ARD-alpha - Schulfernsehen


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Reports in English Marketing Scotland

Schottland ist eine Tourismusmarke mit einem klaren Versprechen: Urlaub als Begegnung mit dem Ursprünglichen und dem Unverfälschten. Doch hinter der heilen Hochlandkulisse brodelt es gewaltig: Arm und Reich driften bedrohlich auseinander, die Spannungen in der Gesellschaft wachsen.

Von: Simon Demmelhuber & Volker Eklkofer, ein Film von Barbara Derkow und Allen Woppert

Stand: 30.11.2012

Eine Burg in Schottland | Bild: WDR

Granitgraue Städte, raue Küsten, spektakuläre Landschaften, liebenswerte Marotten und jede Menge alterwürdiger Traditionen. Keine Frage: Schottland hat es geschafft, eine weltweit gültige Sehnsuchtsmarke aufzubauen. Dafür stehen neben unverbauter, sich selbst überlassener Natur ebenso "unverbaute", das heißt nicht verbildete, einfache und grundehrliche Bewohner, die sich ihre Eigenheiten und Gebräuche bewahrt haben.

Zivilisationsflucht auf Zeit

Viele dieser Erwartungen löst Schottland tatsächlich ein. Die Küsten sind ohne Zweifel atemberaubend schön, die Heidemoore wirklich meist menschenleer, die Städte unbestritten altersgrau und die Menschen, na ja, in der Regel durchaus freundlich. Sogar Dudelsack und Kilt behaupten ihren ganz selbstverständlichen Platz im schottischen Alltag. Und trotzdem: Heil ist die Welt der Highlands ganz gewiss nicht.

Hinter den Kulissen der Schaufassade

Die soziale und wirtschaftliche Situation Schottlands ist alles andere als rosig. Selbst im schmuck heraus geputzten und kulturbeflissenen Edinburgh sind die Zeichen einer umfassenden Krise nicht zu übersehen. Vielleicht nicht gerade in der touristisch wichtigen Old Town, nicht im bunten Univiertel, oder auf der schicken Royal Mile. Aber etwas weiter abseits, in "prekären" Stadtbezirken wie Portobello-Craigmillar, Leith und Liberton-Gilmerton, leben schon jetzt rund 30 Prozent der Jugendlichen in Armut. In diesen Brennpunkten der schottischen Misere kratzen Hungerlöhne, Arbeitslosigkeit, Drogen und Gewalt gewaltig an der sorgsam polierten Marketingmedaille. In Glasgow krachen die Gegensätze noch krasser aufeinander. Hier, wo in den letzten Jahren ein hochmodernes Finanzzentrum entstanden ist, grassiert das Elend, Tür an Tür mit dem Luxus. Extreme Problemviertel wie Drumchapel registrieren Arbeitslosenquoten bis zu 80 Prozent. Die üblichen Begleiterscheinungen wie Hoffnungslosigkeit, wachsender Gewaltbereitschaft, Drogenmissbrauch und Beschaffungskriminalität bleiben nicht aus.

Saufen, bis das Koma kommt – zu viele Schotten sind zu oft dicht

Eine Misere riesigen Ausmaßes ist nicht zuletzt der seit Jahren zunehmende Alkoholkonsum. Eine 2011 veröffentlichte Studie der Britisch Medical Association zeigt das erschreckende Ausmaß der anderen Wirklichkeit Schottlands. Danach werden täglich 450 Menschen Opfer einer Straftat, die von einem alkoholisierten Täter ausgeführt wird. Täglich sterben fünf Menschen durch Alkoholmissbrauch, täglich 98 Menschen wegen alkoholbedingter Probleme ins Krankenhaus eingewiesen. Insgesamt summieren sich die jährlichen Kosten für alkoholbedingte Schäden durch Krankheit, Gewalt und Verbrechen auf 97,5 Millionen Pfund (etwa 120,5 Millionen Euro).


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