ARD-alpha - Schulfernsehen


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Leben als Kleinwüchsige Größe zeigen mit 1,40 m

Ihr äußerliches Anderssein stört sie nicht, Tag für Tag behaupten sie sich in der "Welt der Großen". Die Sendung stellt kleinwüchsige Berliner vor, die nicht mit ihrem Schicksal hadern, sondern ungeachtet aller Einschränkungen körperlich und beruflich ihre Leistungsfähigkeit beweisen.

Von: Volker Eklkofer & Simon Demmelhuber, ein Film von Ole Wessels

Stand: 07.09.2012

Gino, der Schneider an seinem Arbeitsplatz | Bild: RBB

Unsere Lebenswelt - also Möbel, Kleidung, Fahrstühle, Autos, Straßenbahnen etc. - ist auf ein "Normalmaß" von 1,70 bis 1,90 Meter Körpergröße zugeschnitten. Wer da nicht heranreicht, hat es schwer, besonders die rund 100.000 kleinwüchsigen Menschen in Deutschland. Bis zu einer Größe von 1,45 Meter gilt man offiziell als kleinwüchsig. Die Ursachen, die zu dieser Behinderung führen, sind vielfältig; sie reichen von Skelettveränderungen bis hin zum Mangel an Wachstumshormonen.

Alltag im Kleinformat

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Viele Dinge im täglichen Leben bereiten Kleinwüchsigen Probleme, seien es viel zu hohe Einkaufswagen oder Regale im Supermarkt. Beim Kleiderkauf bleibt oft nur der Gang in die Kinderabteilung oder zum Maßschneider. Stühle in Restaurants sind unbequem, kaum sitzt man, schlafen die frei herumbaumelnden Füße ein. Fahrkartenschalter oder Türklingeln sind unerreichbar und selbst ein schlichter Spaziergang ist anstrengend: Kleinwüchsige machen zwei Schritte, während anderen ein Schritt zur Fortbewegung genügt. Nicht wenige Mitmenschen blicken betreten zur Seite, wenn sie Kleinwüchsigen begegnen, andere tuscheln oder nennen sie "Zwerge" und "Liliputaner" - als wären sie Wesen aus einer fremden Märchenwelt.

Unbeschwerter Umgang mit der Behinderung

Lange Zeit zogen sich Kleinwüchsige aus der Öffentlichkeit zurück, viele verschanzten sich hinter selbst errichteten Barrikaden. Jobs fanden sie allenfalls als Clowns im Zirkus, nicht selten wurden sie in die Rolle des ewigen Spaßvogels abgedrängt. Mittlerweile hat sich die Situation verändert. Die junge Generation der Kleinwüchsigen erhebt den Anspruch, weitgehend normal zu leben. Sie lernen verschiedene Berufe, studieren und lassen sich von Barrieren nicht stoppen. Die Sendung stellt kleinwüchsige Berliner vor, die sich mit viel Lebensmut "durchbeißen".

"Der Beruf hat nichts mit der Körpergröße zu tun"

Michael Waechter ist 1,37 Meter groß. Er studiert Medieninformatik, jobbt als Statist in der Deutschen Oper und spielt mit großer Leidenschaft Theater. Er will beweisen, dass er trotz seiner Größe zu den Leistungsträgern in der Gesellschaft zählt. Dass Kleinwüchsige beruflich oft unter ihren Fähigkeiten bleiben, will er nicht akzeptieren. "Wir müssen mehr Gas geben als Normalwüchsige, um uns zu beweisen", sagt er und betont: "Ein Beruf hat nichts mit der Körpergröße zu tun, da muss ich mich durchsetzen wie jeder andere. Entweder werde ich genommen, weil ich gut bin oder ich werde nicht genommen, weil ich schlecht bin."

Er schneidert sich die Welt zurecht

Der 1,37-Meter-Mann Gino Bungies hat sich für eine Schneiderkarriere entschieden. Nach einer Ausbildung zum Änderungsschneider will er nun zum Modeschneider werden. Der ungezwungene Umgang mit Normalwüchsigen ist für ihn selbstverständlich, in seinem Betrieb ist er als Kollege voll akzeptiert. "Er hat unsere Herzen im Sturm erobert", schwärmt seine Chefin, "er ist ein offener Mensch, hat ein offenes Gemüt, er hat es uns einfach gemacht, mit ihm zu arbeiten". Viel Freizeit verbringt Gino im Fitnesscenter. Ohne seinen Kumpel Ricardo würde er hier an seine Grenzen stoßen, denn manches Gewicht ist nur schwer zu greifen. "Am Anfang war's ein bisschen ungewohnt", meint Ricardo, "aber wenn man Gino näher kennen lernt, ist er wie andere Menschen auch, das ist reine Gewöhnungssache".

Die Großen tanzen nach seiner Pfeife

Cem Yazirlioglu, ein Berliner Türke, ist mit 1,38 Metern ebenso kleinwüchsig wie sein Vater. Nach der Ausbildung zum Bürokaufmann fiel es ihm schwer, im Berufsleben Fuß zu fassen. Er wurde zu mehreren Vorstellungsgesprächen eingeladen, aber keine Firma wollte ihn haben. Cem ließ sich nicht entmutigen, heute verdient er sein Geld in einer Pizzeria. Fußball hat Cem schon immer begeistert. Weil ihm klar war, dass er als Kleinwüchsiger in einer normalen Elf nicht mithalten kann, entschied er sich für die Schiedsrichterlaufbahn. Er erwarb die Lizenz zum Pfeifen und leitet - respektiert von den Spielern - inzwischen Kreisligaspiele. Eine Liebesbeziehung zu einer größeren Frau kann sich Cem gut vorstellen, denn er ist fest überzeugt, dass Frauen "gucken, was man im Kopf und im Herz hat".

Einschränkungen akzeptiert sie nicht

Carmen beim Einkaufen

Carmen Radew, 1,20 Meter groß, erkannte als junges Mädchen, dass sie nicht mehr weiter wuchs. "Irgendwann machte es klack", erzählt sie, "und dann wusste ich: Ok, ich bin halt anders, ich bin kleiner und muss damit zurechtkommen." Manch schmerzlicher Augenblick blieb ihr nicht erspart. "Man wird von anderen Leuten angestarrt und das ist nicht immer schön. Aber man wird dadurch selbstbewusst. Ich sage mir: Lass sie doch gucken, wenn sie meinen. Das macht einen hart und stark - und manchmal eiskalt". Ihre Familie gab ihr Halt, heute ist sie eine lebenslustige junge Frau, die viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres legt. Carmen entschied sich für eine Ausbildung zur Kosmetikerin. Dieser Beruf ist ungewöhnlich, denn viele Kleinwüchsige arbeiten lieber im Büro, das sie beispielsweise mit einem Spezialstuhl ausstatten können. Carmen sucht die Herausforderung - wenn's sein muss, mithilfe einer einfachen Fußbank. Sie liebt den Bauchtanz, trainiert viel und tritt gelegentlich mit einem Soloprogramm auf. In Liebesfragen bleibt sie realistisch, sie weiß, dass die Auswahl begrenzt ist. Carmen hat eine Beziehung mit einem größeren Mann und einem Kleinwüchsigen hinter sich und kam zum Schluss, dass es mehr Harmonie unter Kleinwüchsigen gibt. "Man guckt sich beim Gespräch in die Augen", sagt sie, "und wenn man mit jemanden, der 1,80 Meter groß ist, Hand-in-Hand läuft, ist es etwas anderes als mit einem Kleinwüchsigen".


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