Report München


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Zick-Zack-Kurs in Sachen Corona Was können wir aus den vergangenen Monaten lernen?

Patienten leiden unter den Folgen einer Corona-Erkrankung, Forscher arbeiten rund um die Uhr an einem Impfstoff und das Ordnungsamt kämpft mit immer neuen Regeln. report München mit einer Reportage, die beleuchtet, welche Folgen der Zick-Zack-Kurs in Sachen Corona hat und was wir aus den vergangenen Monaten lernen können.

Von: Benedikt Nabben, Markus Rosch

Stand: 08.12.2020

Berlin, Wedding. Schichtbeginn für Rainer Yanneck und Anja Schomburg. Gleich kontrollieren sie zum wiederholten Mal einen Friseursalon, in dem sich auch ein Nagelstudio befindet. Das müsste eigentlich geschlossen sein.

"Ich geh schon mal rein und gucke, ob auf ist. Oh hallo, guten Tag. Ihr wisst, Maske, ihr müsst eine Maske aufsetzen und ihr seid ja auch sehr viele. Mein Kollege war ja schon mal da."

Anja Schomburg, Ordnungsamt Mitte von Berlin

Die Kamera muss draußen bleiben. Fünf Minuten später:

"Ja hier haben wieder alle ihre Masken nicht aufgehabt."

Anja Schomburg, Ordnungsamt Mitte von Berlin

Anja Schomburg und Rainer Yanneck

"Bei ihm sieht man zum Beispiel auch, wie gesagt, wir waren ein paar Mal drin, es passiert ein bisschen auch was, die hatten am Anfang gar nichts, jetzt haben sie immerhin Desinfektionsspray. Nagelstudio ist leider Gottes immer noch offen. Na gut, anderes Thema."

Rainer Yanneck, Ordnungsamt Mitte von Berlin

Immerhin zumindest Desinfektionsspray nach neun Monaten Pandemie – schon das stimmt die Ordnungshüter positiv.

Größte Herausforderung: Der Winter

Derzeit ihre größte Herausforderung: Der Winter. Die kalten Temperaturen verlagern das Leben nach innen, und eine Wohnung können sie nicht so einfach kontrollieren wie ein Restaurant.

"Was weiß ich, was hinter den Türen, was ist da eigentlich los, wie will ich das eigentlich prüfen?"

Anja Schomburg, Ordnungsamt Mitte von Berlin

Ähnlich wie beim ersten Lockdown in Deutschland.

Damals steckte er sich mit dem Corona-Virus an. Erich Altmann, Anfang 50, ein Sportreporter ohne Vorerkrankungen. 14 Wochen liegt er im Koma.

"Es stand Spitz auf Knopf. Ich war phasenweise dem Tod näher als dem Leben."

Erich Altmann, Sportreporter

Seitdem kämpft er in einer Rehaklinik darum, wieder selbstständig sprechen, essen und gehen zu können. Wir werden erfahren, welche Fortschritte er macht.

Aber zuerst nach Tübingen. Am Universitätsklinikum leitet Prof. Peter Kremsner die Impfstoff-Studie für den Hersteller CureVac. Immer wieder besuchen wir ihn in den letzten Monaten, sprechen über seine Forschung. Seit Jahren entwickelt er Impfstoffe, die auf einer sogenannten Messanger-RNA basieren. Bisher wurde solch ein Medikament noch nie zugelassen. Kein Zufall, dass sich das ausgerechnet jetzt ändern könnte:

"Der Unterschied zu vorher, als wir auch gerade mit der Firma CureVac an Impfstoffen mit dieser mRNA-Technologie gegen Malaria und Lassa arbeiteten, ist, dass es jetzt sehr viel mehr Geld gibt. Das ist der ganz große Unterschied. Geld spielt im Moment keine wirkliche Rolle."

Prof. Peter Kremsner, Institut für Tropenmedizin, Universitätsklinikum Tübingen

Drei Konkurrenten stehen mit ihren Impfstoffen kurz vor der Zulassung in Europa, heute wurden die ersten Patienten in Großbritannien geimpft. Peter Kremsner hofft mit CureVac schon in den nächsten Wochen nachzuziehen. Ende April war das noch nicht absehbar.

Weltärztepräsident gibt Irrtum zu

Als gerade der harte Lockdown aufgehoben wird, sorgt er für Aufsehen. Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery.

Er hat inzwischen eingeräumt, dass seine Behauptung falsch war:

Interview

Frank Ulrich Montgomery, Vorstandsvorsitzender Weltärztebund: "Also die wissenschaftlichen Arbeiten, die darüber bestehen, belegen, dass ich mich geirrt hatte damals. Die Masken sind sinnvoll. Sie reduzieren den Virus-Ausstoß um etwa 85 Prozent."

report München: "Wir haben gesehen, dass sich Maskenverweigerer immer wieder auf Aussagen wie die Ihrige damals berufen und sagen, wenn sogar der das sagt, dann muss ich ja gar keine Maske tragen."

