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Reports in English USA: Irvine

Alptraum oder Paradies? Irvine an der kalifornischen Pazifikküste ist eine Reißbrettstadt. Von einer privaten Immobiliengesellschaft geplant und gebaut, ist sie bis heute Eigentum des Unternehmens. Wie lebt man in dieser restlos durchorganisierten Luxusoase?

Von: Simon Demmelhuber, Volker Eklkofer

Stand: 08.03.2013

Blick auf die kalifornische Staat Irvine | Bild: WDR

Das freie Spiel der Kräfte soll es richten

Das Versprechen klingt gut: Mehr Freiheit, mehr Effizienz, mehr Lebensqualität bei sinkenden Kosten, geringerem Leerlauf und weniger Bürokratie. Mit diesen Argumenten wird auch in Deutschland die Privatisierung öffentlicher Unternehmen und Aufgaben beworben. Die Segnungen des Modells stehen für seine Befürworter außer Frage: Wenn Städte und Gemeinden ihre Zuständigkeiten nicht länger als staatliches Monopol verteidigen und einen möglichst großen Teil ihrer Leistungen privaten Anbietern überlassen, brechen für den Bürger bessere Zeiten an. Die Gegner der Privatisierungseuphorie kontern mit grundsätzlichen Bedenken, Hinweisen auf misslungene Versuche und ernüchternde Einsichten: Durch die Privatisierung verliert der Staat seine Handlungs- und Gestaltungsspielräume, beschneidet demokratische Prozesse, büßt Kontrollmöglichkeiten ein und ersetzt staatliche durch private Monopole. Zudem zeigt die Erfahrung, dass privatisierte Kommunalleistungen weder billiger noch besser oder zuverlässiger werden.

Die Reißbrettstadt als Privatunternehmen

Im kalifornischen Irvine dürften solche Diskussionen blankes Unverständnis oder bestenfalls ein müdes Lächeln hervorrufen. Die Universitätsstadt liegt etwa eine Autostunde südöstlich von Los Angeles an der Pazifikküste und ist alles andere als ein Gemeinwesen europäischen Zuschnitts. Irvine ist der wahr gewordene Traum des freien Unternehmertums, Privatisierungsbedenken quälen hier niemanden. Warum auch! Irvine ist Privatbesitz und Eigentum der Irvine Company. Dem Immobilienunternehmen gehören das Land auf dem Irvine steht sowie die meisten Gebäude, Plätze, Anlagen. Wer zahlt, schafft an. Und damit ist klar, wer hier das Sagen hat, beziehungsweise die Fäden im Hintergrund zieht.

Die Geschichte der boomenden Kapitalismuskapitale reicht ein halbes Jahrhundert zurück. 1959 beschloss die Irvine Company dort, wo bislang Rinder grasten und Erdbeeren gediehen, eine Idealstadt für 50.000 Menschen aus dem Boden zu stampfen. Für Zuzug und zahlungskräftige Mieter sollte die University of California sorgen, der die Company eigens dazu den Baugrund für einen neuen Campus schenkte. Auf der Basis dieses Businessplans wuchs in zehnjähriger Bauzeit eine Mustersiedlung vom Reißbrett heran. Sämtliche Gebäude, Grünanlagen, Gewerbe- und Industriezonen, alle Sportplätze, Schulen und Straßen entstanden nach einem minutiösen Masterplan, den die Company als Bauträger und einziger Geldgeber erstellte. Das Kalkül ging auf, der Campusmagnet erfüllte seine Lockaufgabe. Heute leben rund 215.000 Menschen in der Stadt, die der Company als nach wie vor größtem Immobilienbesitzer und Grundeigner satte Gewinne bescheren.

IT-Think Tank und boomende Akademikerenklave

Um stetig fließende Einkünfte müssen die Stadtbetreiber nicht bangen. Rund 1.700 Dollar Monatsmiete überweisen die Bewohner durchschnittlich auf das Konto der Company, mehr als das Doppelte des amerikanischen Mietenmittels. Aber wer hier lebt, kann sich diesen Luxus leisten: Irvine ist eine Stadt bestens ausgebildeter, äußerst gut verdienender Akademiker. Das durchschnittliche Jahreseinkommen pro Haushalt beträgt in Irvine 85.615 Dollar, das aller US-amerikanischen Haushalte beläuft sich auf vergleichsweise schlappe 45.018 Dollar.

Wohlfühlfaktor Sicherheit

Für ein anhaltendes Bevölkerungswachstum bürgen nicht nur lukrative Arbeitsplätze in der IT- und Biotech-Industrie, sondern auch eine Reihe weiterer Annehmlichkeiten wie extrem kurze Arbeitswege, großzügige Grünanlagen, von der Company unterhaltene Sportstätten, bestens ausgestattete Schulen, eine funktionierende Infrastruktur, gesponserte Unterhaltungsangebote und vor allem Sicherheit. Irvine ist die Stadt mit der geringsten Gewaltkriminalität in den USA, und das zählt viel in einem Land, in dem Schießereien und Morde zum Alltag gehören. Die öffentliche Ordnung hält ein privatisiertes Polizeiwesen aufrecht, das unmittelbar der Stadtverwaltung untersteht und von ihr finanziert wird.

Wo's lang geht, bestimmt die Company

Kein Zweifel: Gute Jobs, prämierte Schulen, beste Freizeitmglichkeiten, Wachstum, Wohlstand und Sicherheit prägen die Sonnenseite der Stadt. Doch es gibt auch eine Schattenseite, an der sich in Irvine allerdings kaum jemand stößt. Die wenigen Kritiker kommen von außen und reiben sich am Einfluss, an der Macht und Allgegenwart der Irvine Company. Ein Hauptangriffspunkt ist dabei die vollständige Kontrolle des Immobilienunternehmens über die Stadtentwicklung. Die wesentlichen politischen Entscheidungen, so der Vorwurf, werden seit nunmehr 40 Jahren nicht im gewählten Stadtrat, sondern im Hauptsitz der Company getroffen. Gegen den Willen des Mehrheitseigners und seine detailversessene Regulierungswut geht in der Tat nichts in Irvine. Der Immobilienkonzern legt fest, wie die Häuser gestrichen werden, wie lang die Hundeleinen sein müssen, wie Firmenschilder auszusehen haben, welche Bäume oder Sträucher statthaft sind oder wie lange Garagentore offen stehen dürfen. Um ein korrektes Miteinander im Sinne der Company zu gewährleisten, verpflichtet sich jeder Bewohner auf einen verbindlichen Verhaltenscodex mit strengen Auflagen. Die geschriebenen und ungeschriebenen Gemeinderegeln erzeugen einen massiven Integrationsdruck: Wer in Irvine leben will, muss sich eingliedern und den geltenden Wohlverhaltens- und Nachbarschaftsmaximen unterwerfen. Anpassungsverweigerer haben in der durchgeplanten und durchorganisierten Luxusoase auf Dauer keine Chance.

An der auf Wohlstandsmehrung, Aufstieg und persönlichen Erfolg gebürsteten Mehrheit prallen solche Einwände freilich spurlos ab. "Wenn es der Company gut geht, geht es allen gut", lautet das Credo, auf dem Irvine erbaut ist und floriert.


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