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Neue Heimat Deutschland Leben zwischen zwei Welten?

Deutscher sein und Moslem, für viele klingt das wie ein Widerspruch. Für hunderttausende hier geborene Kinder türkischer oder arabischer Einwanderer ist es Alltag. Leben diese deutschen Staatsbürger zwischen zwei Welten?

Von: Ein Film von Friederike Kühn

Stand: 22.03.2013

Recep Otuk ist ein gläubiger Muslim | Bild: BR

Einseitige Schlagzeilen von Zwangsheirat, Ehrenmord und Unterdrückung der Frau prägen häufig das Bild von muslimischen Familien. Dementsprechend hoch ist das Befremden über ihre andersartige Kultur, symbolisiert durch das Kopftuch.

Im Zentrum des Films stehen der Mustafa Otuk und sein Bruder Selim, ihr Vater ein streng gläubiger Moslem und Vorsitzender der ersten großen Moschee in Bayern im schwäbischen Lauingen; die Sümeyye Gülec aus Nürnberg, die im Teakwondo für Deutschland schon bei einer WM die Bronzemedaille holte sowie eine islamische Jugendgruppe mit arabischem Hintergrund aus München. Welchen Konflikten sind die jungen deutschen Muslime ausgesetzt, wie praktizieren sie ihre Religion, welchen Vorurteilen müssen sie begegnen?

Millionen Muslime in Deutschland

In Deutschland leben mehr als drei Millionen Muslime, über eine Million besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft. Viele ehemalige „Gastarbeiter“ – mehr noch ihre Kinder und Enkel – sind in der Bundesrepublik längst heimisch. Sie sind wie die Brüder Mustafa und Selim Otuk Teil dieser Gesellschaft geworden. Sie leben als Muslime in Deutschland oder sind Deutsche und gleichzeitig Muslime. Gerade die Jüngeren haben sich mit dieser doppelten Identität arrangiert.

Eine katholische Kirche steht in jedem bayerischen Dorf, eine Moschee ist dagegen keine Selbstverständlichkeit. In etwa 100 Orten im Freistaat gibt es ein islamisches Gotteshaus. Die erste große Moschee Bayerns wurde in Lauingen eröffnet. Initiator des Baus war der damalige Bürgermeister Georg Barfuß (links), seitdem „Türkenschorsch“ genannt. Seinem Engagement ist es zu verdanken, dass die Gläubigen der Region zumindest am Freitag, dem Gebetstag der Muslime, regelmäßig eine Moschee besuchen können.

Integrationsort Moschee

Auch wenn Moscheebauprojekte in Deutschland immer wieder für Zündstoff sorgen, tragen sie zur Integration bei. Muslime kommen in Berührung mit Deutschen, indem sie für ihr Projekt werben und sich mit den kommunalen Behörden auseinandersetzen. Gute Kontaktmöglichkeiten bietet auch der Sport. So engagieren sich viele Türken im Fußball, aber auch in Randsportarten. So hat in Nürnberg der Türke Özer Gülec einen Teakwondo-Verein gegründet.

Islam und Identität

Besonderes Reizthema mit hohem Symbolwert wurde in den vergangenen Jahren das Tragen des Kopftuchs in westlichen Gesellschaften. Debattiert wird darüber, ob dieses Kleidungsstück für ein veraltetes Rollenverständnis steht, also für die Unterdrückung der Frau. Muslimische Frauen selbst gehen damit höchst unterschiedlich um: Manche lehnen das Kopftuch ab, für manche drückt es tatsächlich ein traditionelles Verhältnis zwischen Mann und Frau aus, wiederum für andere ist es Zeichen ihrer kulturell-religiösen Zugehörigkeit. Für Kritiker geht vom Kopftuch aber noch ein anderes Signal aus: Abschottung, politisches Symbol für islamischen Fundamentalismus.

Wie in Lauingen besuchen die weitaus meisten Muslime eine Moschee nicht aus islamistischen Gründen, sondern um ihre Religion zu praktizieren. In Deutschland haben sich in den vergangenen Jahren immer mehr Jugendliche zum Islam bekannt – ein Indiz dafür, dass sie in der Religion eine klarere Identität finden als in ihrer Herkunft.

Sendetermin: 28.03.2013