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Coronabekämpfung Von Asien lernen?

Die zweite Welle der Corona-Pandemie hat Europa voll erreicht. Jeden Tag neue Rekordzahlen, viele Länder sind in einem neuerlichen Lockdown. Dagegen hat sich in vielen asiatischen Ländern mittlerweile die Lage entspannt. Woran liegt das und was können wir von Asien lernen?

Von: Benedikt Nabben, Ahmet Senyurt

Stand: 03.11.2020

Poolpartys im Sommer, Halloween-Feiern am letzten Wochenende – in China scheint die Corona-Pandemie auf den ersten Blick kaum noch eine Rolle zu spielen. Ein Trugschluss, sagt Hy Han. Er kam vor sieben Jahren nach Deutschland, lebt nun in Köln. Das Virus sei auch in China im Alltag präsent. Strikte Regeln und deren Durchsetzung führten allerdings dazu, dass mittlerweile wieder ein normales Leben möglich ist.

"In China seit Anfang an ist die Botschaft schon ziemlich klar. Es heißt nicht: In manchen Straßen oder in manchen Situationen sollte man einen Mundschutz tragen, sondern man muss den ganzen Tag über im öffentlichen Raum einen Mundschutz tragen."

Hy Han

Strikte Regeln, wenig Widerstand

Zu den Regeln gehört auch eine Corona-Tracing-App. Welche Daten aber genau gesammelt werden, das verraten die Regierungsbehörden nicht. Verordnen sie Quarantäne, wird der Betroffene in ein Hotelzimmer gesperrt oder ein Alarmschloss an der Haustür angebracht, berichtet Xifan Yang. Sie ist Korrespondentin für ‚Die Zeit‘ und hat beobachtet, dass viele Menschen bereit sind, persönliche Freiheiten aufzugeben, um so die Infektionszahlen gering zu halten:

"Es gibt eben doch einen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass es eben Wert ist, sich für eine Zeit einzuschränken, wenn dadurch ein Lockdown verhindert werden kann. In Asien ist es so, dass die Menschen in China, Südkorea, Japan und Hong Kong und Singapur... , man hat eben aus der SARS-Epidemie 2003 gelernt."

Xifan Yang, Korrespondentin für ‚Die Zeit‘

Pool-Party in China

Obwohl viele im Sommer bereits aufatmeten, steigen in Deutschland die Zahlen nun wieder extrem schnell. Heute meldet das RKI 15.352 Neuinfektionen. Anders sieht das in weiten Teilen Asiens aus. Im bevölkerungsreichen China, dem Ursprungsland des Virus, ist die Zahl der Neuinfektionen nach offiziellen Angaben seit Wochen nur noch im zweistelligen Bereich.

Auch im kleinen Taiwan, einem Inselstaat, scheint die Pandemie unter Kontrolle zu sein. Es treten kaum neue Fälle auf. Und in Japan, einem Industriestaat mit ähnlicher Altersstruktur wie Deutschland, wächst zwar die Sorge vor einer zweiten Welle, die Infektionszahlen aber sind vergleichsweise gering. Heute wurden 488 neue Fälle gemeldet.

"Es braucht keine Wunder, keinen phantastischen Impfstoff"

Zur Strategie einiger asiatischer Länder zählen Massentests: Wie hier in der chinesischen Hafenstadt Qinqdao. Werden nur einzelne Fälle des Corona-Virus nachgewiesen, müssen zum Teil Millionen von Einwohnern verpflichtend zum Test. Strenge Regeln, die befolgt werden. Widerstand in Teilen der Bevölkerung, wie etwa in Deutschland, gibt es hier kaum:

"Es gibt hier doch ein sehr großes Unverständnis über die Unvernunft vieler in Europa und Amerika. Nämlich die Unvernunft, keine Masken zu tragen, aus der Quarantäne auszubrechen und damit Infektionen anderer zu riskieren. Oder dass man eben Willens ist, seine Daten Facebook oder Google zu geben, aber nicht den lokalen Gesundheitsämtern."

Xifan Yang, Korrespondentin für ‚Die Zeit‘

Was können wir von Asien lernen? Der Virologe Oliver Keppler beobachtet seit Monaten, wie dort die Infektion bekämpft wird.

"Die asiatischen Länder zeigen uns ganz klar, dass es keine Wunder braucht, keinen phantastischen Impfstoff, keine Medikamente, die wir noch nicht haben, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Wir können mit einfachen Maßnahmen, die wir alle kennen, können wir das Infektionsgeschehen kontrollieren, das zeigen diese Länder sehr eindrücklich."

Prof. Oliver Keppler, Leiter der Virologie am Max von Pettenkofer-Institut der LMU

Auf die Umsetzung dieser Maßnahmen komme es an. Auch Hy Han hofft, dass die zweite Welle in Deutschland so bald gebrochen werden kann.

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