Report München


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Hetzen, brüllen, drohen Immer offenere antisemitische Attacken gegen Deutschlands Juden

Mit Entsetzen stellen Deutschlands Juden fest, dass sich Antisemiten immer öfter ganz offen und mit vollem Namen zu ihren Hassattacken bekennen. Wer steckt hinter diesen Drohungen und Beleidigungen? Recherchen von report München zu einem beunruhigenden Problem, das immer größere Ausmaße annimmt.

Von: Oliver Bendixen, Stefan Meining

Stand: 23.10.2018

Wir haben einen Termin vereinbart mit einem pensionierten Manager. Vor wenigen Tagen schickte er eine Hassmail an die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Münchens, Charlotte Knobloch. Bei voller Namensnennung. Auch uns schickt er die Mail zu. Zitat: „Ich habe nichts gegen Juden allgemein, sondern gegen geldgeile und machtgierige Juden wie Sie.“

Interview Mailschreiber

report München: "Warum haben Sie eigentlich die Frau Knobloch als ‚geldgeile‘ oder ‚machtgierige‘ Jüdin bezeichnet?"

Mailschreiber: "Wenn den Juden etwas nicht passt, sozusagen, dann läuft es immer darauf hinaus, dass die Deutschen etwas gut zu machen hätten, sozusagen aus der NS-Zeit heraus."

report München: "Glauben Sie, dass die Juden zu viel Macht haben?"

Mailschreiber: "Die Juden haben sehr viel Macht. Das ist vollkommen unbestritten."

Und sie ist das Opfer dieser Hassattacken, Charlotte Knobloch. Als sechsjähriges Mädchen muss sie zusehen, wie die Nazis in ihrer Heimatstadt München die Synagogen zerstören. Den Holocaust überlebt sie versteckt auf dem Land. Seit geraumer Zeit erhält sie immer öfter derartige Hassbriefe.

"Es hat sich aber in den letzten acht Jahren verändert. Da habe ich die ersten Briefe bekommen, die Absender auf den Kuverts hatten; so wie es heutzutage ist, ist jeder Brief mit einem Absender verzeichnet. Also heutzutage hat man schon überhaupt keine Probleme mehr, irgendwelche schändliche Inhalte direkt an die Betroffenen zu versenden."

Charlotte Knobloch, Präsidentin Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern

Judenhasser geben sich jetzt zu erkennen

Antisemitismus gab es in Deutschland immer. Beispiel München: Unser zweiter jüdischer Gesprächspartner will nicht, dass wir seinen Namen nennen. Auch er stellt fest, dass sich Judenhasser neuerdings zu erkennen geben.

"Jawohl, es gibt Antisemitismus. Und es gibt Leute, die werden dann so bekehrt, dass sie Angst vor Fremden haben, vor Juden, vor dem internationalen Finanzjudentum, das ich nicht kenne. Aber das ist dann der Antisemitismus, den es früher nie gab."

Gesprächspartner

Tatsache ist: Die Anzahl antisemitischer Straftaten nimmt in ganz Deutschland zu, sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft München I. Mit Einkommen oder Bildung habe das nichts zu tun.

"Die Täter, die wir dann ermitteln, stammen aus allen möglichen Schichten. Man könnte ja erwarten, dass vielleicht mit einem höheren Bildungsgrad solche Beleidigungen oder antisemitische Hetze nicht vorkommen. Das ist leider nicht der Fall."

Anne Leiding, Staatsanwaltschaft München I

2006 wurde die Münchner Hauptsynagoge feierlich eröffnet. Das Symbol für ein neues Zusammenleben von Juden und Nichtjuden. Das neue jüdische Zentrum ist Charlotte Knoblochs Lebenswerk, das heute bedroht wird.

"Wissen Sie, diese Hoffnung wird natürlich gestört, ich will es einmal ganz banal ausdrücken, durch gewisse Schocks, die man bekommt; wo man dann vielleicht eine schlaflose Nacht hat und am nächsten Tag sich wieder zusammenreißt und denkt: ‚Nein, so schlimm ist es nicht; oder jedenfalls: es darf dich nicht berühren. Du musst weitermachen!‘"

Charlotte Knobloch, Präsidentin Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern

Hinzu kommen neuerdings antisemitische Hassattacken von Muslimen. Der ehemalige Schriftführer dieses Münchner Moscheevereins schreibt Ende 2016 auf seiner Facebook-Seite: „Israel in die Hölle“ und „Die Juden sollen abgekocht werden.“

Wir besuchen den Verein. Man distanziere sich von den Aussagen, erfahren wir. Auf jüdischer Seite wachsen währenddessen die Sorgen, immer stärker in den Nahostkonflikt hineingezogen zu werden.

"Die können das nicht unterscheiden, meiner Meinung nach. Die Israelis sind Juden. Aber sie sind Bürger des Staates Israel. Darum heißen sie Israelis. Ich bin auch Jude, bin aber Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Ich bin hier geboren, bin hier aufgewachsen. Das versteht aber keiner. Wenn in Israel irgendwas passiert, bin ich schuld."

Gesprächspartner

Es gibt wieder offenen Antisemitismus im Alltag

Unfassbar auch der Vorfall in einem Münchner Linienbus im Mai 2017. Eine sechsköpfige Gruppe mit und ohne Migrationshintergrund schreit antisemitische Hetzparolen, wie: „Fickt alle Juden“ oder „Judensau“. Die Wortführerin bedrängt mehrere Fährgäste. Sie fragt: „Bist Du Jude?“. Erst die herbeigerufene Polizei beendet die Hassattacken.

"Das Besondere in diesem Fall war wohl, dass diese Personen sich als Gruppe in diesen Taten sich so wohl gefühlt hat und dass aus unserer Sicht eben ein klares Signal gezeigt werden musste, sowohl bei den Strafanträgen und zum Glück dann auch mit den Urteilen."

Anne Leiding, Staatsanwaltschaft München I

Wir fahren in den feinen Münchner Osten. Hier lebt die Wortführerin der Gruppe, eine deutsch-libanesische Ingenieurin. Sie erhält sechs Monate auf Bewährung. Reden will sie mit uns nicht.

Offener Antisemitismus im Alltag: Es gibt ihn wieder – auch in München:

"Wenn ich auf der Straße gehe oder wenn ich in ein Geschäft gehe, wenn ich halt das tägliche Leben praktiziere, dass ich dann manchmal spüre, wie hasserfüllt Menschen mich anschauen; und das ist das, was ich in meinen Augen als das gefährlichste sehe. Dieser offene, bitterböse Gesichtsausdruck, der in dem Moment sich abzeichnet, in dem Moment, wo man mich erkennt. Und das hat man natürlich früher nicht gespürt."

Charlotte Knobloch, Präsidentin Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern

Und wer offen darüber redet, muss mit bösen Briefen rechnen. Genau aus diesem Grund möchte unser zweiter Gesprächspartner, dass wir seinen Namen nicht nennen.

"Ich befürchte nur, dass ich jetzt Briefe bekomme, auf Grund dieser Sendung. Das sind so meine Gedanken. Die haben Sie gar nicht, solche Gedanken! Oder haben Sie die auch? Nein! Sehen Sie!"

Gesprächspartner


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