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Meilensteine der Naturwissenschaft und Technik Die Impfung

Ein kleiner Pieks mit großer Wirkung: Die Impfung ist nach wie vor die einzig zuverlässige Vorbeugung gegen Infektionskrankheiten. Wer auf diesen Schutz verzichtet, riskiert nicht nur seine Gesundheit, sondern auch die vieler anderer Menschen.

Von: Simon Demmelhuber & Volker Eklkofer, ein Film von Manfred Baur, Fiona Pleasance & Hannes Schuler

Stand: 16.11.2012

Symbolbild: Ein Patient wird geimpft | Bild: colourbox.com

Den weitaus größten Teil ihrer Geschichte war die Menschheit den Angriffen von Viren, Bakterien und Parasiten schutzlos ausgeliefert. Noch im 17. Jahrhundert waren Pocken vor Pest, Lepra oder Syphilis die am weitesten verbreitete und sicherlich schlimmste Infektionskrankheit, die vor allem Kinder tötete. Gegen diese Heimsuchungen waren die Mediziner machtlos. Sie vermochten allenfalls das Leid ihren Patienten zu lindern, einer Erkrankung vorbeugen oder sie gar heilen, konnten sie nicht.

Orientimport: Lady Montagu und die Impfung

Das Blatt begann sich zu wenden, als Lady Mary Montagu (1689-1762) von einem mehrjährigen Aufenthalt in Istanbul nach England zurückkehrte. Im Osmanischen Reich, wo sie als Frau des englischen Botschafters gelebt hatte, war sie Zeugin eines erstaunlichen Großversuchs geworden. Sie hatte gesehen, wie Ärzte dort Kindern abgeschwächte Pockenviren verabreichten, um sie erfolgreich gegen die Krankheit zu immunisieren. Mit dieser "Variolation" oder auch "Inoculierung" genannten Heiltechnik hatten die Osmanen das Prinzip der Impfung entdeckt: Ein abgeschwächter Krankheitserreger wird in den gesunden Körper eingebracht, um ihn unempfindlich, also immun, gegen den ungeschwächten, starken Erreger zu machen. Lady Montagu war auf Anhieb vom Erfolg dieser Maßnahme überzeugt und ließ auch ihre Kinder "inoculieren".

Ein Prinzip bricht sich Bahn

Nachdem der englische König Georg I. (1660-1727) ihren euphorischen Berichten gelauscht, die Methode gutgeheißen und seine Enkel schließlich ebenfalls hatte impfen lassen, breitete sich das Verfahren langsam in England und Europa aus. Die Behandlung galt allerdings als riskant, da die Impfung mit Pockenerregern stattfand und so anstelle der erwünschten Immunisierung immer wieder auch schwere Pockenerkrankungen auftraten.

Edward Jenner zieht die Konsequenz

Den entscheidenden Durchbruch erzielte der englische Landarzt Edward Jenner (1749-1823). Er hatte von den osmanischen Variolationsversuchen und Lady Montagus ansteckender Impfbegeisterung, aber auch von den damit verbundenen Risiken gehört. Zudem wusste er aus landläufigen Beobachtungen und seiner eigenen Erfahrung, dass Menschen nicht mehr an den Pocken erkrankten, wenn sie sich zuvor mit den harmlosen Kuhpocken infiziert hatten. 1796 zog er die logische Konsequenz aus beiden Informationen: Zunächst impfte er einen Jungen mit dem Pustelsekret einer an Kuhpocken erkrankten Magd und infizierte ihn sechs Wochen später mit echten Pocken. Das gewagte Experiment gelang. Jenner hatte bewiesen, dass die Impfung mit Kuhpocken einen wirksamen Schutz gegen die echten Pocken garantierte. Das englische Wort vaccination bewahrt diesen Zusammenhang: Es leitet sich von vacca, lateinisch für Kuh, ab und scheint auch im deutsch-lateinischen Kunstwort Vakzination auf. Obwohl die Kirchen und die Anhänger der gängigen medizinischen Praxis gegen dieses Verfahren protestierten, konnte es sich aufgrund der durchschlagenden Erfolge und des offensichtlichen Nutzens rasch behaupten. Ab 1807 gab es in Bayern und Hessen staatlich angeordnete Zwangsvakzinationen gegen die Pocken. 1874 wurde die Pockenpflichtimpfung im Deutschen Reich per Gesetz eingeführt.

Behring besiegt die Diphterie

Diphterie ist eine bakteriell ausgelöste Krankheit, die vor allem Kinder befällt und unbehandelt häufig tödlich endet. Den Impfstoff entwickeln der Bakteriologe Emil von Behring und sein japanischer Kollege Kitasato Shibasaburo (1853-1931), die in den 1890er Jahren im Berliner Labor Robert Kochs arbeiteten. Behring und Shibasaburo stellten fest, dass der Körper als Reaktion auf krankmachende Bakterien eigene Gegengifte (Antitoxine) entwickelt. 1890 stießen sie bei Versuchen mit diphtherieinfizierten Schafen auf ein Diphtherie-Antitoxin und gewannen schließlich ein Heilserum aus dem Blut der erkrankten Tiere. 1891 erprobten sie dieses Serum erfolgreich an zwei diphtheriekranken Kindern und entdeckten so die passive Immunisierung. 1913 stellte Behring schließlich auch ein Serum für Diphtherie-Schutzimpfungen, also für die vorbeugende aktive Immunisierung, vor. Sie gehört heute zu den Standardimpfungen für Kleinkinder und trägt dazu bei, dass die Diphtherie, einst die Kinderkrankheit mit der höchsten Sterblichkeit, heute in den entwickelten Ländern keine Rolle mehr spielt.


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