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Die Steine weinten Über Leben und Tod des Janusz Korczak

1942 räumen die SS und ihre Schergen das Warschauer Ghetto. Am 5. August treiben sie 200 Waisenkinder zum Bahnhof. Der Pädagoge, Schriftsteller und Erzieher Janusz Korczak lässt die Todgeweihten nicht im Stich. Mit "seinen Kindern" besteigt er den Zug ins Vernichtungslager Treblinka.

Von: Ein Film von Franz Deubzer

Stand: 20.07.2012

Janusz Korczak | Bild: picture-alliance/dpa

"200 Kinder standen zu Tode erschrocken da. Dann geschah etwas Außergewöhnliches: Diese 200 Kinder schrien nicht, weinten nicht, keines von ihnen lief davon, keines verbarg sich. Sie schmiegten sich nur an ihren Lehrer und Erzieher, an Janusz Korczak, damit er sie behüte und beschütze. Er stand in der ersten Reihe. Er deckte die Kinder mit seinem ausgemergelten Körper. Die Hitlerbestien nahmen keine Rücksicht. Die Pistole in der einen, die Peitsche in der anderen Hand, bellten sie: 'Marsch!'

Janusz Korczak, barhäuptig, mit einem Lederriemen um den Mantel, mit hohen Stiefeln, hielt das jüngste Kind an der Hand und ging voraus. Die Kinder waren von allen Seiten von deutschen, ukrainischen und jüdischen Polizisten umgeben. Die Steine weinten, als sie diese Prozession sahen, doch die faschistischen Mörder trieben die Kinder mit Peitschen weiter und schossen immer wieder. Bis zum heutigen Tag fehlt jede Spur, wo Janusz Korczak mit den 200 Kindern geblieben ist."

"Sie irren sich, nicht jeder ist ein Schuft."

Ein Augenzeugenbericht aus dem Warschauer Ghetto vom 5. August 1942. Der Zeuge sieht, wie der Arzt, Schriftsteller, Erzieher und Waisenheimgründer Janusz Korczak (1878-1942) "seine Kinder" zum Bahnhof begleitet. Ein weiterer Zeuge berichtet, der Bahnhofskommandant habe dem berühmten Pädagogen die Rettung angeboten. Korczaks Antwort: "Sie irren sich, nicht jeder ist ein Schuft." Dann besteigen sie die bereitgestellten Transportwagons. Es ist ein Zug nach Treblinka, ein Zug in den Tod. Korczak und die Kinder werden in den Gaskammern des Vernichtungslagers ermordet.

Wer ist Janusz Korczak?

Janusz Korczak wird am 22. Juli 1878 oder 1879 als Henryk Goldszmit in Warschau geboren. 1897 beginnt er ein Medizinstudium, nebenher unterrichtet er die Kinder eines Warschauer Armenviertels und schreibt kleinere Erzählungen oder dramatische Versuche. Nachdem er unter dem Pseudonym Janusz Korczak einen literarischen Wettbewerb gewonnen hat, behält er diesen Namen ein Leben lang bei.

Nach dem Studium arbeitet Korczak als Arzt in einem Kinderkrankenhaus, gleichzeitig ist er als frei praktizierender Mediziner bei den wohlhabenden Bürgern tätig, um Geld für seine Hilfstätigkeiten zu sammeln. Seine Erlebnisse und Gedanken verarbeitet er in Erzählungen, Romanen und Kinderbüchern, die ihn zu einer bekannten Figur des öffentlichen Lebens in Polen machen.

Der "alte Doktor" und die Waisenkinder

1911 übernimmt Korczak die Leitung eines nach seinen Plänen neu errichteten jüdischen Waisenhauses "Dom Sierot". Er gibt seine Praxis auf und widmet sich von nun an ganz der Erziehungsarbeit.

