Report München


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Demographischer Wandel auf dem Land: Der Kampf einer Region gegen die Abwanderung

Leerstehende Häuser und eine immer älter werdende Bevölkerung: Viele Kommunen in ländlichen Regionen haben mit diesen Problemen zu kämpfen. In Unterfranken in Bayern haben sich Kommunen schon vor Jahren zu der „Hofheimer Allianz“ zusammengeschlossen, um gemeinsam das Problem des demographischen Wandels anzugehen. Mit einigem Erfolg, wie Recherchen von report München zusammen mit dem BR-Studio Würzburg zeigen.

Von: Ulrich Hagmann, Leon Willner

Stand: 09.11.2021

Idyllisch liegt Leutersdorf im Werra Tal. Doch das Dorf hat große Probleme. Viele Häuser stehen leer. Hier schlägt der demographische Wandel gnadenlos zu.

"Wenn das so weitergeht sterben wir aus, also der überwiegende Teil der Bevölkerung ist über sechzig, sechzig, siebzig, achtzig. Aber junge Leute."

Ursula Bohlmann

Das kleine Dorf steht exemplarisch für viele Landgemeinden in unserer alternden Gesellschaft.

Nur wenige Kilometer südlich. In den Haßbergen in Unterfranken liegt die kleine Stadt Hofheim. Überalterung, Wegzug, Leerstand: Bürgermeister Wolfgang Borst kennt diese Probleme und er stemmt sich dagegen mit seiner Hofheimer Allianz. Ein Gemeindeverbund der gegen Leerstand und Verödung vorgeht.

"1990 war die Grenzöffnung, Fortfall der Grenzlandförderung, die kam dann nach Thüringen und das hat sich niedergeschlagen. Wir hatten massiven Wegzug in dieser Region, bis zu 20 Prozent und drum war es nötig, eine Systematik zu entwickeln, wie mit dem entgegenwirken können das, aus einer Wegzugsregion, eine Region zu attraktiv wird es die Zuzugsregion wird."

Wolfgang Borst, Bürgermeister Hofheim

Sieben Gemeinden haben sich in der Hofheimer Allianz zusammengeschlossen. Statt Neubaugebiete am Dorfrand auszuweisen, vermarkten sie leerstehende Häuser im Ortskern über ein gemeinsames Leerstandmanagement. Die Käufer erhalten eine kostenlose Erstberatung durch fachkundige Architekten. Die Gemeinden geben eigene Zuschüsse und empfehlen weitere Fördertöpfe.

So konnten auch Großstädter in die Haßberge gelockt werden, wie dieses junge Paar.

Bürgermesiter: "Ich sehe das Geschäft ist gelaufen. Der vegane Kuchen ist weg."

Dominik Mützel: "Wir sind zugezogen. Und sind im März 2020 hergezogen und haben uns dann entschieden uns hier selbstständig zu machen und das Café und den Unverpackt-Laden zu eröffnen."

Das Gebäude ein ehemaliges Sportgeschäft wir derzeit renoviert und umgebaut.

Dominik Mützel: "Wir sehen unsere Zukunft hier und für die Kinder auch Stand jetzt."

report München: "Und wie groß ist das Investment, wenn ich fragen darf?"

Dominik Mützel: "Da müssen Sie den Senior fragen."

report München: "Sie haben investiert für Ihren Sohn"

"Ja, also, ich wusste ja nicht, dass er hierherkommt. Das war ungeahnt. Ich habe einfach investiert, weil ich meine Zukunft hier sehe. Und dann plötzlich sind die Kinder hier auch aufgetaucht, aus der Stadt, weg aus München weg."

Christian Wittmann

Beispiele von jungen Menschen, die sich den Traum von den eigenen vier Wänden in einem fränkischen Dorf selbst verwirklichen gibt es hier viele. Ana-Lena Vierneusel ist mit Mann und drei Kindern in diesen ehemaligen Vierkanthof gezogen. Statt Standard-Häuschen in einem gesichtslosen Neubaugebiet, individuelle Kombination aus Alt- und Neubau. Beraten von Architekten der Hofheimer Allianz.

"Am Anfang wäre es uns eigentlich lieber gewesen, wir hätten das alte Haus tatsächlich einfach weg machen können und hätten uns ein neues Haus hingebaut. Wir konnten uns einfach nicht vorstellen, wie wir dieses kleine alte Haus so herrichten können, dass wir da als fünfköpfige Familie reinpassen. Und da ist dann eben der Architekt auch wieder ins Spiel gekommen, der uns die Möglichkeit gezeigt hat, dass wir alt und neu kombinieren können und das war natürlich im Nachhinein die viel bessere Entscheidung für uns, weil es einfach unglaublich gemütlich ist diesen Altbau zu haben."

Anna-Lena Vierneusel

In Thüringen kurz hinter der bayerischen Grenze treffen wir auf den Immobilienmakler Günther Sülzbrück. Er hat eine ganze Reihe von günstigen Immobilien im Angebot. Das Geschäft läuft gut aber nicht überall. Nur besonders abgelegene Dörfer haben Probleme mit Bevölkerungsschwund und Leerstand.

