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Reports in English Asian Bradford

Im Sommer 2001 erschüttern gewaltsame Ausschreitungen den Norden Englands. Ihren Höhepunkt erreichen die schweren Krawalle am 7. Juli in Bradford. Junge Asiaten liefern sich erbitterte Schlachten mit der Polizei.

Stand: 21.02.2013

Ausgebrannte Autowracks nach den Ausschreitungen in Bradford | Bild: picture-alliance/dpa

Ein Mitsommernachtsalbtraum: Die Ausgegrenzten begehren auf

In der Nacht zum 8. Juli 2001 brennt Bradford. Benzinbomben, Flaschen und Pflastersteine fliegen, ein blind wütender Mob zündet Autos an, plündert Geschäfte, verwüstet Läden, Kneipen, Häuser. Aufgebrachte Jugendliche meist pakistanischer und indischer Abstammung liefern sich heftige Straßenschlachten mit der Polizei. Drei Nächte hintereinander kommt der hauptsächlich von Asiaten bewohnten Stadtteil Manningham nicht zur Ruhe, es sind die schlimmsten Ausschreitungen seit 25 Jahren. Die Bilanz der mehrtägigen Gewaltorgie: 160 verletzte Polizisten, 23 festgenommene Asiaten, 13 inhaftierte Weiße, zwei verwundete Skinheads, immense Sachschäden und Ratlosigkeit auf allen Seiten.

Der Gewaltausbruch ist unerwartet vehement, kommt aber nicht überraschend. Es gärt schon lange in Bradford. Rund 500.000 Einwohner zählt die nordenglische Stadt in der Grafschaft Yorkshire. Rund ein Fünftel von ihnen ist asiatischer Herkunft, 65.000 sind Pakistanis, 14.000 Inder und etwa 5.000 Bengalen.

Niedergang: Die einstige Welthauptstadt der Wollspinnerei verfällt

Das Fanal von Bradford ist ein sozioökonomisches Verfallssyndrom und das Produkt verfehlter Integration. Lange Zeit war die Stadt ein blühendes Zentrum der Industriellen Revolution, das Mitte des 19. Jahrhunderts durch Schwerindustrie und vor allem durch Textilfabriken einen beispiellosen Boom erlebte. Die "Cotton Capital" wickelte nahezu 90 Prozent des weltweiten Wollhandels ab und protzte mit viktorianischem Pomp. In den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts bedroht ein zunehmender Personalmangel die industrielle Produktivität. Die Fabriken werben billige Arbeitskräfte in Asien, vorwiegend in Pakistan und Indien an. Die Immigranten sind mit Billiglöhnen zufrieden und erledigten auch solche Jobs, die kein Weißer annimmt. Durch die massenhafte Zuwanderung wandelt sich die einstige "Wool-Capital" zur "Curry-Capital", zur Stadt mit dem höchsten asiatischen, meist muslimischen Bevölkerungsanteil aller britischen Städte.

In den späten siebziger Jahren beginnt der wirtschaftliche Niedergang, die Textilindustrie bricht zusammen, die Fabriken schließen. Allein 1979 verliert die Stadt 63.000 Arbeitsplätze, die Arbeitslosigkeit steigt auf 16 Prozent. Am härtesten trifft es die Immigranten. Während rund sieben Prozent aller Weißen in Bradford arbeitslos sind, haben mehr als 35 Prozent der asiatischen Bevölkerung keinen Job. Infolge der anhaltenden Rezession verkommen die mehrheitlich asiatischen Viertel wie Manningham zu Slums.

