Report München


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Unheimliche Corona-Spätfolgen Verunsicherte Patienten, besorgte Ärzte

Wer jung ist, gesund und ohne Vorerkrankung, der steckt eine Corona-Infektion leicht weg. Und wenn man doch erkrankt, dann ist man schnell wieder gesund und Antikörper schützen vor neuen Infektionen. Das meinen viele. Doch immer mehr Betroffene klagen noch Wochen nach überstandener Infektion und negativem Test über schwere Nachwirkungen. Ärzte stehen vor einem Rätsel.

Von: Ulrich Hagmann, Maximillian Tenschert

Stand: 14.07.2020

Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst, obwohl die Corona-Infektion fast 4 Monate zurückliegt. Miklas Spohr ist Sportlehrer und Extremsportler. Surfen, Tauchen, Mountain-Biken, Free-Riden, das waren seine Hobbies. Unterhalb der Benediktenwand im Landkreis Garmisch liegt seine Joggingstrecke, 10 Kilometer durch den Bergwald läuft er normalerweise zwei bis dreimal die Woche. Jetzt schafft er kaum einen Kilometer im Spaziertempo und muss zwischendrin immer wieder Pause machen.

"Mit dem Rückfall habe ich dann plötzlich Kreislaufprobleme bekommen, Schwindelattacken. Richtige Schwächeanfälle, wo einfach von jetzt auf plötzlich gar nichts mehr ging. Und seitdem kämpfe ich mich wieder hoch. so mit dem Wechsel, dass ich mal zwei gute Tage habe, dann ist wieder ein, zwei, drei schlechte Tage. Dann kommen wir wieder drei gute Tage. Also völlig - man kann gar nicht damit rechnen, was los ist."

Miklas Spohr, Sportlehrer

Er hat sich die Infektion im Skilager Anfang März eingefangen, dann lag er vier Wochen zuhause im Bett. Im Krankenhaus war er nie. Am 3 April wurde er negativ getestet, seitdem gilt er als genesen. Kein Virus mehr in seinem Körper nachweisbar. Anfänglich hat er noch seine Schüler von zu Hause aus betreut, aber das schafft er jetzt auch nicht mehr. 

"Also ich habe täglich ein schlechtes Gewissen, vor allen Dingen in den guten Tagen, dass ich nicht arbeiten kann, an den schlechten Tagen, klärt sich das dann wieder ganz schnell. Aber dadurch, dass jetzt alle so das Gefühl haben, es ist ja gar nicht so schlimm, wie es ist, hat man das Gefühl, dass man auch gar nicht so ernst genommen wird."

Miklas Spohr, Sportlehrer

Die ganze Familie Spohr ist sportlich sehr aktiv. Daran erinnern derzeit nur die Fotoalben. Auch Simone Spohr war im März an Corona erkrankt, sie hat sich besser erholt, kann wieder arbeiten, so fit wie früher ist sie aber noch lange nicht.

"Also wirklich nicht. Es ist sowieso auch A, dass es uns überhaupt erwischt und B, dass es uns so erwischt, weil eigentlich waren wir noch nie wirklich krank. Also ich habe vielleicht, wenn es hochkommt, alle drei Jahre mal eine Grippe oder irgendetwas, ach eigentlich nie.  Wir leben, wir ernähren uns gesund. Wir sind viel an der frischen Luft. Ich verstehe auch nicht, warum es die einen so erwischt, die anderen so. Und es ist wirklich, es ist hart."

Simone Spohr, Buchhändlerin

Langzeitsymptome auch bei milderen Verläufen

Eine Antwort auf dies Frage sucht mittlerweile auch die Medizin. Die Schönklinik am Königsee hat eine renommierte Abteilung für Lungenerkrankungen. Von Anfang an wurden hier Covid 19 Patienten vor allem mit schweren Verläufen behandelt – doch jetzt rücken die mit milden Verläufen in den Vordergrund.

"Wir sehen tatsächlich teilweise Patienten, die sich nach schweren Verläufen ganz gut erholen, aber umgekehrt eben auch eine Reihe von Patienten, die eben mittelschwere Verläufe haben, die Residuen haben und die bringen einen bunten Blumenstrauß mit an Dingen, die verblieben sind."

Prof. Andreas Koczulla, Schön Klinik Berchtesgadner Land

Daten aus einer Patientenbefragung des Kings College London zeigen, dass noch jeder zehnte Patient auch vier Wochen nach der Infektion über Beschwerden wie Allgemeine Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Geruchsverlust, anhaltende Atembeschwerden, Durchfall oder Hautausschlag klagt.

