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Meilensteine der Naturwissenschaft und Technik Meister Gerhard und der Kölner Dom

Neun Jahre lang war er das höchste Bauwerk der Welt, dann übertrumpfte ihn der Eiffelturm in Paris. Doch auch so ist der Kölner Dom ein Wunder architektonischer Vollkommenheit. Seine Baugeschichte zog sich ganze 600 Jahre hin.

Von: Simon Demmelhuber & Volker Eklkofer, ein Film von Karin Atzenbeck

Stand: 05.04.2013

Passanten gehen am Kölner Dom vorbei | Bild: picture-alliance/dpa/Oliver Berg

Ein Bauwerk zur Ehre Gottes und seiner Heiligen

1247 fasst das Kölner Domkapitel einen ehrgeizigen Entschluss: Die Stadt wird einen neuen Dom erhalten, ein gewaltiges Bauwerk zu Ehre Gottes und zu Ehren der Heiligen Drei Könige, deren Gebeine die Kölner seit 1146 hüten. Um den geistlichen Rang dieses kostbaren Reliquienschatzes zu würdigen und die Macht seiner weltlichen Bewahrer zu demonstrieren, soll das geplante Gotteshaus alles bislang Dagewesene übertreffen. Vor allem aber soll es jene Kathedralen in den Schatten stellen, mit denen die französischen Nachbarn seit nun schon nahezu hundert Jahren auftrumpfen.

Die Kathedrale als Abglanz himmlischer Herrlichkeit

Der neue Stil, der sich jenseits des Rheins ausgebreitet hat, ist revolutionär. Die Bauten der französischen Meister wirken nicht mehr wie aus schwerem Stein gefügt, sondern wie filigranes Spitzenwerk, das sich schwerelos in schwindelnde Höhen erhebt. Auch die Innenräume sind nicht mehr dunkel und drückend. Es ist, als gebe es anstelle von Mauerwerk und Wänden nur noch grazile Pfeiler und endlose, bunt verglaste Fensterfronten, durch die sich eine Flut farbigen Lichts in die hellen, klar gegliederten Schluchten himmelstürmender Kirchenschiffe ergießt. Diesen überwältigenden Effekt erreichen die Baumeister durch eine innovative Technik: Sie leiten die gewaltige Auflast der Dächer über Kreuzrippen in Pfeiler ab, die ihn dann über Strebebögen und Strebepfeiler nach außen weitergeben und so gleichmäßig auf den Boden übertragen. Durch diesen bahnbrechenden Kniff können sie auf massive Stützwände verzichten und erstmals großflächige Fenster einsetzen.

Magister Gerhard soll es richten

Um ihren Dom zu errichten, brauchen die Kölner einen Werkmeister (magister operis), der die bautechnischen Anforderungen bewältigt, handwerkliches Können und die organisatorische Erfahrung eines Bauhüttenleiters mitbringt. Diesen Experten finden sie in Magister Gerhard, einem erfahrenen Steinmetzmeister, der seine Kunst in Frankreich bei den Besten der Zunft erlernt hat. Über den Mann selbst ist wenig bekannt. Er wurde wohl um 1210 geboren, sein Geburtsort, seine Abstammung und die Stationen seiner Ausbildung liegen im Dunkeln. Anzunehmen, wenn auch nicht durch Zeugnisse gesichert, ist jedoch, dass ihn seine Wanderjahre auf die Baustellen nordfranzösischer Kathedralen führten. Als mögliche Lehrmeister kommen Pierre de Monterau (um 1200 - 1267), Bauleiter der Abteikirche von Saint-Denis, und Jean de Chelles (gestorben um 1265), Bauleiter von Notre Dame de Paris, in Frage. Mit seinem Entwurf für den gewaltigen Kölner Dom wird er sie alle übertreffen.

Generalmanager und künstlerischer Leiter der Dombauhütte

Als Dombaumeister ist Gerhard für die Oberleitung der Bauhütte, die Koordination aller Gewerke und vor allem für die Erstellung des Bauplans verantwortlich, der sich deutlich an der 1220 fertig gestellten Kathedrale von Amiens orientiert. Eine seiner Hauptpflichten ist neben vielfältigen Planungs-, Organisations- und Kontrollaufgaben das Anfertigen von Ritzzeichnungen. Die Aufrisse von Baudetails wie Fenstern, Profilen, Bögen, Gesimsen und Maßwerkelementen sind eine unverzichtbare Vorlage für die Arbeit der Handwerker. Gerhard zeichnet die Risse mithilfe von Richtscheit und Zirkel auf verputzten Wandflächen oder auf den Steinplatten des Bodens meist im Originalformat, vielleicht auch maßstabsgerecht verkleinert vor. So können Steinmetze und Zimmerer die Maße mit dem Zirkel abgreifen und auf ihre Werkstücke übertragen oder die Passgenauigkeit gefertigter Werkstücke vor dem Einbau durch einfaches Anlegen überprüfen.

