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Ebbe und Flut Das Leben der Niederländer unter dem Meeresspiegel

Im Wasserbau sind die Niederländer weltweit führend. Nicht aus Leidenschaft, sondern aus schierer Notwendigkeit. Nur so konnten sie der Gefahr durch Sturmfluten erfolgreich trotzen und dem Meer sogar fruchtbares Neuland abringen.

Von: Volker Eklkofer & Simon Demmelhuber, ein Film von Carsten Linder

Stand: 10.02.2012

Deichanlagen in den Niederlanden | Bild: BR

33.760 Quadratkilometer sind die Niederlande groß. Gut die Hälfte der Gesamtfläche liegt weniger als einen Meter über und rund ein Viertel sogar unterhalb des Meeresspiegels. Ohne ausgeklügelte Deichanlagen, die das flache und fragile Land auf einer Länge von etwa 3.000 Kilometern schützen, wäre der Kampf gegen das Wasser, gegen Sturmfluten und Überschwemmungen aussichtslos. Das ganze Ausmaß der Bedrohung zeigte sich 1953 in erschreckender Deutlichkeit, als im Februar nach einer immensen Flut die Deiche in den Provinzen Zeeland, Zuidholland und Noord-Brabant brachen. 200.000 Hektar Kulturland standen unter Wasser, 72.000 Menschen mussten evakuiert werden, 1.835 ertranken.

Um einer erneuten Flutkatastrophe vorzubeugen, riefen die Niederlande das "Delta-Projekt" ins Leben. Es sah vor, alle Meeresarme vollkommen durch Dämme abzuriegeln und die Küstenlinie von 700 auf 25 Kilometer zu verkürzen. Zugleich sollten sämtliche Hochwasserschutz-Anlagen den Meeresspiegel um fünf Meter überragen. Die Bauarbeiten für den aus zahlreichen Einzeldämmen gefügten und insgesamt sechs Milliarden Euro teuren Schutzwall zogen sich nahezu 40 Jahre hin. Sie begannen 1958 und konnten erst 1997 abgeschlossen werden.

Weltweites Aufsehen erregte dabei vor allem der neun Kilometer lange Abschnitt am Eingang zur Oosterschelde. Nachdem Umweltschützer vehement gegen einen Dammbau protestierten, der die Lebensvielfalt beschnitten und Existenz zahlreicher Fischer gefährdet hätte, beschloss das Parlament, anstelle eines Deichs ein gigantisches Sturmflutwehr zu errichten.

Etwas Vergleichbares war in der gesamten Geschichte des Wasserbaus noch nie versucht worden. Die 3,2 Kilometer lange Anlage sollte einen mehrere Kilometer breiten, 30-40 Meter tiefen Meeresarm durch 62 bewegliche Stahlplatten sichern. Das Wagnis gelang. Am 4. Oktober 1986 konnte Königin Beatrix das Sturmwehr feierlich einweihen.

Deiche dienen in Holland allerdings nicht nur zum Schutz gegen das Wasser, sondern auch als Werkzeug zur Neulandgewinnung. Auch in dieser Jahrhunderte alten Disziplin sind die Niederländer weltweit führend. Durch Eindeichung und anschließende Trockenlegung entstanden landwirtschaftlich nutzbare Flächen beträchtlichen Ausmaßes. So konnten der ehemaligen Zuidersee insgesamt 165.000 Hektar Boden abgerungen werden. Heute leben mehr als 300.000 Menschen auf dem einstigen Meeresgrund in der Provinz Flevoland, die am 1. Januar 1986 als letzte und jüngste Verwaltungsebene der Niederlande neu gebildet wurde.


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