Report München


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Ärzte unter Drogen Wenn Mediziner suchtkrank sind

Ärzte werden zum Risiko für Patienten: In Donauwörth in Bayern wurden Dutzende Patienten im örtlichen Krankenhaus mit Hepatitis C angesteckt. Nun steht ein schrecklicher Verdacht im Raum: Ein medikamentenabhängiger Narkosearzt, der ebenfalls unter dieser Krankheit litt, hat womöglich diese Menschen angesteckt. Ärzte gelten für Experten schon längst als Risikogruppe: Denn kaum jemand hat so einfachen Zugriff auf Drogen wie sie.

Von: Stefan Meining, Fabian Mader

Stand: 13.11.2018

Jens Lundberg ist Arzt. Praktizieren darf er aber nicht mehr. Er spritzte sich zehn Jahre lang Drogen. Aus der eigenen Hausapotheke. Bis zum völligen Zusammenbruch.

"Und dann war ich halt im Koma. Die Notärzte, die dann gerufen wurden, dachten, ich hätte einen Herzinfarkt, und die haben aber als erste Ärzte mich in einem Zustand erlebt, wo ich selber keinen Einfluss mehr nehmen konnte und haben natürlich sofort die ganzen Einstiche in meinen Armen gesehen und gesagt, der hat keinen Herzinfarkt, der ist ein Drogentyp."

Dr. Jens Lundberg

Drogensucht unter Ärzten gibt es häufiger, als viele denken. Genaue Zahlen gibt es nicht. Aber immer wieder kommt es zu furchtbaren Fällen.

Süchtige Ärzte sind auch eine Gefahr für Patienten.

Ganz aktuell: Der Skandal im Klinikum Donauwörth in Bayern. Ein Narkosearzt wird im Frühjahr im OP-Saal in verdächtiger Pose angetroffen.

"Das konkrete Fehlverhalten bestand darin, dass Mitarbeiter ihn mit einer Spritze und mit Medikamenten in dieser Spritze angetroffen haben."

Jürgen Busse, Geschäftsführer Donau-Ries-Klink Donauwörth

Ist er medikamentensüchtig?

Mit möglicherweise entsetzlichen Folgen für seine Patienten?

Er wurde in Donauwörth operiert. Nach der OP ging es ihm immer schlechter. Dann stellt sich heraus: Er leidet an einer gefährlichen Leberentzündung Mit report MÜNCHEN spricht er erstmals über seine mysteriöse Erkrankung.

"Für mich war das ein Schock. Für mich war das - Ich war einfach kaputt. Aber ich habe auch gemerkt kurz, mein Umfeld, die distanzieren sich von mir, weil sie es auch mitgekriegt haben, dass ich es habe. Und: Meine Kinder, meine Familie muss darunter leiden."

Hepatitis C infizierter Patient

Tatsache ist: Der Narkosearzt hatte die Leberentzündung Hepatitis C. Der Verdacht: Hat er dieselben Spritzen für sich und für seine Patienten benutzt und sie damit angesteckt? Kein Kommentar, sagen seine Anwälte.

"Die Ungewissheit, wo habe ich es her? Gesucht haben wir. Meine Frau habe ich gefragt, meine Frau hat gesagt, bist du fremdgegangen? Ich habe gesagt: Nein. Drogen, habe ich gesagt, nehme ich keine. Ich bin ein normaler Mensch."

Hepatitis C infizierter Patient

Aktuell gibt es Dutzende Hepatitis-C-Infizierte und hunderte Verdachtsfälle. Alle haben einen Bezug zur Klinik in Donauwörth. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Die Verunsicherung ist groß.

"Wie haben dann auch sehr betroffene Anrufe von Patienten erlebt in den ersten Tagen. Wir haben Gefühlsausbrüche miterleben müssen. Wir konnten feststellen, dass das den Leuten schon sehr, sehr naheging; zumal sie am Anfang überhaupt nicht wussten, dass sie auch betroffen sein konnten."

Dr. Rainer Mainka, Leiter Gesundheitsamt, Landkreis Donau-Ries

Er war einer der ersten, der sich meldete, weil seine Blutwerte auffällig waren. Jetzt muss er mit der Krankheit leben.

