Report München


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Streitgespräch: Corona-Patientin trifft Maßnahmen-Kritiker

Weltweit ist das Corona-Virus weiter auf dem Vormarsch, in Frankreich und in Spanien steigen die Fallzahlen massiv. In Deutschland gehen derweil Tausende Menschen gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße. Was wollen diese Menschen? In report München diskutiert ein Corona-Maßnahmen-Kritiker mit einer ehemaligen Corona-Patientin, die noch immer unter den Spätfolgen ihrer Erkrankung leidet.

Von: Sebastian Kemnitzer, Benedikt Nabben

Stand: 22.09.2020

Sabine Bürk macht sich Sorgen, dass bald wieder mehr Menschen schlimm an Corona erkranken. So wie sie im März. Bis heute spürt sie die Spätfolgen.

"Meine Beine, die machen nicht so mit, wie sie möchten. Ich habe auch weniger Kraft in den Händen, in die Hocke gehen und dann wieder nach oben kommen, ist unmöglich ohne Hilfe. Das war auch ein starker innerer Kampf, loszulassen. Die alte Sabine loszulassen, die immer sportlich aktiv war."

Sabine Bürk

Und deswegen will sie nun mit den Menschen reden, die glauben, die Corona-Maßnahmen seien überzogen.

"Wenn ich sehe, dass Menschen die Maske nicht tragen, sie aber so pseudomäßig in der Hand tragen, dann sage ich schon, bitte setzen Sie die Maske auf. Und stelle die Frage, warum sie es nicht tun. Die Meisten können das nicht beantworten."

Sabine Bürk

Kann sie ihn überzeugen? Mathias Tonigold ist vor 10 Tagen extra zu einer Corona-Demonstration nach München gefahren. 

"Für mich persönlich, diesen Lockdown fand ich übertrieben, weil ich habe natürlich auch ganz viele Kunden bei mir, die leider ihren Job verloren haben, grade die 400-Euro-Jobber."

Mathias Tonigold

Ein paar Tage später treffen wir ihn am Bodensee. Mathias Tonigold ist selbstständige Berater im Immobiliensektor. Für ihn nimmt Corona momentan eine zu große Rolle ein, wirtschaftliche Probleme oder Schäden durch die Corona-Politik würden ausgeblendet.

"Sie haben natürlich auch mit diesem Lockdown weitere Dinge ausgelöst. Mit weiteren Dingen meine ich, dass alte Menschen sterben mussten, ohne sich von Angehörigen zu verabschieden. Teilweise Mütter ihr Kind gebärt haben, wo dann nachher nicht mal der Vater oder andere Angehörige dabei waren - mit Maske. Und viele Leute auch bis heute in die Kurzarbeit geschickt haben, die sich die Frage gestellt haben, wie geht‘s denn überhaupt weiter?"

Mathias Tonigold

Am Seeufer in Konstanz treffen der Corona-Maßnahmen-Kritiker und die ehemalige Corona-Patientin aufeinander. Das Gespräch wird über eineinhalb Stunden dauern, mit vielen Kontroversen.

"Sie dürfen ja als Regierung nicht an sich denken, sie müssen als Regierung an 80 Millionen denken."

Sabine Bürk

"Das bezweifel ich, dass das unsere Regierung macht."

Mathias Tonigold

"Nein, da widerspreche ich Ihnen sehr."

Sabine Bürk

Wie dramatisch ist die Situation momentan?

München, Mitte September. rund 10.000 Menschen demonstrieren gegen die Corona-Maßnahmen, oft ist von einer „Corona-Diktatur“ die Rede. Anders als bei der Demonstration in Berlin sind hier aber keine rechten Symbole zu sehen. Warum sind die Menschen hier?

Demonstranten

„Da immer noch so Panik zu machen und zu sagen, wir haben es mit einem Killervirus zu tun, finde ich ein bisschen viel."

„Wenn man die Menschen auf Dauer isoliert, das ist ein Selbstmord für unsere Gesellschaft."

„Was mich ängstigt, ist diese Politik, die hier betrieben wird, diese Angstmacherei."

Wie dramatisch ist die Situation momentan und wie weitermachen? Darum dreht sich auch das Gespräch hier.

"Was wäre denn Ihre Lösung, Frau Bürk?"