Auch Herzrhythmusstörungen und Diabetes können als Langzeiteffekte einer Covid19 Erkrankung auftreten, trotz Antikörpern.

"Das ist bislang nicht gut verstanden, muss man ehrlicherweise sagen, warum das so ist. Also wir haben sicherlich in den letzten Monaten gelernt, dass dieses Virus sich an vielen Stellen festklammert. Und das scheint eben auch ein Grund zu sein, warum an vielen Stellen im Körper diese Probleme verbleiben können."

Prof. Andreas Koczulla, Schön Klinik Berchtesgadner Land

Antikörper schützen nicht

Auch in Israel registrieren die Ärzte am Shaare Zedek Medical Center in Jerusalem zunehmende Beschwerden bei Patienten, die als geheilt entlassen wurden. Obwohl das Virus im Test nicht mehr nachweisbar ist, klagten sie in einer ersten Studie über Langzeitsymptome. Manchen Patienten geht es jetzt sogar deutlich schlechter als in der akuten Erkrankungsphase. 

"Es ist äußerst alarmierend, dass auch junge Leute mit milden Verläufen unter Langzeitsymptomen leiden. Denn wir hören immer wieder junge Menschen, die sagen: Ich mach mir keine Sorgen, denn selbst wenn ich mich mit Corona infiziere habe ichwahrscheinlich keine oder nur sehr milde Symptome. Aber ich habe dann Antikörper gebildet und bin deswegen auf der sicheren Seite."

Prof. Gabriel Izbicki, Shaare Zedek Medical Center Jerusalem

Doch Antikörper schützen offensichtlich nicht vor den Langzeitfolgen einer Corona-Infektion, sagt Frau Prof. Scheibenbogen von der Fatique Ambulanz der Charité in Berlin. Fatigue- oder Erschöpfungssyndrom, zu Deutsch: chronische Müdigkeit, ist ein weit verbreitetes Phänomen nach Virusinfektionen und eine mögliche Erklärung für die Spätfolgen.

Coronavirus (Grafik) | Bild: BR

"Möglicherweise ist es nicht der Virus oder wahrscheinlich ist es nicht der Virus, sondern dass es wahrscheinlich das Immunsystem ist, das durch diese Infektion aktiviert wurde und dann nicht wieder richtig zur Ruhe gekommen ist."

Prof. Carmen Scheibenbogen, Immunologin Charité Fatique Centrum

Kein Einzelfall

Noch ist es zu früh, chronische Erkrankungen zu diagnostizieren, dafür ist Covid 19 zu jung. Aber Daten, die eine amerikanische Patientenorganisation weltweit bei Infizierten erhoben hat, deuten darauf hin, dass ehemalige Corona Patienten teilweise sehr lange unter Symptomen leiden, sagt die Forscherin Hannah Wei aus Toronto.

"Wir bekommen immer mehr Nachrichten von Menschen, die zehn Wochen oder zwölf Wochen oder länger Symptome haben, und immer noch nicht gesund sind."

Hannah Wei, Covid 19 Patient Research Team

Für Miklas Spohr sind die weltweiten Untersuchungen eine Bestätigung, denn lange hat er geglaubt, er sei ein Einzelfall, bis er bei Facebook auf Leidensgenossen gestoßen ist.

"Es war dann einfach gut zu sehen, dass es andere Leute gibt, denen es genau gleich geht. Die auch eine belegte Stimme haben, die sich wie ich dauernd räuspern müssen, die auch Kopfschmerzen haben, die auch so Tage haben, wo es wieder besser geht, die auch Tage haben, wo es ganz beschissen ist."

Miklas Spohr, Sportlehrer

In Schleswig-Holstein leitet Prof. Schreiber eine große Studie zum Thema. Dort sollen mehrere Jahre lang alle positiv Getesteten am Universitätsklinikum ausführlich mit CT und Funktionstest aller Organe untersucht werden. 

"Dieser Virus befällt den gesamten Körper. Alle Organe, das wissen wir, auch die Blutgefäße, das ist wahrscheinlich einer der wesentlichen Schädigungsmechanismen und der könnte durchaus das, was uns im Alter so erwischt, die üblichen Krankheiten Herzinsuffizienz, Demenz, also das, wovor wir Angst haben und was unsere Alterserkrankungen sind, ebenfalls beeinflussen."

Prof. Stefan Schreiber, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

Ärzte und Wissenschaftler sind besorgt, doch Miklas Spohr will die Hoffnung nicht aufgeben. Er will im September wieder seine Schüler unterrichten – persönlich und im Klassenzimmer

"Man muss ja positiv sein, geht ja gar nicht anders – jeden Tag aufs Neue."

Miklas Spohr, Sportlehrer

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