Report München


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Wettlauf gegen die Zeit Forscher und Ärzte im Kampf gegen das Virus

Während sich Ärzte und Pfleger in Deutschen Kliniken auf die Corona-Welle vorbereiten und ihre Intensivbetten aufstocken, starten Forscher am Tübinger Tropeninstitut die erste Cloriquin-Studie in Deutschland. Und auch im Münchner Klinikum „Rechts der Isar“ soll demnächst ein Medikament gegen Corona getestet werden. Wir begleiten Forscher und Ärzte in ihrem täglichen Kampf gegen das Virus.

Von: Philipp Grüll, Fabian Mader

Stand: 31.03.2020

Radio

"Weltweit haben sich mittlerweile mehr als 400.000 Menschen mit dem neuen Coronavirus infiziert."

"Zustimmung zu Ausgangsbeschränkungen."

"Die olympischen Spiele in Tokio werden auf den Sommer 2021 verschoben."

"Als ich vor wenigen Tagen die ersten Todeszahlen aus Italien von weit über 800 Menschen an einem einzigen Tag gesehen habe, war ich sehr betroffen, weil ich glaube, auch als Arzt kann man sich nur schwer vorstellen, dass so viele Menschen an einem einzigen Tag an einer infektiösen Erkrankung versterben."

Christoph Spinner, Klinikum rechts der Isar, München

Dass es hier dazu nicht kommt, dafür tun sie alles in diesen Tagen. Sie haben Betten freigeräumt, Mitarbeiter geschult, Operationen verschoben. Und sie hoffen: Dass unser Gesundheitssystem standhält, auch weil es Italien so schwer getroffen hat.

"Die Kollegen dort sind eigentlich international sehr renommiert, also die europäische Intensivszene, gerade Thema Beatmung, das sind die Götter, sind die Italiener. Also ich glaube nicht, dass es am Personal liegt. Wahrscheinlich waren die doch ein bisschen später dran oder wir hatten das Glück, dass wir von denen lernen konnten."

Prof. Wolfgang Huber, Leiter Intensivstation, Klinikum rechts der Isar

Bislang sind elf von 14 Intensivbetten mit Corona-Patienten belegt. Und wenn nötig, gäbe es noch eine zweite Station. Doch ob das reicht?

"Aus der klinischen Erfahrung der ersten bei uns behandelten Patienten sehen wir doch, dass der klinische Zustand sich häufig binnen Stunden so verändert, dass die Verlegung auf die Intensivstation erforderlich ist. Und deshalb: Selbst wenn wir den Bedarf heute stillen können, bedeutet das nicht, dass wir ihn auch heute Abend noch stillen können."

Christoph Spinner, Infektiologe, Klinikum rechts der Isar

Ärzte im Ruhestand sollen helfen - und sind selbst Risikogruppe

Ob in der Großstadt - oder hier, in der Oberpfalz, in der Klinik Donaustauf. Vor einer Woche ist die Lage überall ähnlich: unter Kontrolle, aber angespannt. Noch sind es wenige Corona-Fälle, die Chefarzt Michael Pfeifer mit seinem Team durchgeht.

"Das fühlt sich fast wie ein Tsunami an. Im Moment ist eher noch Ruhe, um im Bild zu bleiben, eines Tsunamis. Das Bild zeigt uns, das Meer zieht sich zurück und es kommt eine Welle. Aber wie groß diese Welle ist, das wissen wir nicht."

Prof. Michael Pfeifer, Chefarzt Klinik Donaustauf

Wenn der Tsunami heranrollt, könnte es auch auf die stille Reserve unseres Gesundheitssystems ankommen. Auf Menschen wie ihn:

Eduard Höcherl. Er ist seit Anfang des Jahres im Ruhestand. Zuvor war er Chefarzt am Klinikum Schwabing, war Ärztlicher Direktor. In seinem Alter zählt er selbst zur Risikogruppe. Doch wenn sich die Corona-Krise zuspitzen sollte, steht er bereit.

"Ich habe schon überlegt, ich habe schon überlegt, aber ich glaube, das Risiko ist kalkulierbar."

Eduard Höcherl, Ehem. Ärztlicher Direktor München Klinik Schwabing

Dann wird er zurückkehren in seine ehemalige Klinik, die ihn deshalb vor kurzem angeschrieben hat. Und viele andere werden dasselbe tun. Da ist er sich sicher.

"Ich kann da nur auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, wie viele Menschen sich zum Beispiel gemeldet haben, als wir dieses Attentat im Olympiazentrum hatten. Da haben sich spontan so viele Mitarbeiter gemeldet und auch ehemalige Mitarbeiter, dass ich glaube, dass es einen großen Pool gibt von Menschen, die da helfen wollen."

Eduard Höcherl, Ehem. Ärztlicher Direktor München Klinik Schwabing

Radio

"Nur der Verzicht verhindert, dass wir dauerhaft verlieren, was wir lieben."

"Nach Informationen des Spiegel soll Frankreich die Bundeswehr um Hilfe gebeten haben, etwa bei der Verlegung von Patienten."

"150 Millionen Euro gibt das Bundesforschungsministerium an die Universitätskliniken."

Hilft ein Malariamedikament?

Die Corona-Welle erfasst Deutschland, jeden Tag mehr. Fast 44.000 Erkrankte sind es am Donnerstag. 11.000 mehr als zwei Tage zuvor. Und auch die Zahl der Toten steigt deutlich: von 157 auf 267.

Forscher und Ärzte im Kampf gegen das Virus | Bild: BR

Was es nun dringend braucht: Ein Medikament, das Corona bekämpft. Und da entwickelt sich das beschauliche Tübingen gerade zu einem der Weltzentren der Forschung. Am Freitag startet dort eine Studie mit Hydroxychloroquin, eigentlich ein Malariamedikament. Die Universitätsklinik bekam innerhalb weniger Tage grünes Licht.