Wagenburgen: Die Ethnien igeln sich ein

Die häufig beschworene multikulturelle Integration entpuppt sich mehr und mehr als Farce, verblasst zur politischen Wunschvorstellung. Die Zugewanderten bleiben über drei Generationen hinweg unter sich, ihre Kinder besuchen "asiatisch dominierte" Schulen, wachsen in ghettoähnlichen Siedlungen und abgeschotteten Vierteln auf. Während sich die Asiaten absondern, reagieren die Weißen mit "Islamangst", Ausgrenzung und Diskriminierung. Gegenseitiges Misstrauen und Vorbehalte ziehen tiefe Gräben, die rassistische Intoleranz wächst auf allen Seiten, die Bereitschaft zum Dialog schwindet. Obwohl Sonntagsreden noch immer ein gelingendes multikulturelles Miteinander beschwören, sind die ethnischen Gruppen aufgrund Jahrzehnte langer Versäumnisse entlang rassischer, kultureller und religiöser Bruchlinien längst auseinander getrieben.

Sprengladung: Hoffnungslosigkeit und Zorn stauen sich auf

Am härtesten von der manifestierten Desintegration und dem wirtschaftlichen Desaster betroffen sind die in England geborenen Nachkommen der asiatischen Immigranten. Sie lehnen die traditionellen Werte ihrer Eltern ab, sprechen Englisch mit regionalem Akzent, fühlen sich aber in Großbritannien weder angekommen noch angenommen. Viele von ihnen hegen ein tiefes Misstrauen gegenüber der Polizei und den Behörden, denen sie offenen oder "institutionalisierten Rassismus" sowie "Islamophobie" und bewusste "Kriminalisierung" vorwerfen. Sie fühlen sich stigmatisiert, von allen Seiten ausgegrenzt und wenden sich ab von einer Gesellschaft, die nichts unternimmt, um ihre Dauermisere zu beenden.

Stigmatisierung: Wut ist ein Schattengewächs

Zu den Schattenseiten des sozioökonomischen Debakels Misere, die durch hohe Arbeitslosigkeit, niedrigen Bildungsstand, fehlende Zukunftsperspektiven, verödende Infrastrukturen, Verarmung und Resignation geprägt ist, gehören in Bradford wie anderswo, wachsende Aggression und Bandenkriminalität, Drogenmissbrauch und Drogenhandel. Viele "weiße" Bradforder wähnen sich von pöbelnden Jugendgangs, "Überfremdung" und einer wuchernden Drogenszene bedroht. Sie glauben sich überdies von der Politik und vor allem von einer Polizei im Stich gelassen, die dieser Angst auslösenden Entwicklung nicht energisch genug entgegentritt.

Nutznießer der angespannten Situation, in der sich die ethnischen Gruppen gegenseitig belauern und mit Schuldzuweisungen überhäufen, sind rassistische Kräfte wie die rechtsextreme British National Party (BNP) und die faschistische British National Front (NF), die das Misstrauen anheizen und durch gezielte Provokationen ein hoch explosives Reizklima schaffen. Um dieses Pulverfass in Brand zu setzten, reicht mitunter schon ein winziger Funke aus.

Die Nacht der Gewalt: Ein Funke zündet das Pulverfass

Genau das geschieht am 7. Juli 2001 in Bradford. Für diesen Tag, einen Samstag, hat die rechtsextremistische British National Party eine Demonstration in Bradford angekündigt, die auch durch den zu 60 Prozent von Asiaten bewohnten Stadtteil Manningham führen soll. Obwohl das Innenministerium die Versammlung untersagt hatte, formiert sich am Nachmittag ein antifaschistischer Protest junger Asiaten gegen die BPN. Als sich dieser Zug gerade aufzulösen beginnt, werden die Jugendlichen von einigen Skinheads aus einer Kneipe heraus mit rassistischen Schmähungen provoziert. Die aufgestaute Wut entlädt sich spontan. Es kommt zu Pöbeleien, Rangeleien, Handgreiflichkeiten und Messerattacken. Ein rund 1.000 Mann starkes Polizeiaufgebot greift ein, und nun läuft die Situation vollends aus dem Ruder. Drei Nächte hintereinander überzieht die lang aufgestaute, schlagartig freigesetzte Zerstörungswut den Stadtteil Manningham mit Feuer und Hass. Als die Unruhen schließlich abebben, ist nicht nur Glas zerbrochen. Auch der Traum vom friedlichen multikulturellen Miteinander liegt in Scherben.


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