In den 20er und 30er Jahren errichtet Korzcak ein zweites Waisenhaus in Warschau. Er schreibt weiterhin Bücher, unterrichtet Pädagogik an der Universität Warschau, gründet die erste Zeitung von und für Kinder und tritt gegen Ende der 30er Jahre regelmäßig im polnischen Rundfunk auf. Seine Sendung "Radio-Plaudereien des Alten Doktors" besteht aus Gesprächen Korczaks mit Kindern vor dem Mikrofon.

"Lebt wohl und vergesst es nicht."

1940 wird das Waisenhaus "Dom Sierot" in das Warschauer Ghetto verlegt. Zwei Jahre später beginnt die planmäßige Räumung des Ghettos, tausende Juden werden in die Vernichtungslager abtransportiert. Am 5. August zieht Janusz Korczak mit seinen engsten Mitarbeitern, mit dem Personal und mit 200 seiner Kinder unter der Fahne des Waisenhauses zum Umschlagplatz, um in den Zug in das Vernichtungslager Treblinka einzusteigen.

Nachleben: Die Pädagogik des Janusz Korczak

Janus Korczak hat als Arzt, Erzieher und Schriftsteller eine Fülle von Gedanken und Anregungen hinterlassen, die auch für die heutige Erziehung der Kinder und Jugendlichen Gültigkeit haben. Sein Grundgedanke lautete: "Die Welt reformieren heißt, die Erziehung reformieren."

Korczaks Bedeutung liegt vor allem darin, dass er nicht nur seine Gedanken und Ideen aufschrieb, sondern sie auch lebte. Misstrauisch stand er der akademischen Pädagogik gegenüber. Für ihn galt als oberstes Gebot, das Kind und den Jugendlichen ernst zu nehmen. Ihm waren die "Kinder der Straße" ebenso wichtig wie das "Salonkind", für beide galt: "Die Kinder bekommen fast keine Luft in diesem brutalen, kalten, künstlichen Leben, das ohne jegliche Illusion und Poesie ist."

Obwohl Korczak die Kinder keinesfalls glorifizierte, war er sicher, dass in jedem von ihnen ein moralischer Funke, ein Licht scheint. "Damit dieses Licht nicht erlöscht, muss man die Kinder lieben, sich um sie kümmern, bereit sein, sie vor der Ungerechtigkeit der Erwachsenenwelt zu schützen, ihnen die Möglichkeit geben, an die Wahrheit und Gerechtigkeit glauben zu können."

Sätze zur Erziehung

  • Einer der schlimmsten Fehler besteht darin, anzunehmen, dass die Pädagogik eine Lehre über das Kind und nicht eine Lehre über den Menschen sei.
  • Je niedriger das geistige Niveau, je farbloser das moralische Antlitz, je größer die Sorge um die eigene Ruhe und Bequemlichkeit ist, desto mehr Weisungen und Verbote gibt es, die nur scheinbar von der Sorge um die Kinder diktiert werden. Der Erzieher, der unangenehme Überraschungen vermeiden will, der nicht bereit ist, die Verantwortung für das zu tragen, was eventuell geschehen kann – ist ein Tyrann für die Kinder.
  • Auch ein Kind, das ein Vergehen begangen hat, hört nicht auf, ein Kind zu sein.
  • Man darf niemals von Unverbesserlichkeit und davon sprechen, dass aus einem Kind nichts wird. Im Gegenteil, man soll nur von zeitweiligen Unzulänglichkeiten sprechen und davon, dass schon bald alles wieder gut sein wird, dass die Schwierigkeiten und Missverständnisse bald ausgeglichen werden und dass in Zukunft alles wieder im Lot sein wird.
  • Das Kind beobachtet sich selbst und analysiert seine Handlungen. Wir sehen es nur nicht, weil wir nicht zwischen den Zeilen seiner nur unwillig gesprochenen Sätze lesen können. Wir wollen, dass uns das Kind alle seine Gedanken und Gefühle anvertraut. Wir sind selbst nicht schnell bei der Hand mit Bekenntnissen und wollen und können nicht verstehen, dass das Kind noch schamhafter, noch empfindlicher gegen das brutale Beobachten seiner geistigen Regungen ist.

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