Report München


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Corona Der stille Tod und das Leid der Angehörigen

Hunderte Menschen sterben Tag für Tag in Deutschland an Covid-19; fast immer fernab der Öffentlichkeit. Zurück bleiben trauernde Angehörige, die oft nicht einmal richtig Abschied nehmen konnten. Wie gehen die Hinterbliebenen mit ihrem Schmerz um? Wie empfinden sie die Diskussion um Lockerungen? Und wie reagieren sie auf Menschen, die weiterhin das Corona-Virus leugnen?

Von: Ulrich Hagmann, Caroline Hofmann, Ahmet Senyurt

Stand: 08.12.2020

Plötzlich aus dem Leben gerissen. Für Familie Zintl aus der Oberpfalz ist seit einigen Monaten nichts mehr wie es war. Sie mussten im März gleich zwei sehr aktive Familienmitglieder begraben.

"Das ist mein Vater und das ist mein Onkel, mein Onkel Michael."

Leonhard Zintl

Im Abstand von nur vier Tagen sterben Michael und Max Zintl an Corona. Beide knapp über 80, doch beide ohne Vorerkrankungen.

"Beide waren bis zehn Tage vor ihrem Tod fit, haben gearbeitet, haben das Rentner-Dasein genossen."

Leonhard Zintl

Im landwirtschaftlichen Familienbetrieb halfen die beiden mit - freuten sich immer, wenn die Familie zusammenkam.

"Warum es gerade die beiden getroffen hat, wo sie sich angesteckt haben, weiß ich bis heute nicht und wenn dann müsste man die Frage anders stellen: wenn man was draus lernen kann, dann könnte man andere schützen."

Leonhard Zintl

Aus dem Schicksal lernen, um andere zu schützen

Andere schützen, lernen aus dem Schicksal der Verstorbenen, um weitere tragische Todesfälle wirksam zu vermeiden. Das ist ein Appell von Angehörigen.

Die ehemaligen Bundesgesundheitsministerium Rita Süssmuth hatte in Ihrer Amtszeit in den 80ern auch mit einer neuen Viruserkrankung zu tun. Mit HIV. Was können wir heute über 30 Jahre später vom Kampf gegen AIDS lernen?

"Als ich erstmals mit AIDS zu tun hatte, es gab keinen kompetenten Arzt und trotzdem mussten wir handeln aus inneren Haltungen heraus, die sind bei jedem Menschen eigentlich, mit der Geburt auf die Welt sind wir zugleich denkende, fühlende, kribbelnde Wesen und ich glaube, dieses einfühlsame Mitmachen, das können wir noch verstärken, nicht nur in der sachlichen Aufklärung, sondern in der menschenbezogenen, die Menschen emotional einzubeziehen. Was macht mir selbst Probleme?"

Rita Süssmuth, CDU, Bundesgesundheitsministerin 1985 – 1988

Die Menschen einbeziehen, zu Wort kommen lassen. Dieser Aufgabe hat sich Barbara Siefken aus Kerpen verschrieben. Sie wurde schon im Februar mit der Corona Krise konfrontiert. 16 junge Männer aus ihrem Bekanntenkreis haben sich beim Junggesellenabschied in Ischgl angesteckt. Barbara Siefken hat damals entschieden die Ereignisse zu dokumentieren. Sie hat eine Internetseite eingerichtet, auf der sie Beiträge von Menschen postet, die ihre Erlebnisse in der Corona Krise schildern. Ihr besonderes Augenmerk gilt den Berichten von Angehörigen, deren Liebste gestorben sind.

"Also ich habe ganz schnell gemerkt, dass da Bedarf ist, im Grunde eine Art Redebedarf und habe dann teilweise 5 bis 6 Beiträge an Tag hochgeladen, das wurde dann auf Dauer etwas weniger, aber dadurch ist jetzt wirklich ein Dokument der Zeitgeschichte entstanden. Also ich habe schon etwa 400 Beiträge online gestellt."

Barbara Siefken, Bloggerin

Patienten ringen einsam um ihr Leben

Auf Ihrer Homepage ist dokumentiert, wie sich das Leben in diesem Corona-Jahr geändert hat und was es bedeutet an Corona zu sterben. Der Abschied von geliebten Angehörigen, die letzten Minuten, alles ist anders. Barbara Siefken wird häufiger damit konfrontiert, wie Menschen einsam um ihr Leben ringen.

"Also was ich gehört habe sind die Corona Kranken eher laut, weil sie nach Luft schnappen, sie haben Angst, sie weinen, sie möchten eigentlich Hilfe haben."

Barbara Siefken, Bloggerin

Eine schreckliche Vorstellung für alle, die ihre Liebsten in den letzten Stunden alleine im Krankenhaus lassen müssen. Barbara Siefken hört viele solcher Geschichten, auch aus der eigenen Familie. Die Oma ihrer Cousine musste so sterben.

Einsamer Tod

Cousine: "Die war dann am Schluss im Altenheim und musste dann nochmal ins Krankenhaus und da hat sie sich dann infiziert, und ..."

Barbara Siefken: "Und Ihr durftet sie auch nicht mehr besuchen."

Cousine: "Nee durfte keiner mehr hin Ich wäre natürlich auch noch mal gerne vorbeigefahren und bin dann ab und zu mal hingefahren, aber irgendwie war dann ab dann nichts mehr möglich."

Barbara Siefken: "Ihr habt ja auch erfahren, dass deine Großmutter im Grunde auch isoliert war und nicht ständig jemanden bei sich hatte. Es gab auch keine Klingel am Bett oder so."

Cousine: "Ne man kam da überhaupt gar nicht dran einfach."

Schreckliche Schicksale, ergreifende Geschichten – und trotzdem möchte Rita Süssmuth vor allem Eines: Mut machen zum Leben.

"Es ist wichtig, sich immer vor Augen zu führen, wir haben eine begrenzte Lebenszeit und manchmal nur nach der Erfahrung eines Davongegangenen, eines Verstorbenen wird uns bewusst, achtet drauf, auch du weißt nicht, wie lange dein Tag noch ist und da halte ich es mit Luther: Heute pflanze ich nochmal ein Apfelbäumchen, vielleicht kann ich es morgen nicht mehr."

Rita Süssmuth, Bundesgesundheitsministerin 1985 – 1988

Auch In der Oberpfalz bei der Familie Zintl spielt ein Baum eine große Rolle in der Erinnerung.

"Hier ist das letzte gemeinsame Familienbild. Das war mein 50.Geburtstag. Mein Onkel hat gesagt: ich will dir was schenken und ich habe gesagt, ich will nichts, da ist mein Onkel auf die Idee gekommen: dann schenk ich dir einen Baum. Dann habe ich gesagt: nur, wenn wir den an dem Tag pflanzen. Dann sind sie mit Baum mit Spaten mit Werkzeug gekommen und dann haben wir den Baum gepflanzt."

Leonhard Zintl

Der Quittenbaum steht seitdem im Garten der Zintls. Eine der schönsten Erinnerungen an ihren Opa Max und ihren Onkel Michael. Die beiden werden dieser Familie nicht nur an Weihnachten fehlen.


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