Frank Ulrich Montgomery, Vorstandsvorsitzender Weltärztebund: "Auch wir haben einen Prozess durchgemacht, indem wir gelernt haben, dass heute Wissenschaft sich viel schneller kommuniziert als früher."

Während der eine Ärztefunktionär seinen Fehler bereut, zweifelt der Präsident der Bundesärztekammer noch Mitte Oktober öffentlich am Nutzen von Masken.

"Ich bin davon nicht überzeugt, weil es auch keine tatsächliche Evidenz, wissenschaftliche Evidenz gibt, dass die hilfreich sind."

Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer

Unter öffentlichem Druck rudert auch er zurück. Ein Interview mit report München lehnt er ab, dazu sei bereits alles gesagt.

Im Sommer. Die Infektionszahlen sind niedrig. Und in Berlin beobachten wir Anfang August einen fast verzweifelten Kampf des Ordnungsamtes für mehr Abstand und gegen uneinsichtige Partywütige.

Feiern in Berlin

Anja Schomburg, Ordnungsamt Mitte von Berlin: "Achtet auf den Abstand, es geht um eure Gesundheit und die Gesundheit anderer."

report München: "Feiern geht wieder, trotz Corona?"

Frau: "Ich denke mal schon. Ich meine, das Leben muss ja weitergehen."

report München: "Keine Angst vor Corona?"

Frau: "Naja, also nö. Nicht so richtig. Nein."

Undurchschaubare Regeln

Kurz nach unserem Dreh steigen die Infektionszahlen in Berlin stark an.  

Gleichzeitig plädiert er immer offensiver für Lockerungen, für Gebote statt Verbote. Dr. Andreas Gassen, der als Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung 150.000 niedergelassene Ärztinnen und Ärzte vertritt. Wir fragen: „Glauben Sie wirklich, dass Menschen sich besser an Regeln halten, wenn die Regeln freiwillig sind?“

"Also ich glaube zum einen halten sie sich besser an Regeln, wenn sie freiwillig sind. Und vor allen Dingen halten sie sich besser an Regeln, wenn sie den Sinn erkennen in einer Regelung."

Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender Kassenärztliche Bundesvereinigung

Selbst für die Ordnungshüter sind die häufig wechselnden Regeln manchmal verwirrend. Glühweintrinken am Verkaufsstand verboten, To-Go erlaubt.

"Die dürfen da hinten sitzen, mit Maske, weil es ist ja mit Maske. Aber da dürfen sie sitzen, hier dürfen sie nicht verweilen. Was sind das, 10 Meter oder was? Und genau das ist der ganze Quatsch an der Verordnung."

Rainer Yanneck, Ordnungsamt Mitte von Berlin

Aber der Respekt vor dem Virus wachse.

"Mehr Menschen haben jetzt auch bekannte oder Arbeitskollegen oder Familie, die da irgendwie betroffen sind. Wird es jetzt einfach greifbar. Es kommt näher."

Anja Schomburg, Ordnungsamt Mitte von Berlin

Weltärztepräsident Montgomery gibt nun den Hardliner:  

"Die etwas gefühlsduseligen Auflockerungen zu Weihnachten gehen mir wissenschaftlich gegen den Strich. Weil das Virus kennt weder Weihnachten noch Ramadan."

Frank Ulrich Montgomery, Vorstandsvorsitzender Weltärztebund

Verhindert impfen die Ansteckung?

Tübingen. Impfstoff-Forscher Peter Kremsner ist optimistisch, dass bald auch in Deutschland die ersten Menschen geimpft werden können. Eine Impfung, die den Ausbruch der Krankheit beim Geimpften verhindert. Wie es aber mit der Infektion, also der Übertragung des Virus auf andere aussieht – ist offen.

"Zur Infektionen gibt es noch zu wenig Daten. Es ist aber anzunehmen oder zu befürchten, dass die derzeitigen Impfstoffe die Infektion nicht völlig verhindern werden können."

Prof. Peter Kremsner, Institut für Tropenmedizin, Universitätsklinikum Tübingen

Schon jetzt forscht Peter Kremsner an einer Schluckimpfung, die eine Infektion mit dem Virus dann komplett unmöglich machen soll.

Ob Erich Altmann, der Sportreporter aus Niederbayern, wieder so fit wird, wie er es vor der Corona-Infektion war, ist unklar. Neun Monate nach seiner Erkrankung ist er glücklich, dass er mittlerweile wieder eine Treppe hochkommt.

"Für mich ist das ein Quantensprung. Nur ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber für mich ein riesiger Fortschritt."

Erich Altmann, Sportreporter


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