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Frauen des Mittelalters Die Seherin Hildegard von Bingen

Über 800 Jahre nach ihrem Tod ist Hildegard von Bingen präsenter denn je: als starke Frau des 12. Jahrhunderts, als Heilerin und Gelehrte, als Seherin, Komponistin, und anerkannte geistliche Autorität der Universalkirche.

Von: Simon Demmelhuber, Volker Eklkofer & Gertraud Wagner, ein Film von Angelika Finger

Stand: 09.11.2012

Abbildung von Hildegard von Bingen | Bild: WDR

Hildegard von Bingen ist ohne jeden Zweifel eine der erstaunlichsten Frauen des Mittelalters: Prophetin, Komponistin, Dichterin, Naturforscherin, Heilkundige, Klostergründerin, Äbtissin, Predigerin, Kommunikationstalent. Selbst mehr als 800 Jahre nach ihrem Tod das Charisma der Benediktinerin kein bisschen abgenützt. Im Gegenteil: Nie schien sie so wertvoll wie heute, nie genoss sie mehr Anerkennen und Ansehen in Welt und Kirche.

Der Hildegard-Boom

Seit Beginn der 90er Jahre wird sie vor allem von den Anhängern und Verkündern einer esoterisch geprägten Hildegard-Medizin wieder entdeckt, dabei allerdings oft allzu oberflächlich und unkritisch vereinnahmt. Die in ihren Werken aufscheinende Hildegard ist weitaus komplexer und im Grunde weitaus spektakulärer, als diese naiven Umarmungen zunächst vermuten lassen. Wirklich erkennbar wird das Außergewöhnliche dieser Frau erst vor dem Hintergrund und gemessen am Maß ihrer Zeit.

Seherin und Schriftstellerin

Ihren Zeitgenossen gilt sie weniger aufgrund ihrer natur- und heilkundlichen Schriften oder ihres musikalischen Werkes halber als Heilige, sondern einzig wegen ihrer Visionen, in denen die Seherin "verborgene Geheimnisse Gottes" schaut. Diese Kraft mystisch-prophetischer Schau wird zum Anlass, sich mitzuteilen: in Schriften, auf Predigtreisen, unermüdlich korrespondierend mit den Mächtigen ihrer Gegenwart.

Heilige und Kirchenlehrerin

Obwohl sie schon bald nach ihrem Tod im Jahr 1197 verehrt wird und Papst Gregor IX. den Heiligsprechungsprozess einleitet, wird Hildegard nicht förmlich kanonisiert. Erst in unserer Zeit, am 10. Mai 2012 bestätigt Papst Benedikt XVI. ihre Aufnahme in den Gesamtkalender der Heiligen. Damit kann Hildegard nun offiziell in der gesamten Weltkirche als Heilige verehrt werden. Am 5. Oktober 2012 wurde Hildegard zur Kirchenlehrerin erhoben.

Geist und Gnade

Bei einer Rede auf dem Petersplatz würdigt Benedikt die Benediktinernonne als "wahre Meisterin der Theologie, darüber hinaus eine Gelehrte der Naturwissenschaften und der Musik. (…). Die Gnade des Heiligen Geistes versetzte sie in die Erfahrung des umfassenden Verstehens der göttlichen Offenbarung und des intelligenten Dialogs mit der Welt, die den permanenten Horizont des Lebens und Handelns der Kirche bestimmt."


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