"Genehmigungen dieser Art dauern häufig mehr als sechs Monate. Dieses Mal ist es rasant, ja gigantisch rasant gegangen."

Prof. Peter Kremsner, Institut für Tropenmedizin, Tübingen

Chinesische Ärzte haben das Medikament bereits gegen Corona eingesetzt. US-Präsident Trump hat es sogar als Wunderpille gepriesen. 

"Es ist sehr effektiv. Und wenn etwas schief geht, wird es niemanden umbringen."

Donald Trump

"Wenn dann Leute wie Herr Trump das so verkünden, dann führt das natürlich dazu, dass es wild verwendet wird und das ist sehr gefährlich. Wir müssen jetzt in sehr guten Studien untersuchen, ob es wirkt, ob es nichts bringt oder ob es vielleicht sogar schadet."

Prof. Peter Kremsner, Institut für Tropenmedizin, Tübingen

Erste Studie schon in wenigen Tagen

Schon in wenigen Tagen will er erste Patienten für die Studie untersuchen.

Freitagnachmittag, in München. Dr. Christoph Spinner vom Klinikum Rechts der Isar kommt für eine Sondersendung in den Bayerischen Rundfunk. Im Krankenhaus füllen sich langsam die Betten mit Corona-Patienten.

"Während wir zunächst vor allem ältere Menschen gesehen haben, sehen wir jetzt doch auch jüngere Menschen, also auch Menschen unterhalb des dreißigsten Lebensjahres mit schweren Erkrankungsverläufen."

Christoph Spinner, Klinikum rechts der Isar, München

Radio

"Keine Lockerung der Einschränkungen vor dem 20. April."

"Niemand kann heute mit gutem Gewissen sagen, er wissen, wie lange diese schwere Zeit anhält."

Die Klinik Donaustauf in der Oberpfalz. Hier sind bis zum Wochenende kaum Fälle hinzugekommen. Doch so wird es wohl nicht bleiben.

"Es besteht noch eine gewisse Ruhe und trotzdem eine große Anspannung, weil wir auch in den nächsten Tagen mit deutlich mehr Patienten rechnen müssen."

Prof. Michael Pfeifer, Chefarzt Klinik Donaustauf

Wenn Deutschland nicht über Monate stillstehen soll, muss schnell ein Medikament her

Denn die Zahl der Fälle steigt in hohem Tempo weiter. Bis Samstagabend sind es deutschlandweit offiziell 57.700 Erkrankte - am Dienstag waren es noch rund 33.000. Die Zahl der Todesfälle erhöht sich bis Samstag auf 433.

Wenn Deutschland nicht über Monate stillstehen soll, muss schnell ein Medikament her. Auch an der Uni Göttingen verfolgen Forscher einen aussichtsreichen Ansatz: Wenn das Virus einen Menschen befällt, dann dockt es an einem Protein an der Außenhülle von Zellen an. So kann es in diese eindringen und sich dort vermehren.

Die Idee der Forscher: Wenn das Protein gehemmt ist und diesen Job nicht mehr übernehmen kann - dann prallt Corona an der Zelle ab. Bald wollen sie testen, ob ein bereits erhältliches Medikament so Corona stoppen kann.

"Bei uns ist es so, dass wir in zwei, drei Monaten startklar sein sollten - und so lange wird es auch dauern, die entsprechenden Genehmigungen für den Tierversuch einzuholen."

Prof. Stefan Pöhlmann, Deutsches Primatenzentrum Göttingen

Vielversprechend, aber es wird dauern. Schneller könnte es in Tübingen gehen. Dort nimmt Professor Kremsner am Montag erste Patienten für seine Studie mit dem Malaria-Medikament Hydroxychloroquin auf.

"Wenn der Effekt sehr groß ist, also ein sehr positiver Effekt da ist oder man gar richtig Schaden anrichtet, dann können wir es innerhalb der nächsten zwei bis drei Wochen sicher schon sehen."

Prof. Peter Kremsner, Institut für Tropenmedizin, Tübingen

Impfstoff schon im Herbst oder Winter?

Das Tübinger Unternehmen CureVac arbeitet ganz in der Nähe am ersten Impfstoff gegen Corona. Auch den wird das Tropeninstitut im Sommer testen.

"Wenn die Möglichkeit der Produktion gegeben ist, das hängt allerdings bei den Firmen, dann kann ein erster Impfstoff, und es wird hoffentlich sogar, ich nehme an, mehrere geben, vielleicht im Herbst oder Winter schon eingesetzt werden."

Prof. Peter Kremsner, Institut für Tropenmedizin, Tübingen

Derweil steigen die Zahlen weiter. Aber etwas weniger heftig. Am Montagabend sind es knapp 67.000 Erkrankte in Deutschland. Damit hat sich die Zahl der Fälle binnen einer knappen Woche verdoppelt. Die Zahl der Todesfälle steigt im Verhältnis dazu sehr schnell an. Seit Dienstag hat sich ihre Zahl mehr als vervierfacht.

Heute Mittag, in München, im Klinikum rechts der Isar. Mittlerweile behandeln sie hier rund 60 Corona-Patienten gleichzeitig. 25 werden beatmet. Die Lage ist ernst, aber sie haben sie im Griff. Zumindest bis jetzt. Weil das Gesundheitssystem alles aufbietet und Deutschland stillsteht.

Radio

"Im Kampf gegen das Corona-Virus haben sich die Innenminister für eine Beibehaltung der Einschränkungen ausgesprochen."

"Das Virus werde die Welt noch Wochen und Monate beschäftigen."


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