Report München


1

Die Helden des Alltags Die, ohne die alles zusammenbricht

Während sich gerade so viele Arbeitende wie möglich ins Home-Office zurückziehen sollen, gibt es Berufe, bei denen das nicht geht. Wir haben sie begleitet: Den LKW-Fahrer, der unter strengen Sicherheitsvorkehrungen Waren nach Deutschland transportiert, den Leiter des Altenheims, der fest damit rechnet, dass das Virus auch sein Haus treffen wird, und die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Tafel, die alles dafür tun, um nicht schließen zu müssen.

Von: Irini Bafas, Benedikt Nabben

Stand: 31.03.2020

Altötting in Oberbayern. Im Altenheim St. Klara leben fast 100 Seniorinnen und Senioren. Seit Wochen verlassen sie hier kaum noch ihre Zimmer. Heimleiter Georg Sigl-Lehner macht seine tägliche Runde.

"Heute ist es ein bisschen gespenstisch hier im Haus, habe ich festgestellt. Absolute Totenstille. Ich find’s bedrückend, wenn man durchs Haus geht, da spürt man, auch die Bewohner spüren das."

Georg Sigl-Lehner, Leiter Altenheim St. Klara, Altötting

Die Bewohner dürfen keinen Besuch mehr von Angehörigen bekommen. Auf unbestimmte Zeit.

"Gut, dass Sie anrufen. Ich habe Ihre Mama heute schon ein paar Mal im Blick gehabt. Es geht ihr soweit gut, natürlich wartet sie wie jeden Tag auf Sie. Vielleicht können wir es dann so machen, wie wir es gestern schon gemacht haben, dass Sie sich kurz über das Fenster sehen. Na, übers Fenster kann überhaupt nichts passieren."

Georg Sigl-Lehner, Leiter Altenheim St. Klara, Altötting

Noch gibt es in der Region nur wenige bestätigte Corona-Fälle. Woanders hat das Virus schon längst die Altenheime erreicht. Einige mit tödlicher Wucht.

"Keine Frage des 'Obs', sondern des 'Wanns' "

"Wir sind auch fast schon sicher, dass es keine Frage des 'Obs', sondern des 'Wanns' ist. Wann haben wir den ersten bestätigten Fall auch hier in der Einrichtung?"

Georg Sigl-Lehner, Leiter Altenheim St. Klara, Altötting

Wir fahren nach Eschenlohe nahe der österreichischen Grenze. Hier beschäftigt die Spedition Wittwer rund 180 LKW-Fahrer.

"Ohne LKW und ohne Fahrer keine Versorgung: keine Nudeln im Regal, kein Toilettenpapier, keine Hygieneartikel und so weiter."

Georg Wittwer, Spediteur

Einer der Fahrer holt gerade in der Nähe von Mailand eine Lieferung für einen deutschen Discounter. Er meldet sich vom Rasthof.

"Wir haben gar keinen Kontakt zu Menschen. In Abladestellen und Ladestellen wird man beladen. Papiere kriegt man durch einen Schlitz durch, da hat man Gummihandschuhe an und Mundschutzmasken auf. Man muss halt in der Kabine bleiben."

Peter Buchwieser, LKW-Fahrer

In zwei Tagen wird er aus Italien zurück sein. Und uns erzählen, wie sich sein Beruf verändert hat.

Wie lange es so weitergeht: Ungewiss

200 Kilometer weiter, die Regensburger Tafel. Hier wissen sie gerade gar nicht, wohin mit so vielen Lebensmitteln. Und das in einer Zeit, in der eine Tafel nach der anderen wegen des Virus schließt. Auch sie standen hier kurz vor dem Aus.

Aber nach einem Aufruf in der Lokalzeitung ist plötzlich alles anders: Kistenweise Lebensmittelspenden. Junge Helferinnen, die kommen, um die älteren zu entlasten.

"Also ich bin ja Schülerin und habe deswegen diese fünf Wochen schulfrei. Und dann lese ich, die brauchen Hilfe, und keiner kommt hin und hilft denen und greift denen unter die Arme. Und ich sitze daheim, bin jung und fit und mache nix. Das finde ich ist halt ein Schmarrn."

Madeleine Hunley, Helferin Tafel Regensburg

"Ich bin einfach begeistert, dass die jungen Leute da jetzt so zupacken und ich denke, das ist Teil von der Solidarität."

Luise Fischer, Helferin Tafel Regensburg

Wie lange es so weitergeht: Ungewiss. Denn sollte das Virus auch hier ausbrechen, wissen 2000 Bedürftige von heute auf morgen nicht mehr, wie sie sich versorgen sollen.

In Altötting rückt das Virus derweil immer näher. Die Zahl der Corona-Fälle in der Region ist vergangene Woche noch einmal rasant gestiegen.

Das Altenheim von Georg Sigl-Lehner ist noch verschont. Per Videoanruf erzählt er uns, dass er sich immer mehr um die psychische Gesundheit im Haus sorgt.

"Wir werden ab Morgen einen virtuellen Besuch einrichten. Das ist jetzt sozusagen der nächste Schritt. Wir haben über einen örtlichen Elektrofachhandel zwei iPads geordert. Sodass wir im Bewohnerzimmer den direkten Kontakt zu den Angehörigen herstellen können."

Georg Sigl-Lehner, Leiter Altenheim St. Klara, Altötting (Facetime)

Tage der absoluten Isolation

Die Spedition Wittwer in Eschenlohe. Fernfahrer Peter Buchwieser kommt zurück aus Italien. Hinter ihm liegen Tage der absoluten Isolation im Führerhaus.

"Normal hast du halt am Abend ein Restaurant, wo du zum Essen reingehst. Das hast du nicht. Du bewegst dich halt nicht mehr. Weil du in deinen zwei Quadratmetern bist, da fühlst du dich sicher. Es ist halt ein mulmiges Gefühl, was mitfährt… Jetzt weiß die Bevölkerung, was sie an uns haben. Wir sind normal 356 Tage im Jahr die Prügelknaben der Nation, aber jetzt sehen sie, was mit dem LKW passiert, wenn er steht."

Peter Buchwieser, LKW-Fahrer

Damit das Leben in der Krise nicht ganz zusammenbricht, werden sie alle weitermachen. Georg Sigl-Lehner, der versucht, die Alten nicht alleine zu lassen, obwohl er sie isolieren muss. Die Helferinnen der Tafel, die verhindern wollen, dass die Schwächsten in der Krise vergessen werden. Und Peter Buchwieser, der die Grundversorgung aufrechterhält. Heute ist er wieder aufgebrochen. Er fährt nach Italien.

Manuskript zum Druck

Manuskript als PDF:


1