Report München


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Der Attentäter von Halle Unterstützung durch die rechtsextremistische Online-Szene?

Er gilt als Einzeltäter. Der 27-jährige Stephan B. versucht vergangenen Oktober, am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, schwer bewaffnet in eine Synagoge zu gelangen, scheitert, erschießt zwei Menschen, die sich in der Nähe aufhalten. Dabei filmt er seine Tat und streamt sie live im Internet, macht sie "seiner Szene" zugänglich. Der Einzeltäter ist kein Einzeltäter, sagen nun Experten, es gäbe Verbindungen, die belegen, wie sich die rechte Szene im Netz stärkt und unterstützt. Vom "lone wolf" könne keine Rede sein.

Von: Sabina Wolf, Christof Mackinger (Der Standard)

Stand: 22.09.2020

Stephan B. ist alleine im Auto, als er sein Anschlagsziel ansteuert: Die Synagoge in Halle, am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur im vergangenen Jahr. Doch ist Stephan B. ein Einzeltäter? Fest steht: Er hat Unterstützer im Netz, denen er diese Bilder seiner grausamen Tat zugänglich macht. Er filmt das Attentat live mit. Für seine Tat steht er jetzt alleine vor Gericht, auch heute, am Landgericht Magdeburg. Die Einbettung der Tat in die rechtsradikale Szene erfährt bisher nur wenig Beachtung im Prozess. Eine Geschädigten-Anwältin kritisiert das:

"Zum einen hat er sich viel Mühe gegeben bei der Auswahl der Musik, er hat extra einen Stick zusammengestellt, damit der Soundtrack zu seiner Tat passt. Und ich habe danach gefragt, weil es ja ein Zusammenspiel ist zwischen Tat und Musik, er hat gesagt, die Botschaft ist wichtiger als die Tat an sich."

Kristin Pietrzyk, Rechtsanwältin 

Es ist die Musik eines rechtsradikalen Rappers mit dem Pseudonym Mr. Bond, mit dem sich Stephan B. während seines Anschlags aufputscht. Die Musik des Rechtsradikalen Mr. Bond.

Rechtsradikale Netzwerke im Dark Web

In diesem Dark Web Forum für Rechtsradikale, im Chapter Österreich trifft sich der Rapper nach Recherchen von report München und der österreichischen Tageszeitung der Standard regelmäßig mit Gleichgesinnten. Phantasien vom "Reich" und Glorifizierung von Hitler dominieren den Austausch im Chat. 

Neben Mr. Bond auch dabei: K.M., die Abkürzung für Kikel Might. Er ist der Hintermann der mittlerweile indizierten rechtsradikalen Webseite Judas Watch. Eine Datenbank mit Listen sog. Feinde der „weißen Rasse.“ Juden sind mit einem Davidstern markiert. Im rechtsradikalen Podcast mit dem Namen "im Ofen" - wird Kikel Might international gefeiert.

Die rechtsradikale Szene tauscht sich aus: Auch Kikel Might mit Mr. Bond direkt. Im Chat propagiert Kikel Might 2017 ein persönliches Treffen mit Mr. Bond. Der sagt "based", soviel wie: "geht klar". Der Attentäter von Halle Stephan. B. ist online in ihrem Dunstkreis. Im Prozess gibt er zu, die rechtsradikale Musik habe ihm als Kommentar zur Tat gedient.

Für den Extremismus-Experten Samuel Salzborn sind diese Bezüge zwischen Judas Watch, dem rechtsradikalen Rapper und dem Attentäter von Halle neu, doch kaum überraschend:

"Niemand agiert allein. Alle rechtsextremen oder auch antisemitischen Akteure sind eingebunden in Netzwerke, in weltanschauliche Netzwerke, in logistische Netzwerke, da von Einzeltäter zu sprechen ist höchst verwirrend und irritierend und lenkt davon ab, dass es eine große Integration in der Szene und in das Milieu gibt."

Samuel Salzborn, Antisemitismusbeauftragter Berlin 

Webseite trotz Strafanzeigen jahrelang online

In Berlin treffen wir den Schauspieler und Schriftsteller Christian Berkel. Auch er war auf JudasWatch gelistet. Dass die Strafverfolgungsbehörden JudasWatch trotz Strafanzeigen jahrelang online lassen, empört ihn:

"Es schockiert mich zutiefst zu merken, dass wir in einem Land leben, nicht nur, in dem so etwas möglich ist, in dem Leute so denken und dass dieses Gedankengut immer breiter Zustimmung findet, sondern es schockiert mich, dass die Organe, die dafür zuständig sind, uns davor zu schützen, ein Justizministerium, ein Innenministerium, auf diesem rechten Auge offenbar blind sind. Und das ist nicht nachvollziehbar."

 Christian Berkel, Schauspieler und Schriftsteller 

Angesichts der Attentate in Halle, Christchurch und dem Mord an Walter Lübcke, kann Christian Berkel nicht verstehen, dass rechtsradikale Online-Verstrickungen nicht besser analysiert werden: 

"Man kann sich da relativ leicht zurückziehen und sagen ja, da ist jemand verrückt, der ist nicht zurechnungsfähig, ist ein Einzeltäter, und dadurch geschieht halt so etwas. Und dann sind alle beruhigt. Wenn der gefasst wird, dann ist die Gefahr ja gebannt. Dass diese Leute zwar eventuell einzeln oder allein agieren, aber ein Backup haben, auf eine Gruppe zurückgreifen können, sich und sei es auch nur gestützt fühlen durch Leute im Internet. Das ist eine neue Realität."

Christian Berkel, Schauspieler und Schriftsteller

Dass in Halle zwei Menschen, die keine Juden waren, erschossen wurden und der Anschlag auf die Synagoge misslingt, kommentiert der rechtsradikale Rapper in einem Chat kurz nach der Tat so: "What a massive fuck-up."

Den volksverhetzenden Soundtrack zum Anschlag meldet report München vergangene Woche den Behörden. Erst dadurch wird er gesperrt.


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