ARD-alpha - Schulfernsehen


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Nie wieder keine Ahnung! Malerei (2) Das Bild

In der Schule des Sehens kitzeln zuerst die Hauptgattungen der Malerei den Wissensdurst und die Schaulust des Betrachters. Danach geht es um wichtige Maltechniken. Als Dessert kredenzen wir saftige Skandale der Kunstgeschichte.

Von: Simon Demmelhuber & Volker Eklkofer, ein Film von Simone Reuter

Stand: 19.10.2012

Symbolbild: Leere Bilderrahmen | Bild: colourbox.com

Im Lauf ihrer Geschichte bildet die Malerei spezielle Gattungen heraus, die im Wesentlichen noch heute gültig sind und ihre inhaltliche Unterteilung erleichtern. Zusammen mit Professor Raimund Wünsche und Professor Wolfgang Flatz geht die Moderatorin Enie van de Meiklokjes diesen beschreibenden Kategorien auf den Grund.

Das Porträt

Ausschnitt aus Druck: "Ludwig XIV, König von Frankreich", von Hyacinthe Rigaud (1659-1743) | Bild: SWR/ "Nie wieder keine Ahnung! Malerei"

Das Herrscherporträt als Beispiel für ein Porträt

Einen ersten Schwerpunkt setzt dabei die zur Mitte des 15. Jahrhunderts in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden entstehende Porträtkunst. Dabei wird schnell deutlich, dass es um mehr als die bloße Abbildung der Gesichtszüge oder des äußeren Erscheinungsbildes geht. Ein gutes Porträt zeichnet sich dadurch aus, dass es den Charakter und das Wesen eines Menschen zum Vorschein bringt. Daneben dienen Porträts aber auch der Repräsentation und Statusdarstellung. Vor allem Herrscher-, aber auch Künstler- oder Kaufmannsporträts versuchen, die gesellschaftliche bzw. geistes- und kunstgeschichtliche Bedeutung der dargestellten Person wiederzugeben. In der Moderne liegt der Akzent mehr und mehr auf der malerischen Aussage, während die realistische, naturgetreue Wiedergabe eine zunehmend unwichtige Rolle spielt.

Das Stillleben

Bildbegehung im Stillleben "Großes Stilleben mit Hummer", von Abraham van Beyeren (1621/1621-1690) | Bild: SWR/ "Nie wieder keine Ahnung! Malerei"

Bildbegehung in einem Stillleben

Im späten 16. Jahrhundert entwickelt sich das Stillleben als eigenständige Malgattung. Neben der neuen Lust an der Stofflichkeit, an der handwerklich perfekten Darstellung unterschiedlicher Oberflächen oder Lichteffekte und dem Zurschaustellen malerischen Könnens haben viele dieser Arrangements eine symbolische Tiefenebene: Sie erinnern den Betrachter an die Vergänglichkeit irdischer Freuden und fordern ihn auf, hinter den Schein der Dinge auf die ewigen Werte zu blicken. Das eigentliche Ziel dieser Vanitasbilder liegt daher nicht in der Befriedigung vordergründiger Augenlust, sondern in der Meditation des menschlichen Seins. Die Moderne setzt auch hier andere Akzente und betont die malerische Dimension des Bildes.

Das Landschaftsbild

Detailaufnahme vom Druck  "Die Mühle von Wijk", von  Jacob van Ruisdael | Bild: SWR/  "Nie wieder keine Ahnung! Malerei"

Beispiel für ein Lanschaftsbild

Eine identische Entwicklung durchläuft das Landschaftsbild: Während die Alten Meister die Landschaft in der Regel allegorisieren und entweder als Sinnbild menschlicher Gefährdung oder Ausdruck menschlicher Sehnsüchte gestalten, gibt die moderne Landschaftsmalerei den Anspruch auf eine topografisch genaue, realistische Abbildung preis. Sie setzt das in der Natur Vorgefundene in Formen, Farben, Rhythmen um und folgt dabei ausschließlich ihren eigenen, rein malerischen Gesetzen.

Die Genremalerei

Ausschnittbetrachtung vom Gemälde "Ein Knabe floht seinen Hund", von Gerard ter Borch | Bild: SWR/  "Nie wieder keine Ahnung! Malerei"

Alltagszene mit einem Hund, der gelaust wird.

Alltagsszenen und alltägliche Verrichtungen verschiedener Gesellschaftsgruppen und Stände werden in den Blick gerückt. Wie manche Stillleben haben auch viele dieser scheinbar harmlosen, oft idyllisch wirkenden Bilder einen doppelten Boden: Sie moralisieren die dargebotene Szenerie, äußern subtile Kritik an gesellschaftlichen Zuständen oder karikieren die Verhaltensweisen bestimmter sozialer Schichten. In der Moderne verstärkt sich dieser Zug. Gerade zeitgenössische Genrebilder rücken die Fragwürdigkeit des Daseins in der modernen Welt in den Mittelpunkt des künstlerischen Interesses.

Das Historienbild

Beispiel für ein historisches Gemälde mit abgeschlagenem Haupt

Historienbilder erzählen Geschichten. Sie berichten von realen Ereignissen der Vergangenheit und Gegenwart, nehmen ihre Stoffe aber auch aus der Mythologie, der Sage, der Legende und vor allem aus dem Umfeld des Alten und Neuen Testaments. Die große Herausforderung für den Maler besteht darin, aus dem Erzählfluss der Vorlage genau jene Szene herauszunehmen, in der die ganze Geschichte enthalten ist. Dieser "gelungene Moment" versammelt die wichtigsten Protagonisten und führt alle Handlungsfäden zusammen. Entscheidend für die Qualität eines Historienbildes ist also nicht nur die malerische Qualität, sondern die Qualität und Originalität der Bilderfindung. Um diese als disegno bezeichnete künstlerische Idee oder das geistige Konzept zu finden, muss der Maler den narrativen Kontext natürlich kennen und interpretieren können. Dieselbe Leistung fordert das Kunstwerk dem Betrachter ab. Um ein Historienbild zu genießen, muss er die gemalte Geschichte und zudem das Besondere die Idee des disegno, des geistigen Entwurfs erkennen.

Das Skandalbild

Kunstskandale sind formale oder inhaltliche Grenzüberschreitungen und Tabubrüche, die den Blick entschlacken und der Malerei neue Möglichkeiten öffnen. Gerade in der Fähigkeit, sich selbst sowie die Gesellschaft und herrschende Normen immer wieder in Frage zu stellen und über den Haufen zu werfen, beweist die Kunst ihre Lebendigkeit und Aktualität. Genau dort, wo Konventionen, Sehgewohnheiten und Gewissheiten nicht mehr gelten, ist der Betrachter am meisten gefordert. Er kann sich dieser Herausforderung stellen und die produktive Auseinandersetzung suchen oder bequem in den Chor der Entrüsteten einstimmen.


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