Report München


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Insolvente Immobilienfirma Milliardenschwerer Anlagebetrug made in Germany?

Eine Firma wirbt mit sicheren Anlagen im Immobiliensektor – denkmalgeschützte Wohnungen in Deutschland sollten saniert und verkauft werden. Eine lukrative Investition dachten sich viele Anleger und investierten in die German Property Group. Doch die ließ die Häuser verfallen. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft Hannover gegen die Firma, der Verdacht: Anlagebetrug. Bereits im Juli hatte die GPG Insolvenz angemeldet.

Von: Anna Klühspies, Sascha Mache (HR)

Stand: 22.09.2020

Wir sind unterwegs in die Siedlung am Kinzigheimer Weg in Hanau: Die Häuser hier stehen unter Denkmalschutz, doch seit über 10 Jahren verfallen sie. Der Eigentümer scheint nichts für den Erhalt zu tun. Wenige Mieter wohnen immer noch hier, wie das Ehepaar Zirkel, sie müssen zuschauen - sogar wie Balkone herabstürzen:

"Der ist abgefault und runtergefallen."

Michael Zirkel, Mieter

"Man sieht es von unten: die Bretter sind morsch durch die Feuchtigkeit, weil niemand was macht - und vor 2 Wochen ist der Baum umgefallen!"

Claudia von der Burg-Zirkel, Mieterin

Das Leben in der maroden Siedlung wird immer gefährlicher. Trotzdem wollen Zirkels bleiben, sie sind hier aufgewachsen, sie wissen wie schön es hier sein kann, wenn die Siedlung nur endlich saniert würde.

"Wir helfen uns selbst so lange wie´s geht. Und den Rest verdräng ich. Ich schau manchmal nach Wohnungen. Aber: Ich will nicht wirklich weg!"

Claudia von der Burg-Zirkel, Mieterin

Kommunen sind die Hände gebunden

Seit 2014 hoffen die Mieter auf eine Sanierung: Damals kauft der Immobilienentwickler Dolphin Capital die Häuser: Nichts passiert. Die Stadt Hanau will eingreifen, ein Rechtsstreit stockt aber derzeit, dem Bürgermeister sind die Hände gebunden.

"Dieser jahrelange Blick auf den Kinzigheimer Weg, den Verfall dort zu sehen. Da blutet mir jedes Mal das Herz, wenn ich da vorbeifahre und daneben geht, die Zornesröte ins Gesicht."

Claus Kaminsky, Oberbürgermeister Stadt Hanau

Wie in Hanau müssen zig Kommunen in Deutschland beim Verfall von Dolphin-Immobilien zusehen. Seit 2019 recherchiert der Bayerische Rundfunk gemeinsam mit dem HR und der BBC zu den Geschäften der Firma: Gegründet 2008 von ihm, Charles Smethurst. Im Internet trat Dolphin als Marktführer im Bereich Sanierung von denkmalgeschützten Häusern auf.  Rund 60 Immobilien besitzt die Firma laut eigenen Angaben in Deutschland.

Doch statt sanierter Altbauten fanden wir heruntergekommene Gebäude: In Augsburg warten knapp 50 Wohnungen seit Jahren auf ihre Fertigstellung.  Schon damals fragten wir uns: Woher kommen die Millionen für den Kauf der Objekte?

Millionengelder von privaten Anlegern

Die Firma warb bei privaten Anlegern im Ausland mit einem vielversprechenden Finanzprodukt: Dolphin gab an, Gelder von Anlegern im Ausland einzusammeln und davon sanierungsbedürftige, denkmalgeschützte Häuser in Deutschland zu kaufen. In diesen Häusern plante Dolphin Wohnungen und bot sie zum Verkauf an. Sobald der Großteil der Wohnungen verkauft wurde, sollte die Sanierung beginnen. Die Anleger sollten ihr Geld zu einem festgelegten Zeitpunkt zurückbekommen, mit hohen Renditen von bis zu 15 Prozent. In internen Unterlagen, die report München vorliegen, gibt die Firma an, weltweit ca. eine Milliarde Euro eingesammelt zu haben.

