Report München


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Zerstörte Existenz? Brexit-Angst von Deutschen in Großbritannien

Einst galten die britischen Inseln als ein Synonym für liberale Einwanderungspolitik. Vor allem London: ein Nabel der Welt – auch der europäischen. Doch inzwischen hat sich vieles geändert und Millionen EU-Bürger und auch viele deutsche Staatsbürger zittern auf der Insel vor dem drohenden Brexit.

Von: Beate Greindl, Sabina Wolf

Stand: 29.01.2019

Großbritannien. Mitten in der Brexit-Schlacht. Es scheint, als hätten viele Politiker, die den Austritt aus der EU befürworten, die Menschen vergessen. Die, die es hautnah betrifft.  report München hat sie besucht. Drei Fälle. Drei Schicksale.

"Ich finde es irgendwie deprimierend. Mir kommt es vor wie ein Schritt zurück in die Steinzeit."

Ursula Hudson

"Es macht mich wütend, es macht mich traurig."

Eva Litzenberg

"Wenn auf einmal sich der Premierminister hinstellt und quasi zu Leuten, mit meinem Lebensentwurf sagt, wir wollen Euch nicht mehr, das hat mich getroffen."

Eva Bigalke

Wir fahren in den Südosten Englands. Seit über 20 Jahren lebt sie hier, etwa 20 Kilometer nördlich der Küstenstadt Brighton in Hurstpierpoint. Ursula Hudson – ihr Mann Guy hat sie vom Flughafen abgeholt. Sie ist selbständig und pendelt zwischen Deutschland und Großbritannien. Doch ihr Zuhause ist hier. Ob das nach dem Brexit auch so bleiben kann? Sie wissen es nicht und das macht Ursula und Guy Hudson Angst. Absurd, dass ihr Bleiberecht neuerdings Thema in der Familie ist:

"Nie, nein, nein, nein, habe ich einfach nicht gedacht, das war nie vorgesehen, in meinem Kopf. Auch in Guys Kopf nicht. Das war unvorstellbar."

Ursula Hudson

Volle Bürgerrrechte? Nur mit britischem Pass

Ursula Hudson ist Deutsche. Ihr Mann Brite. Sie hat keinen britischen Pass. Den will sie jetzt beantragen, um in der verworrenen Brexit-Situation auf Nummer sicher zu gehen. Denn nur er garantiert volle Bürgerrrechte. Die Vorschriften für den Erwerb der britischen Staatsbürgerschaft haben sich seit dem Brexit-Votum verändert. Derzeit verlangen die Behörden, dass man in den letzten 12 Monaten nicht mehr als 90 Tage außer Landes war. Doch beruflich bedingt war Ursula Hudson öfter weg und fürchtet deshalb langfristig um ihr Bleiberecht.

Brexit-Angst von Deutschen in Großbritannien | Bild: BR

"Ich bin sehr unwillig mich dem ganzen Verfahren auszusetzen, weil ich finde nach 22 Jahren oder fast 23 Jahren England, 20 Jahren Ehe mit einem Engländer, eingezahlt ins Steuersystem, gehört man irgendwie zum Mobiliar des Landes. Aber offensichtlich nicht. Und jetzt muss man diesen Status plötzlich sichern. Ich hab´ mich auch immer stark als Europäerin gefühlt. Ganz stark. Und: Ich finde es ein Drama."

Ursula Hudson

"Da ist Wut, da ist auch Traurigkeit dabei"

Wir treffen die Jungunternehmerin Eva Litzenberg. Elf Jahre lang hat sie ihr Geschäft aufgebaut. Sie unterrichtet Deutsch in großen Firmen. Und auch Privatleute, wie den Bandmanager Geoffrey vergangenen Donnerstag in London Shoredich. Doch seit dem Brexit-Votum schwingt beim Unterricht ein flaues Gefühl im Bauch mit.

