Report München


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Unerschrocken, unermüdlich Ein Gespräch mit Charlotte Knobloch

Seit 1985 steht Charlotte Knobloch an der Spitze der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Unermüdlich kämpft die Holocaust-Überlebende gegen Antisemitismus und für die Demokratie. Kurz vor ihrem 90. Geburtstag gab sie report München ein Interview.

Von: Stefan Meining

Stand: 11.10.2022

Wenn es einen Platz gibt, den Charlotte Knobloch besonders liebt - dann ist es der Dachgarten des von ihr errichteten Jüdischen Zentrums im Herzen Münchens.

"Es ist noch nicht zu glauben. Nur wenn ich da stehe, dann freue ich mich. Ich freue mich, dass unsere Nachkommen etwas in den Händen haben. Eine Synagoge. Ich freue mich auch über das Museum. Ich habe das ja damals als eine Sache gesehen: Museum, Synagoge und Gemeindehaus."

Charlotte Knobloch, Präsidentin Israelitische Kultusgemeinde München u. Oberbayern

Das neue Jüdische Zentrum ist ein Sieg über die Geschichte: Denn München war für die Nazis die sogenannte "Hauptstadt der Bewegung". Die alte Hauptsynagoge wird bereits im Frühjahr 1938 abgerissen. Der Auftakt zur Vernichtung der Münchner Juden.

Unter falschem Namen überlebt Charlotte Knobloch den Holocaust auf dem Land.

Charlotte Knobloch als junges Mädchen

"Nach dieser Zeit war es für mich schwierig. Ich hatte den Blickpunkt auf die Nazis, die uns vorher angespuckt haben, die uns vorher gehasst haben und jetzt plötzlich sind sie die größten Judenfreunde geworden nach 1945. Das hat mich sehr abgestoßen. Ich wollte ja weg aus dem Land. Ich wollte ja unbedingt weg. Da wollte ich nicht länger bleiben; weil die waren ja alle da. Die haben sich ja nicht aufgelöst."

Charlotte Knobloch, Präsidentin Israelitische Kultusgemeinde München u. Oberbayern

Sie heiratet. Wird dreifache Mutter. Die Familie bleibt trotz allem in München. Glaubt wieder an die Zukunft. Charlotte Knobloch engagiert sich in der Israelitischen Kultusgemeinde. Sie verfolgt einen großen Plan: Der Bau eines neuen Jüdischen Zentrums als Symbol für ein neues Miteinander von Juden und Nichtjuden.

Am 9. November 2006 - dem Jahrestag der Reichspogromnacht - wird die neue Ohel-Jakob-Synagoge eingeweiht.

"Heute schlagen wir ein neues Kapitel der Geschichte von Juden und Nichtjuden in dieser Stadt, in diesem Land auf."

Charlotte Knobloch, Präsidentin Israelitische Kultusgemeinde München u. Oberbayern (Archiv)

Das jüdische Zentrum in München

Längst ist das Jüdische Zentrum aus dem Münchner Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Und die Bauherrin? Sie sitzt noch immer beinahe täglich an ihrem Schreibtisch, beobachtet die Politik und macht sich Sorgen über die Verfestigung der AfD in der deutschen Parteienlandschaft.

"Das hat mich natürlich schon sehr geschockt, dass wir nicht in der Lage sind, dass die Politik, die Verantwortlichen nicht in der Lage sind, eine Partei, die eine große Gefahr für die Demokratie als solches ist, in irgendeiner Form zurückdrängen zu können."

Charlotte Knobloch, Präsidentin Israelitische Kultusgemeinde München u. Oberbayern

Und dennoch: Sie bleibt optimistisch:

"Also dieses Land hat etwas gleistet; dieses Land, kann man stolz darauf sein, was es geleistet hat; und München, Bayern, Deutschland - das ist meine Heimat. Und daran glaube ich. Und ich hoffe auch, dass ich auf dem richtigen Weg bin."

Charlotte Knobloch, Präsidentin Israelitische Kultusgemeinde München u. Oberbayern

In wenigen Wochen wird Charlotte Knobloch ihren 90. Geburtstag feiern. Ruhestand? Für sie kein Thema.


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