"Es ist im Körper irgendwas und man meint, es gehört nicht zum Körper. Ich nehme jeden Tag drei große Tabletten, in der Früh, und das muss ich jetzt acht Wochen nehmen und dann muss ich abwarten, ob es weg ist oder nicht weg ist."

Hepatitis C infizierter Patient

Der Arzt hörte in Donauwörth auf und fing – so als wäre nichts gewesen -Monate später in einer Klinik in nahen Ostalbkreis wieder an.
Dort behaupten die Behörden, nichts von der möglichen Abhängigkeit gewusst zu haben. Das Klinikum Donauwörth dagegen pocht darauf: Im Arbeitszeugnis habe es einen Hinweis gegeben.
Rund um Donauwörth tauchen immer mehr Hepatitis C-Fälle auf.

"Wir haben 1286 Leute angeschrieben, haben circa 800 Rückmeldungen inzwischen, und haben davon 48 Fälle, die positiv angesteckt worden sind. Es werden nicht die letzten sein, es werden weitere hinzukommen."

Dr. Rainer Mainka, Leiter Gesundheitsamt, Landkreis Donau-Ries

Drogensüchtige Ärzte – gefährdete Patienten – wie groß ist das Problem wirklich?

Wir kontaktieren mehrere Ärzte, die suchtkrank waren oder sind. Deswegen wollen sie nicht offen vor die Kamera treten. Sie bestätigen uns aber: Auch Patienten sind in Gefahr. Wir treffen einen Narkosearzt, er spritzte sich Drogen jahrelang direkt im OP-Saal.

"Ich habe einen Chirurgen gehabt, der hat nach Alkohol gerochen, den hätte man durchaus ansprechen können, bzw. melden können. Aus meiner Position heraus, muss ich sagen, wäre das vielleicht nicht so schlau gewesen, weil ich zu dem Zeitpunkt bereits unter Opiaten stand, das heißt also, in diesem OP-Saal war an diesem Tag einer, der getrunken hatte und einer, der unter Opiaten stand."

ehem. drogensüchtiger Arzt

Ärzte sollen Leben retten. Aber wie kommt es, dass Ärzte sich selbst und ihre Patienten in Gefahr bringen?

"Sie haben zwar das Fachwissen, dass sie möglicherweise abhängig sind. Aber da hat man ja bei sich selbst oft einen blinden Fleck. Es macht sich eigentlich jeder, jeder Süchtige für eine ganze Zeit lang etwas vor, und die Ärzte machen sich dann wider besseres Wissen sozusagen etwas vor."

Dr. Monika Vogelgesang, Chefärztin MEDIAN Klinik Münchwies

Monika Vogelgesang behandelt Ärzte. So wie diesen Mediziner. Er befindet sich mitten in der Therapie.

"Ich kam mir vor wie ein Schauspieler. Es wäre schlimmer geworden, und dann irgendwann wäre der Punkt gekommen, wo man mir gesagt hätte: Junge, so arbeitest du nicht mehr. Ich kann nur den Rat geben, frühzeitig in die Klinik zu gehen und sich beraten zu lassen."

suchtkranker Arzt

Zurück bei Jens Lundberg. Er war Tierarzt, genau wie Narkoseärzte kommen sie besonders leicht an Drogen. Heute hilft der 57-Jährige betroffenen Kollegen, bevor es zu spät ist.

"Es ist leider häufig so, dass diese Abhängigkeitserkrankungen bekannt sind, dass bekannt ist, dass dieser Superoperateur ein Suchtproblem hat, dass es im Grunde die ganze Station weiß, nur er denkt, das weiß keiner, so ungefähr; und leider ist es oft auch so, dass diese Verlogenheit bis zum Ende anhält, und wenn die Leute dann häufig durch Überdosis oder durch Selbstmord beerdigt werden, dann geht diese Lügerei bis ans Grab weiter, und es wird nicht gesagt, welches wirklich Problem da gewesen ist, sondern es wird einfach verheimlicht."

Dr. Jens Lundberg

"Und die Kollegen decken das dann teilweise?"

Reporter

"Ja, ja."

Dr. Jens Lundberg

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