunden Abstand zueinander halten zu können."

Miriam Groß, Pfarrerin St.Pauls Kirche New York

Corona und die anhaltenden Einschränkungen stecken ihrer Gemeinde in den Knochen.

"Ich fühle mich wie eingeschlossen in Zement in dieser Stadt. Es gibt dann Leute, die haben noch ein Haus und können in den Garten gehen oder raus gehen. Und da sitzen sie in ihrer kleinen Wohnung Tag für Tag."

Friedhelm Piepenburg, Gemeinde-Mitglied

"Die Situation gegenwärtig erschüttert viele hier in den USA, vor allen Dingen New York. Das betrifft nicht nur die Auswirklungen der Pandemie, sondern auch die Wahl."

Miriam Groß, Pfarrerin St.Pauls Kirche New York

Epizentrum der Pandemie

Die St. Pauls Kirche wurde Mitte des 19ten Jahrhunderts von deutschen Einwanderern gegründet. Miriam Groß hat das Pfarramt hier vor sechs Jahren übernommen. Als New Yorkerin ist sie ständigen Wandel gewöhnt, aber so turbulent, wie in diesem Jahr war es noch nie: 

Im März ging auf einmal alles ganz schnell. Das Corona-Virus fällt über die Stadt herein. Schnell steigen die Neuinfektionen auf mehrere Tausend pro Tag.

Die Krankenhäuser: völlig überlastet. Teilweise sterben bis zu 800 Menschen am Tag. In Kühllastern werden die Leichen zwischengelagert. Die schillernde Metropole wird zum Epizentrum der Krise. Das Militär will helfen und schickt ein schwimmendes Krankenhaus zur Unterstützung. Die 'US-Comfort' – zu Deutsch: Trost.

"Die Bilder wieder zu sehen macht mich unglaublich betroffen. Da kommt sozusagen diese Emotionen wieder hoch. Da waren dieses Erschrecken, der Schock, der eigentlich die ganze Stadt und das Land und natürlich unseren Globus erfasst hat. Wie dieses Schiff in den Hafen einlief. Wir haben Trost gebraucht, wir haben ein Hoffnungszeichen gebraucht."

Miriam Groß, Pfarrerin St.Pauls Kirche New York

'Black Lives Matter'-Proteste: "Stadt in komplettem Aufruhr"

Mit viel Disziplin und einem strengen 'Lock down' kommt New York durch die erste, heftige Welle der Infektionen. Aber die Stimmung ist angespannt. Nachdem in Minneapolis der Afroamerikaner George Floyd unter dem Knie eines Polizisten stirbt, brechen die 'Black Lives Matter'-Proteste los. Auch Miriam Groß ist dabei.

"Diese Stadt hat sich in einem kompletten Aufruhr befunden. Ich würde es fast als einen heiligen Zorn beschreiben, indem man endlich dem Ausdruck gab, was schon seit langem vorhanden ist, nämlich einem systemischen Rassismus. Und das brach da in einer Emotionalität und in einer Vehemenz aus, weil es auch verbunden war mit dem vielen Leid, das da war."

Miriam Groß, Pfarrerin St.Pauls Kirche New York

Ausgerechnet in diesem bewegten Jahr wird jetzt gewählt. Die Wahlbeteiligung ist hoch, die Bevölkerung mehr gespalten denn je. Viele hier nennen es die wichtigste Wahl des Jahrhunderts.

"Was wir uns wünschen, ist ein Präsident, der Menschen zusammenbringt, der sie vereint, der Brücken baut. Die Wunden müssen heilen."

Miriam Groß, Pfarrerin St.Pauls Kirche New York

Miriam Groß wird am Wahlabend eine virtuelle Friedensandacht abhalten, um ihrer Gemeinde in der Anspannung ein bisschen Ruhe und Unterstützung zu bieten.


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