Report München


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Corona und kein Ende Was erwarten Mediziner im Herbst?

Die Fallzahlen steigen wieder schneller europaweit und auch in Deutschland. Was erwarten Ärzte im Herbst? Wann kommt ein Impfstoff und wie gefährlich sind Aerosole in Innenräumen? Über all diese Fragen hat report München mit Virologen, Klinikern und Forschern gesprochen.

Von: Ulrich Hagmann

Stand: 25.08.2020

Ganz langsam kämpft sich Erich Altmann wieder ins Leben zurück. Der 51-jährige wurde im März mit SARS COV 2 infiziert. Eine Erkältung mit starkem Husten, Notaufnahme, es folgten zweieinhalb Monate künstliches Koma. Jetzt muss er in der Reha alles neu lernen: gehen, sprechen, sogar aufrecht Sitzen.

"Ich hatte keine Vorerkrankung, nichts. Wie aus heiterem Himmel. Ich war nicht im Ausland, ich war nicht Skifahren. Meine Freunde sind unversehrt. Ich weiß nicht, wie ich das bekommen habe."

Erich Altmann, Sportreporter

Erich Altmann ist Sportreporter beim Straubinger Tagblatt. Der sportliche Familienvater stand mitten im Leben, bis ihn Corona erwischte. Eine Kleingehirn-Funktionsstörung haben die Ärzte diagnostiziert, die eindeutig auf Covid-19 zurück zu führen ist.

Seit über einem halben Jahr kämpfen sie in Krankenhäusern und an Universitätskliniken in ganz Deutschland gegen das heimtückische neue Corona Virus. Wir haben nachgefragt im Norden, Westen und Süden der Republik: Was ist der Stand der Forschung?

"Wir wissen heute, dass Covid 19 keine harmlose Lungeninfektion ist, sondern fast alle Körperzellen des Menschen befallen kann und entsprechend sind die Schäden."

Prof. Stefan Schreiber, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

"Ich störe mich innerlich daran, wenn mir jemand in der Bahn, gestern zum Beispiel, gegenübersitzt und keine Maske trägt, einfach nur, weil ich weiß, der könnte infektiös sein."

 Prof. Matthias Echternach, LMU Klinikum München

"Das Problem im Herbst wird natürlich ein großes Problem werden, weil, wir wissen alle, die Kinder haben ständig eine laufende Nase im Herbst auch wir selber haben ständig Erkältungen."

Prof Ulrike Protzner, Uniklinikum der TU München

1,5% der an Autobahnen getesteten Reiserückkehrer positiv

In München forscht die Virologin Prof. Ulrike Protzner am Helmholtz Institut und an der Technischen Universität. Ihr Labor hat seit Januar Tausende von Proben auf Covid19 untersucht. Sie blickt mit Sorge in den Herbst.

"Wenn man sich die Zahlen anschaut bei den Reiserückkehrern, dann hat mich das schon ein bisschen geschockt: denn das waren ja schon an der Autobahn 1,5% Prozent Positive, wo hingegen wir einen pro Zehntausend haben, heißt das einen bis zwei pro Hundert und das ist natürlich schon eine ganz andere Dimension."

Prof Ulrike Protzner, Uniklinikum der TU München

Aktuell steigen die Fallzahlen in Deutschland wieder und haben im August nahezu durchgehend das Niveau vom Mai überschritten. Damals sank die Kurve dank des Lockdowns auf unter 1000 pro Tag. 1723 Neuinfektionen wurden am 19. August registriert. So viele Neuinfektionen hat Deutschland zuletzt am 28 April gemeldet.

Warum eine Infektion mit SARS-COV2 unbedingt zu vermeiden ist, das wird im hohen Norden in Kiel untersucht. Am Universitätsklinikum betreut der Direktor der medizinischen Klinik Stefan Schreiber gleich mehreren Corona Studien. Im nördlichsten Bundesland kann sich jeder Positiv Getestete über zwei Jahre auf Herz und Nieren checken lassen.

"Da gibt es Patienten, die erholen sich einfach sehr verzögert von der Infektion, es gibt Patienten die haben bleibende Schäden nach der Infektion, da funktionieren einzelne Organe nicht mehr und wir denken, es wird auch in den normalen Alterungsprozess eingreifen, wo es ja völlig normal ist, innere Medizin, Herzschwächen, Leberschwächen, Nierenschwächen ..."

Prof. Stefan Schreiber, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

1,5 Meter Abstand noch zu wenig?