Aber es gibt Probleme: Per Skype sprechen wir mit Mark Hambling: Er ist Mitglied einer Gruppe aus tausenden britischen Investoren, die seit Monaten auf die vereinbarte Rückzahlung ihres Investments warten: 

"Dieses Geld ist mein langjährig angelegter Rententopf. Ich bin nach Portugal gezogen, um hier in Rente zu gehen. Das Geld aus Deutschland sollte eigentlich vor Weihnachten ausbezahlt werden. Es hätte mich für den Rest meines Lebens versorgen sollen. Jetzt kommt es ganz anders."

Mark Hambling, Anleger

Warum wird nicht ausgezahlt? Die Firma veröffentlicht seit 2016 keine Bilanzen mehr. Auf Nachfrage teilt man uns 2019 über damals beauftragte Anwälte mit, die Firma habe ausdrücklich keine Liquiditätsprobleme.

Indizien für Schneeballsystem

Wenig später ändert die Firma den Namen in German Property Group. Im Juli 2020 hat die Firma nun Insolvenz angemeldet. Gegenüber report München sagt der Insolvenzverwalter, es gäbe starke Indizien auf ein Schneeballsystem. Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt wegen Anlagebetrug.

Peter Mattil ist Fachanwalt für Kapitalmarktrecht und vertritt betroffene Investoren. Seiner Meinung nach hätten die Geschäfte schon viel früher gestoppt werden müssen:

"Diese Dolphin Gruppe hatte Darlehen angenommen mit fester Rückzahlungsverpflichtung. Das sind nach unserer Definition Bankgeschäfte- Dafür brauchen Sie eine Bank- Erlaubnis, die natürlich die deutsche Gruppe nicht hatte. Die BaFin hätte schon ganz früh einschreiten müssen und diese Geschäfte einfach verbieten müssen."

Peter Mattil, Anwalt für Kapitalmarktrecht

Zur Frage der Bankgeschäfte äußerte sich die Bafin uns gegenüber nicht. Die Bafin ist zuständig für die Überwachung des Finanzmarktes und den Schutz von Verbrauchern. Schon 2019 haben wir sie im Zuge unserer Recherchen auf mögliche Risiken für Anleger hingewiesen. Auf erneute Nachfrage bestätigt man uns jetzt, es gab Anlass für eine Überprüfung von vier Anleihen der Firma. Allerdings seien diese exklusiv Großanlegern mit Fachkenntnissen angeboten worden: "Damit wurde hier eine gesetzliche Ausnahme genutzt und es bestand keine Prospektpflicht."

Unseren Recherchen nach flossen aber viele Rentenersparnisse von Kleinanlegern in das Firmenkonstrukt. Für den Finanzpolitiker Fabio De Masi ist der Fall German Property Group typisch für das Verhalten der Aufsichtsbehörde. Wie bei früheren Finanzskandalen habe der Bafin der nötige Jagdinstinkt gefehlt:

"Das ist die Aufgabe einer Finanzaufsicht. Und sie hätte genug Ansatzpunkte haben können. Sie hätte sich mit der europäischen Aufsichtsbehörde austauschen können, und sie hätte sich das auf jeden Fall genau angucken müssen. Denn sie hat ja ein Mandat für den kollektiven Verbraucherschutz. Und die German Property Group ist auch in Deutschland tätig."

Fabio De Masi, stellv. Fraktionsvorsitzender Die Linke

Was mit dem Geld der Anleger passiert ist versucht jetzt der Insolvenzverwalter zu klären. Mieter wie das Ehepaar Zirkel in Hanau hoffen auf die Rettung der denkmalgeschützten Siedlung, in der sie wohnen. Jetzt, wo gegen drei Personen im Umfeld der Firma ermittelt wird: 

"Kann man nur hoffen, dass es besser wird, dass denen echt das Handwerk gelegt wird und es für uns gut ausgeht."

Ehepaar Zirkel, Mieter

Doch die Aufarbeitung hat gerade erst begonnen - und sie dürfte kompliziert werden.


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