ARD-alpha - Schulfernsehen


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Frères Lumière Le cinématographe

Am 28.12.1895 fand in Paris die erste öffentliche Kinovorführung statt. Veranstalter waren die Brüder Lumière. Geschickt hatten sie bekannte Erfindungen kombiniert und ein Wiedergabe- und Aufnahmegerät, den Kinematographen, gebaut. Ihre Filme drehten sie selbst und feierten damit große Erfolge.

Von: Ein Film von Susanne Päch & Herbert W. Franke

Stand: 13.07.2012

Die Gebrüder Lumière, Auguste (rechts) und Jean Louis | Bild: picture-alliance/dpa

Spiel mit Licht und Schatten

Sendung in französischer Sprache

Das Spiel mit Licht und Schatten faszinierte die Menschen schon immer. Sonne und Mond halfen dabei, doch sie waren bewegliche Lichtquellen, die sich nicht kontrollieren ließen. Erst der Einsatz von fest positionierten Lichtquellen (z. B. ein Feuer in einer Höhle) machte es möglich, bestimmte Effekte zu erzielen. So entstanden quer durch alle Kulturkreise Schattenspiele als Kunstform. Der Umgang mit Licht rief auch Forscher auf den Plan. Physiker experimentierten und entdeckten die Gesetze der Optik.

Die ersten "Filmapparate"

1830 entwarf der belgische Physiker Joseph Plateau das Phenakistoskop. Auf den oberen Rand einer Pappscheibe zeichnete er die einzelnen Bewegungsphasen eines Vorgangs, zum Beispiel ein seilhüpfendes Kind. Beim schnellen Drehen der Scheibe entstand der Eindruck von Bewegung. Dies genügte Plateau nicht, er wollte die Bewegung steuern und ihre Geschwindigkeit selbst bestimmen. Über die erste Pappscheibe legte er eine zweite, schwarze Scheibe, die er mit acht gleichmäßig verteilten Schlitzen versehen hatte. Beim Drehen der beiden Scheiben in entgegen gesetzter Richtung gestatteten die Schlitze gerade so viel Einblick in die Bewegungsphasen, wie das Auge benötigte, um die Bewegung als "normal" zu empfinden. Eine ähnliche Apparatur, das Lebensrad, konstruierte der Österreicher Simon v. Stampfer. Drehte man es, wurde auch hier der Eindruck von Bewegung erzeugt.

Mitte des 19. Jahrhunderts konnte man auch feste Bilder auf eine weiße Fläche projizieren. Dies geschah mit einer Camera obscura, einer arabischen Erfindung. Mit dieser Lochkamera hatte sich bereits Leonardo da Vinci beschäftigt und der Jesuitenpater Anasthasius Kircher hatte sie durch den Einbau von optischen Linsen modernisiert. Man nannte sie nun Laterna magica. Bunt bemalte Glasscheiben wurden durch eine Linse auf eine Leinwand projiziert. Durch die Verschiebung von einzelnen Bildelementen gegeneinander entstand der Eindruck von Bewegung.

Fotografie und Bewegung

Fotografieren war schon seit dem frühen 19. Jahrhundert möglich, 1823 hatte der Franzose Nicéphore Niepces nach 14-stündiger Belichtungszeit das Stillleben eines gedeckten Tisches präsentiert. Im Laufe der Zeit gelang es, durch chemische Verfahren die Belichtungszeit erheblich zu verkürzen. Fotokünstler machten sich nun die Erfindungen von Plateau und Stampfer zunutze. Statt ein Lebensrad zu bemalen, fotografierten sie z. B. ein seilhüpfendes Kind in den einzelnen Abschnitten der Bewegung und montierten die Bilder auf die Scheibe. Die Betrachter waren begeistert: Nun sahen sie keine gemalten Figuren, sondern richtige, "lebendige" Menschen. Um 1875 war die Momentfotografie geboren, dem Film stand nun nichts mehr im Wege.

Belichtungsfähige Zelluloidstreifen revolutionieren die Fotografie

1887 gelang es dem Amerikaner Hannibal Goodwin, eine chemische Bromsilberschicht hauchdünn auf Zelluloidstreifen aufzutragen. Bislang war dies nur auf Glasplatten möglich gewesen. Diesem Verfahren des Bromsilber-Überzugs verdankt der Film seinen Namen. Die Vorteile des neuen Trägers der Belichtungsschicht waren beträchtlich: Zelluloid war einfacher zu handhaben als Glasplatten und der Fotograf musste seine Aufnahmekamera nicht mehr vor jeder Aufnahme neu "munitionieren". Er konnte den mit Löchern versehenen Rohfilm in der Kamera belassen, ihn weiterdrehen ("kurbeln") und kontinuierlich belichten. Thomas A. Edison und sein Erfinderteam griffen die Idee sofort auf. Sie schufen das genormte Filmband (1891), wie es noch heute verkauft wird: 35 Millimeter breit, je vier Perforationslöcher auf der linken und rechten Seite.