In München hat das Klinikum der Ludwig-Maximilian-Universität zusammen mit Strömungsforschern des Universitätsklinikums Erlangen eine weitere Gefahr untersucht.  Die Ausbreitung von Aerosolen beim Singen, Sprechen und Husten. Der Rauch von E- Zigaretten zeigt wie die Aerosole sich ausbreiten.

"Hier ist es so, dass der gesungene Text gleich dem gesprochenen Text zumindest in den Weiten her war, sodass wir sagen können, dass die Abstände nach vorne hin, mit den anderthalb Metern zu kurz wären. Wir brauchen hier Abstände von zwei, zweieinhalb Meter, damit man nicht direkt in der Wolke drin ist beim Nachbarn."

Prof. Matthias Echternach, LMU Klinikum München

Was bedeutet das für den Herbst, wenn wir uns alle wieder in geschlossenen Räumen aufhalten?

"Gerade wenn ein potentiell Infizierter Dauermonologe halten würde, oder gar singen würde, dann wäre es tatsächlich eine erhöhte Gefahr. Ich glaube schon, dass man in Innenräumen, gerade in Schulen Masken tragen sollte, aber auch gilt hier: immer eine Durchlüftung schafft relative Risikominimierung."

Prof. Matthias Echternach, LMU Klinikum München

Auch im schwäbischen Tübingen laufen am Universitätsklinikum eine ganze Reihe von Corona-Studien. Hier steht die Suche nach einem Impfstoff und nach einem Medikament im Vordergrund. Das von Donald Trump gehypte Malariamittel Hydroxichloroquin wird hier in einer großen Studie getestet, die noch nicht beendet ist.

Kein "Wundermittel" in Sicht

"Es wird kein Wundermittel sein, das ist schon lange klar, obwohl manche Amerikaner das gerne so gehabt hätten, aber auch die anderen Mittel, inklusive Remdesivr, sind keine Wundermittel. Also wir können von denen, die derzeit in der Erprobung sind, höchstens erwarten, dass sie eine gewisse Reduktion in der Krankheitsdauer erzielen können. Nicht viel mehr."

Prof. Peter Kremsner, Universitätsklinikum Tübingen

Mehr Hoffnung setzt Kremsner in einen Impfstoff, den er für die Tübinger Firma Curavec testet. Die klinischen Studien haben begonnen, Kremsner hat den Impfstoff schon vielen Probanden verabreicht. Für ihn gilt Sicherheit vor Schnelligkeit, er lässt sich nicht verunsichern von russischen und chinesischen Forschern, deren Impfstoffe längst zugelassen sind. Er will zuerst die Sicherheit des Impfstoffes mit Tausenden Probanden testen.

Impfstoff bis Ende des Jahres?

Prof. Peter Kremsner, Universitätsklinkum Tübingen: "Und wenn alles, ja, nach Plan läuft und wirklich sehr gut läuft, dann wird es in diesem Winter soweit sein, dass man ein Dossier einreichen kann, was zu einer bedingten Zulassung in der europäischen Union führen sollte."

report München: "Heißt im Frühjahr, Januar, Februar, könnte ein Impfstoff da sein?"

Prof. Peter Kremsner, Universitätsklinikum Tübingen: "Ja ich hoffe sogar früher, vielleicht zu Weihnachten."

Am Uniklinikum in Köln forscht auch Prof. Florian Klein an mehreren Corona Projekten. Eines der wichtigsten: die Entwicklung eines PCR-Schnelltests, denn in der kommenden Erkältungssaison im Herbst muss schnell und oft geklärt werden: wer hat Corona und wer nur einen harmlosen Schnupfen. 

"Dann kann man eben eine Art Teststreifen nehmen an dem man dort ablesen kann, ob dort Virus nachweisbar ist und aktuell geht es noch darum diese Teste noch in ihrer Sensitivität noch weiter zu verbessern."

Prof. Florian Klein, Uniklinik Köln

Auch dieser PCR-Schnelltest wird im Herbst noch nicht zur Verfügung stehen. 

Zurück in der Reha bei Sportreporter Erich Altmann.

"Ich war phasenweise dem Tod näher als dem Leben."

Erich Altmann, Sportreporter

Damit in den nächsten Monaten nicht noch mehr Menschen ein Schicksal wie Erich Altmann erleiden müssen, hilft vorerst nur Rücksicht, Maskentragen und Abstand halten.

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