Mathias Tonigold

"Dass wir so weitermachen, wie es jetzt läuft. Abstand halten, Achtsamkeit,Respekt, die Masken tragen, Hände waschen - es hat doch bis jetzt sehr gut funktioniert, sonst wären die Zahlen nicht so weit runtergegangen. Und ich glaube, damit werden wir noch eine ganz schön lange Zeit leben müssen."

Sabine Bürk

"Ich bin überzeugt davon, wenn jetzt der Oktober kommt, mich hat`s gewundert, ich habe in den Medien immer verfolgt, Ostern, da müssen wir vorsichtig sein, da kommt die zweite Welle. Dann hieß es irgendwann mal, jetzt gehen die Kinder und die Schulen wieder los, jetzt müssen wir vorsichtig sein, die zweite Welle rollt schon, das waren die Schlagzeilen. Ich sag ja, das ist eine Panikwelle, was auf die Menschen immer wieder zugreift."

Mathias Tonigold

Europaweit schnellen die Coronazahlen nach oben

Nur Panik? Europaweit schnellen die Coronazahlen wieder nach oben, speziell Spanien und Frankreich sind stark betroffen. In Frankreich: über 70.000 Neuinfektionen in den vergangenen 7 Tagen. In Paris gilt auch im Freien eine Maskenpflicht. Seit Jahren lebt hier die Schauspielerin Irma Barry-Schmitt.

"Ich persönlich denke, dass die Deutschen gar nicht verstehen, wie gut es ihnen geht und dass sie das zerstören, wenn sie da auf die Straße gehen und einfach wild demonstrieren. Weil hier ist es extrem."

Irma Barry-Schmitt

In Frankreich füllen sich nun auch die Kliniken wieder stark. In Deutschland dagegen sind zwar 71 Prozent der Intensivbetten belegt, aber nur sehr wenige mit Covid-19-Patienten.

Doch auch in Deutschland steigen die Corona-Zahlen wieder. Speziell in München. Ausgerechnet hier wurde jetzt am Wochenende in 50 Gaststätten eine Wiesn-light gefeiert. Nun kommt eine Maskenpflicht für manche Plätze im Freien. Um Masken geht es auch bei dem Gespräch. Mathias Tonigold sagt, er kann aus gesundheitlichen Gründen keine tragen.

"Ich kann sie nicht tragen, das nächste ist einfach, ich kriege Panikattacken und Kreislaufprobleme."

Mathias Tonigold

"Ich bin überzeugt Maskenträgerin, gerade, weil ich Covid-19 gehabt hab und ich kenne die Spätfolgen."

Sabine Bürk

"Ich halte von Masken rein gar nichts. Weil ich weiß erstmal nicht, was ist in der Maske drin. Und was das für Inhaltsstoffe sind."

Mathias Tonigold

Nicht nur das Thema Masken sehen die beiden unterschiedlich. Sondern auch: die Sinnhaftigkeit von Tests, die Gefährlichkeit des Virus und die Folgen der aktuellen Corona-Politik für die Gesellschaft. Beide diskutieren sachlich. Ihr Resümee:

"Ich habe bei Ihnen leider nicht so den Eindruck gewinnen können, dass Sie, dass meine Denkungsweise auf Sie übergegangen ist, dass Sie annehmen, dass Sie sagen, ich denk doch mal darüber nach, ob da nicht doch was ist, was mit zum Umdenken anleitet. Ob ich nicht doch mehr Schutz mir und anderen angedeien lasse."

Sabine Bürk

"Was ich ganz ganz wichtig finde ist, dass wir einfach im Diskurs bleiben und wir es nicht dramatischer machen, wie es eventuell ist. Dass wir nicht Leuten, die nicht betroffen sind, Angst bekommen. Ich finde es aber auch wichtig, dass Sie den Menschen mitteilen, Ihren Geschichten, um einfach auch diese Achtsamkeit zu haben, weil das wäre meine Botschaft und ich glaube, auch Ihre, dass wir den Menschen sagen, die Symptome haben, dass die wirklich erstmal zuhause bleiben, um andere Menschen zu schützen. Da gehe ich voll mit Ihnen und ich denke, dass ist auch ein gutes Schlusswort, weil das ist die Basis. Achtsamkeit. Und …"

Mathias Tonigold

"Respekt."

Sabine Bürk

"Respekt, den Menschen gegenüber."

Mathias Tonigold

In ein paar Monaten wollen sich die beiden noch einmal treffen und sich erneut austauschen.

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