Nach göttlichem Maß: Die Kathedrale als Symbolraum

Nach der feierlichen Grundsteinlegung an Mariä Himmelfahrt (15. August) 1248 beginnt Gerhard mit dem Bau des Chors, den ein Kranz von sieben Kapellen einfassen soll. Die Zahl Sieben ist nicht zufällig gewählt. Sie verweist auf die sieben Schöpfungstage und steht damit für die Zahlensymbolik als tragendes Architekturprinzip der Gotik. Da die Bibel berichtet, Gott habe beim Bau der Welt alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet, eifern die irdischen Baumeister seinem Vorbild nach. Dazu übertragen sie aus der Heiligen Schrift bekannte Zahlenangaben auf Gliederungselemente, Flächen-, Längen- oder Höhenverhältnisse und andere Details des Baukörpers. Durch die zahlensymbolische Struktur wird der Bau insgesamt zum einem Symbolraum, der die göttliche Weltordnung abbildet. Ein Beispiel von vielen ist die Zahl der Eingangstore des Doms: Weil das himmlische Jerusalem der Johannesapokalypse zwölf Tore hat, sieht Gerhard für jede der drei Fassaden jeweils vier Pforten vor. Auch die bunten Glasfenster der Gotik haben ihr Vorbild in der Offenbarung des Johannes. Ihre lichtdurchtstrahlten Farben stehen für die zwölf Edelsteine, mit denen die Mauer der himmlischen Stadt geschmückt ist. Die "gebaute" Symbolik und eine Vielzahl weiterer geistiger Bezüge machen das irdische Werk zum Abbild der Vollkommenheit Gottes und des verheißenen Neuen Jerusalem.

300 Jahre Arbeit und ein langer Schlaf

Als Meister Gerhard am 24. oder 25. April 1271 in Köln stirbt, stehen nach 20-jähriger Bauzeit erst die Seitenkapellen des Chors. 1322 ist dieser Bauabschnitt abgeschlossen und der Chor wird als neue Bischofskirche eingeweiht. In den nächsten zwei Jahrhunderten errichten die Nachfolger des ersten Dombaumeisters die Süd- und Nordseite des Langhauses, die Westfassade, zwei Geschosse des Südturms und einen Stumpf des Nordturms. Dann bringen die Wirren der Reformation und zunehmende Geldnot den Bau ins Stocken, 1592 wird er schließlich ganz eingestellt.

Nahezu 300 Jahre bleibt der Dom unvollendet. Eine Wiederaufnahme der Arbeiten steht aus verschiedenen Gründen nicht zur Debatte. Zum einen gelten die Baupläne als verloren, zum andern fehlt das Geld und zum dritten schlichtweg das Interesse an einem Baustil, für den schon die italienische Renaissance das abwertende Etikett "gotisch" geprägt hatte. In dieser Tradition gilt alles "Gotische" lange Zeit als barbarisch, roh und ungeschliffen, als plumpes Relikt des glücklich überwundenen, gänzlich geschmacklosen Mittelalters.

Die Vollendung: "Das wiedererwachte Bewusstsein des Deutschen Gemeinsinns"

Erst die Romantik öffnet den Blick für eine Neubewertung der gotischen Kunst und ihrer Denkmäler. Die Verklärung des Mittelalters geht einher mit einem romantischen Nationalismus, der die Gotik zur deutschen Kunst schlechthin stilisiert. Die Vollendung des Doms wird zur nationalen Aufgabe, zum Sinnbild für das "wiedererwachte Bewusstsein des Deutschen Gemeinsinnes" und zum Zeichen der "Hoffnung auf ein einiges gesamtes und geordnetes deutsches Vaterland." Da sich zudem Meister Gerhards Fassadenplan wiedergefunden hat und Spendengelder aus allen Teilen Deutschlands reichlich fließen, können 1823 erste Restaurationsarbeiten beginnen. Am 13. April des Jahres 1841 feiert schließlich der Kölner Zentral-Dombau-Verein seine Gründung, vom 14. bis 16. August 1848 findet zum Gedenken an die sechshundertste Wiederkehr der Grundsteinlegung ein dreitägiges Fest statt. 1880 sind die Arbeiten abgeschlossen, der Dom ist nach 632 Jahren endlich fertig gestellt und wird am 15. Oktober 1880 im Beisein des Kaiserpaares und nahezu aller deutschen Fürsten "der Nation übergeben".


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