ARD-alpha - Schulfernsehen


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Die Geschichte der Seuchen (2) Entdeckung der Bakterien – Tetanus und Tuberkulose

Tetanusbakterien lauern im Straßenstaub oder in der Gartenerde. Sie lösen schmerzhafte Muskelkrämpfe aus und führen unbehandelt zum Erstickungstod. Jeder dritte Mensch ist mit Tuberkulose infiziert. 2009 starben 1,7 Millionen Opfer an der Infektionskrankheit, die vor allem das Lungengewebe befällt.

Von: Simon Demmelhuber & Volker Eklkofer, ein Film von Jens Jacobsen & Jörg Richter

Stand: 25.05.2012

Kleine Ursache, große Wirkung: Bakterien sind unscheinbare einzellige Mikroorganismen, kaum einen Tausendstel Millimeter klein und sehr einfach strukturiert. Und dennoch können sie verheerende Seuchen und tödliche Krankheiten auszulösen. Einer dieser Winzlinge, der Tetanus-Erreger Clostridium tetani, nützt bereits geringste Verletzungen der Haut, um in den Körper einzudringen. Ins Blut gelangt, sondert er Giftstoffe ab, die mit der Muskelsteuerung betraute Nervenzellen befallen und schmerzhafte Lähmungen aber auch tödliche Krämpfe herbeiführen. Selbst kaum sichtbare Bagatellverletzungen, etwa bei Gartenarbeiten, reichen aus, um sich mit den Erregern zu infizieren.

Die "Geißel der Schlachtfelder"

Besonders gefürchtet war der Tetanuserreger als "Geißel der Schlachtfelder". Aufgrund schlechter Wundversorgung und hygienischer Missstände in den Lazaretten starben womöglich mehr Soldaten an Tetanus als an den eigentlichen Kampfverletzungen. Überall dort, wo Schutzimpfungen nicht üblich sind, fallen auch heute noch sehr viele Menschen dem Erreger zum Opfer. So sterben nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation alleine in Indien jährlich über eine Million Menschen äußerst schmerzhaft am Wundstarrkrampf.

Schmutz nährt Bakterien

Mangelnde Hygiene sowie fehlendes Wissen über physiologische Zusammenhänge und die Natur bakterieller Infektionen sorgten auch bei Geburten für häufig tödlich verlaufende Komplikationen. So tötete das gefürchtete Kindbettfieber bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts etwa 10 Prozent aller Wöchnerinnen. In manchen Entbindungsanstalten starben zeitweise sogar bis zu zwei Drittel der Gebärenden. Erst Ignaz Semmelweis (1818-1865) erkannte, dass Ärzte, die mit Leichen und Kranken in Berührung gekommen waren, die gefährlichen Keime selbst übertrugen. Sein Bemühen um verbesserte Hygiene führte dazu, dass deutlich weniger Frauen am Kindbettfieber erkrankten.

Dem Killer auf der Spur

Zu den wegbereitenden Pionieren der Desinfektion zählt auch der britische Mediziner Joseph Lister (1827-1912). Durch den Einsatz von Karbolsäurelösungen (Phenol) gelang es ihm, Keime auf Verbänden und Wundoberflächen wirkungsvoll abzutöten, um eine schnellere, bessere Wundheilung zu ermöglichen. Ein entscheidender Sieg im Kampf gegen die tödlichen Keime gelingt schließlich dem Franzosen Louis Pasteur (1822-1895). Er kann beweisen, dass jede Infektionserkrankung durch einen spezifischen Erreger ausgelöst wird. Diese fundamentale Erkenntnis verändert die Medizin. Nachdem der grundlegende Erkrankungsmechanismus geklärt ist, gehen Forscher wie Robert Koch (1843-1910) gezielt auf die Suche nach Bakterien und geeigneten Therapien.

Robert Koch und die "weiße Pest"

Angeregt durch Pasteurs Arbeiten widmet sich Robert Koch verstärkt der Identifizierung des Tuberkulose-Erregers. Ende des 19. Jahrhunderts ist die Tuberkulose, auch Schwindsucht genannt, die häufigste Todesursache unter den 15-40 Jährigen. Sie verursacht mehr als die Hälfte aller Sterbefälle in dieser Altersgruppe. Die "weiße Pest" ist zum einen eine Krankheit der Proletarier, die in den neuen industriellen Ballungszentren unter erbärmlichen hygienischen und existenziellen Bedingung hausen. Zum andern avanciert sie auf bizarre Weise zu einer Modekrankheit der "feinen Welt", der Kultivierten und insbesondere der Künstler,  die sich in Lungensanatorien kurieren lassen oder "in Schönheit" an ihr sterben. Unter anderen setzen Thomas Mann in seinem Roman "Der Zauberberg" und Guiseppe Verdi in seiner Oper "La Traviata" der ebenso gefürchteten wie auch seltsam faszinierenden Schwindsucht literarische bzw. musikalische Denkmäler.

Fahndungserfolge im Labor

Robert Koch kann dieser morbiden Faszination nichts abgewinnen und fahndet über Jahre hinweg verbissen nach dem Tuberkuloseerreger. Dazu entwickelt eine Reihe neuartiger Verfahren und Techniken, die den Grundstein der modernen Bakteriologie legen. Trotz zahlreicher Rückschläge gelingt es ihm 1882, das Tuberkulosebakterium eindeutig nachzuweisen. Für diesen wissenschaftlichen Durchbruch erhält er 1905 den Nobelpreis für Medizin.

Ein Schimmelpilz tötet Keime

Mit der Entdeckung des Penicillins durch den Schotten Alexander Fleming (1881-1955) scheinen die Infektionskrankheiten endgültig überwunden. Endlich haben Mediziner ein wirksames Wundermittel, um den Kampf gegen bedrohliche Keime in Krieg und Krankenhaus zu gewinnen. Das neu entwickelte Medikament wird als Sieg der Wissenschaft über den Tod gepriesen. Und tatsächlich: Die heilende Wirkung der Antibiotika, die ursprünglich aus einem Schimmelpilz entwickelt wurden, ist bis heute beeindruckend und hat unzähligen Menschen das Leben gerettet. Antibiotika scheinen für alles gut zu sein: Sie heilen jede Infektion, beseitigen jeden Husten und sie lassen sich sogar als Wachstumsmittel in der Landwirtschaft einsetzen.

Flemings Wunderwaffe wird stumpf

Eine Zeit lang sieht es tatsächlich so aus, als wäre die historische Schlacht gegen lebensbedrohliche Infektionen erfolgreich und endgültig geschlagen. Doch seit den 1960er-Jahren zeichnet sich eine bedrohliche Entwicklung ab: Viele Keime sind mittlerweile resistent und sogar multiresistent geworden. Der jahrzehntelange Missbrauch von Antibiotika, ihr Dauereinsatz und die Überdosierung machen die in der Medizin unverzichtbaren Helfer gegen Krankheitserreger und Wundinfektionen unwirksam.

Etwa 500.000 Menschen stecken sich jährlich alleine in Deutschland mit multiresistenten Krankenhauskeimen an, zwischen 10.000 und 15.000 Patienten sterben Jahr für Jahr, weil Antibiotika nicht mehr anschlagen. Dadurch sind auch bisher heilbare Krankheiten wie die Tuberkulose plötzlich wieder auf dem Vormarsch.

Sendetermin: 22.05.2013


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