Leutersdorf ist so ein Beispiel.

Seit 2001 ist die Bevölkerung um 32 % geschrumpft und bis 2040 ist ein weiterer Rückgang um 25% prognostiziert.

"Ich kenne ein bisschen die Geschichte dieses Hauses, das ist nun an der Hauptstrasse gelegen, also an der B 89 und dadurch schwierig zu verkaufen."

Günther Sülzbrück, Immobilienmakler

Das Dorf durchschnitten von der Bundestraße. Keine Infrastruktur, keine Geschäfte. Sülzbrück zeigt eine ganze Reihe von leerstehenden Häusern.

"Die Schule ist leerstehend, das heißt die Schüler dieses Ortes werden mit den Bussen dann in andere Gemeinden gefahren."

Günther Sülzbrück, Immobilienmakler

Die Schule geschlossen und auch der Kindergarten ist zu fungiert jetzt als Seniorinnentreff.

report München: "Jede von Ihnen wohnt hier in einem Haus allein, oder wie?"

Isa Abeßer: "Fast, fast jeder Rentner, selten, dass zwei Mann in einem Haus sind. So geht das Dorf kaputt, früher waren wir über 500 Einwohner und jetzt sind wir nur noch 200 Hundert und noch was. So stirbt das Dorf schlimm ist das."

In Hofheim in den Hassbergen hat Bürgermeister Wolfang Dorst die Einwohner eingeladen. Zu einer gemeinsamen Aktion mit report München und, dem BR-Studio Würzburg. Im Rahmen der ARD-Themenwoche Stadt, Land, Wandel wird ein Film über die Landschaft der Hassberge von 1962 gezeigt. 

"Wenn ich von den Hassbergen erzähle, dem Land im Nordosten Unterfrankens, dann ist mir mit jedem Wort, jedem Namen den ich nenne, als sei ich wieder eingetaucht in die Welt meiner Kinderzeit."

Ausschnitt Film „Die Landschaft der Hassberge“ Originalkommentar

"Man hat mal so den Vergleich gesehen, zwischen dem Leben früher und jetzt halt. Es sind halt 60 Jahre. Aber es kam einem vor wie 120."

Felix Hömerlein

"Ich wohn gern auf dem Land, also bei uns im Dorf auch die Dorfgemeinschaft. Das ist für mich eigentlich auch einen Grund hierzubleiben."

Marie Thein

Die Hofheimer Allianz hat mittlerweile über 350 Anwesen vermittelt. Am schwierigsten ist die Situation in den kleinen Dörfern im Grenzgebiet zu Thüringen. Doch auch hier versuchen die Bürgermeister der Hofheimer Allianz jeden Leerstand zu vermeiden.

Wolfgan Borst und Hubert Endres

Wolfgang Borst, Bürgermeister Hofheim: „Hey Hubert, es ist doch ein Wahnsinn was sich in der Straße getan hat. In den letzten paar Jahren hattest Du doch mindestens 5 Leerstände da.“

Hubert Endres, Bürgermeister Bundorf: „Ja insgesamt waren acht Häuser im Endeffekt leer gestanden. Mittlerweile sind sechs weg, eins wir wahrscheinlich noch abgerissenen und zusätzlich haben wir jetzt auf der anderen Seite das da drüben noch verkauft.“

Hubert Endres, Bürgermeister Bundorf: „Wir bieten ja viel, wir machen viel und wir sind ja mittlerweile schon bekannt. Und es ist so eine win-win Situation. Mittlerweile kommen Leute, die haben, gehört es hier und dort, was gemacht worden ist. Schauen Sie sich das an und sind begeistert und ziehen hier her.“

Doch auch in diesem kleinen Dorf stehen jetzt wieder drei Häuser leer.

Hubert Endres, Bürgermeister Bundorf: „Aber man sieht da ist längere Zeit natürlich nichts mehr gemacht worden. Ist halt schade, weil das zieht das Niveau von einem ganzen Ortsteil natürlich dann wieder nach unten, aber teilweise sind uns ja die Hände gebunden, das weißt Du ja:“

Wolfgang Borst, Bürgermeister Hofheim: „Ja man kann zwar viel möglich machen, auch zaubern, aber alle Wunder gehen halt doch nicht.“

Das Problem: Die Eigentümer sind weggezogen; wollen aber nicht verkaufen. Da sind auch die beiden Bürgermeister machtlos.

Sie haben viel erreicht in der Hofheimer Allianz, aber noch nicht alles geschafft.
Aus einem Wegzugsgebiet ist eine Region geworden, die auch junge Familien aus der Stadt anzieht. Mehr Zuzug als Wegzug und trotzdem altert die Bevölkerung. Den demographischen Wandel können Sie auch Im Hofheimer Land nicht aufhalten. Aber sie haben ihn erheblich verlangsamt.


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