Edison Kinetoskop

Edison befasste sich auch mit bewegten Fotografien. Sein Ziel war die Entwicklung eines Filmaufnahme- und Wiedergabegerätes. Der Erfinder beschäftigte sich eingehend mit der Bilder- oder Wundertrommel, einer Weiterentwicklung des Lebensrades aus dem Jahr 1883. Die Bildprojektion fand hier über eine spezielle Spiegelanordnung im Inneren des Geräts statt.

Das Ergebnis von Edisons Bemühungen war ein Wiedergabegerät namens Kinetoskop (1891/92). Ein 35-mm-Filmstreifen wurde mit einem Elektromotor in Bewegung gesetzt, der Betrachter blickte durch das Filmpositiv in die Lichtquelle, eine Glühlampe. Auch zum Aufzeichnen eines Films konnte der Apparat genutzt werden. Ein Mitarbeiter Edisons, William K. L. Dickson, begann sofort Filme zu produzieren und sie vor Publikum vorzuführen. Jeder dieser Filme zeigte Menschen oder Tiere in Bewegung, man sah sie rennen, tanzen, springen, schwimmen, reiten oder fahren. Die Filme Dicksons (Länge pro Film 30 Sekunden; mehrere Streifen wurden aneinandergeklebt) konnten gegen Bezahlung durch das Guckloch des Kinetoskops betrachtet werden. Überlegungen seiner Mitarbeiter, die Gucklöcher abzuschaffen und die Bilder an die Wand zu projizieren, damit sie auch größere Zuschauergruppen sehen konnten, verwarf Edison.

Der Film verlässt den Guckkasten – der Kinematograph der Brüder Lumière

In Europa und in den USA versuchten Tüftler in den 1890er Jahren, die Filme aus Edisons Kinetoskop "herauszuholen" und an die Wand zu projizieren. Als Vorbild diente wiederum die Laterna magica Kirchers. In Deutschland stellten Emil und Max Skladanowski das Bioskop vor und bekamen ein Patent für ihr "Schneckenradgetriebe zur Fortbewegung des Filmbandes". Oskar Meßter, ein Filmtechniker, erfand das Malteserkreuz zum ruckartigen Filmtransport. Dank des Malteserkreuzes erschien der optische Vorgang der Bewegung nun tatsächlich fließend, das lästige Flimmern hörte auf.

In Frankreich bauten Auguste und Louis Lumière, die Söhne eines Fabrikanten für Fotoartikel mit Sitz in Lyon, den Kinematographen. Das Patent erhielten sie am 13. Februar 1895. Schnell erwiesen sich die Lumière-Brüder als Vermarktungsgenies. Am 22. März 1895 stellten sie ihr Gerät der "Gesellschaft zur Förderung der Nationalen Industrie" in Paris vor. Wenig später filmten sie die Teilnehmer eines fotografischen Kongresses und luden zwei Tage später zur Vorführung. Der Kinematograph war bald in aller Munde. Im Dezember 1895 begannen die Brüder Lumière in einem Pariser Café ihre Filme vorzuführen. Der Publikumsandrang war groß, die Einnahmen beträchtlich.

Erfolg mit Eigenproduktionen

Ihre Filme drehten die Lumière-Brüder selbst und Themen fanden sie zuhauf. Louis filmte die Arbeiter seiner Fabrik oder zeigte Soldaten beim Training in einer Reithalle. Mit dem Film "Abbruch einer Mauer" erlaubte sich Lumière einen besonderen Spaß, indem er ihn auch rückwärts aufspulte: Die Zuschauer sahen die Mauer zusammenfallen, doch sofort richtete sie sich wieder auf. Der wohl bekannteste frühe Lumière-Film wurde ebenfalls 1895 gedreht und hieß "Ankunft des Zuges auf einem Bahnhof". Ausschnitte werden in der Sendung gezeigt, dabei wird auch die Funktionsweise des Kinematographen ausführlich erläutert.


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