"Da ist Wut, da ist auch Traurigkeit dabei, da ist auch wirklich Fassungslosigkeit. Was passiert mit meiner Zukunft, was passiert mit meiner Existenz? Ich habe eigentlich wirklich richtig Angst."

Eva Litzenberg

Mobil arbeiten, wenig Papierkram. Eva Litzenberg hat nichts aufgehoben, was die Behörden neuerdings verlangen: Flug-Tickets oder Gasrechnungen, die den durchgängigen Aufenthalt im Land in den letzten fünf Jahre beweisen.

Brexit-Angst von Deutschen in Großbritannien | Bild: BR

"Das ist eigentlich ziemlich unfair, wenn man drüber nachdenkt, dass einem jetzt gesagt wird, warum habt ihr das Ganze denn nicht gesammelt, als es dazu eigentlich keinen Grund gab, diese ganzen Belege zu sammeln."

Eva Litzenberg

Verzweifelt versucht Eva Litzenberg, die Unterlagen beizubringen. Schafft sie es nicht, ist ihr unbegrenztes Aufenthaltsrecht in Gefahr.

Vergangenen Samstag im Südwesten Londons, Lewisham: Die Deutsch-Britin Eva Bigalke kämpft für eine 2. Brexit-Abstimmung.

"Ich kämpfe dafür, dass diese Freiheit, einfach in ein anderes Land innerhalb von Europa zu gehen beibehalten bleibt. Ich bin vor 23 Jahren hierhergekommen, ohne jemanden um Genehmigung bitten zu müssen. Kein Formular ausfüllen, keiner hat darüber entschieden. Und diese Freiheit soll auch einer neuen Generation beibehalten bleiben."

Eva Bigalke

Und Eva Bigalke hat auch ganz persönliche Motive. Sie und ihr Mann wollen später als Rentner eigentlich in Deutschland leben. Mit dem harten Brexit allerdings wäre ihr britischer Ehemann plötzlich kein EU-Bürger mehr. Die britische Krankenversicherung kann er dann in Deutschland nicht mehr wie bisher in Anspruch nehmen. Eine Absicherung im Krankenfall würde zum Problem. Womöglich braucht er sogar ein Visum:

Brexit-Angst von Deutschen in Großbritannien | Bild: BR

"Man muss dann auf einmal nachweisen, wie man sich für drei Jahre finanziert, man muss nachweisen, wie man für drei Jahre krankenversichert ist. Das ist mit medizinischer Vorgeschichte, im Rentenalter eine Hürde, die nicht mehr so einfach zu nehmen ist."

Eva Bigalke

Zurück zu Familie Hudson. Sie hat jetzt auch die nächsten Wochen im Blick. Denn ein ungeordneter Brexit Ende März hätte auch für Reisende wie Ursula Hudson Folgen: Sie erwartet Behinderungen im Flugverkehr, Riesenstaus an den Häfen und Chaos bei der Grenzabfertigung.

"Unsere Planungen sind, dass wir bei fortgesetzter Unsicherheit Richtung 20. März das Auto packen und mal drei, vier Wochen nach Deutschland gehen. Denn ich muss auch wegen meiner Arbeit in Deutschland sein. Und ich kann dann unter Umständen dann nicht so leicht hin- und herwechseln."

Ursula Hudson

Neben kurzfristigen Schwierigkeiten sieht Ehemann Guy noch ganz andere Probleme auf das Land zukommen:

"Ich habe große Angst vor Unruhen. Wenn es einen ungeordneten Brexit gibt, werden wir 10 bis 20 Jahre Chaos haben."

Guy Hudson

Sonntagabend: Ursula Hudson muss wieder Kofferpacken, noch ist es nur für die nächste Arbeitswoche. Doch wenn der harte Brexit kommt, dann könnte es für sie und ihren Mann schon bald für immer sein. So viel Unsicherheit, absurd, in einem Europa des 21. Jahrhunderts.


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