ARD-alpha - Schulfernsehen


23

Kriminalität in den Favelas Die Kindergangster von Rio

In den übervölkerten Favelas von Rio herrscht Krieg. Ein Krieg, den hauptsächlich Kindersoldaten führen. Im Auftrag konkurrierender Drogenbosse dealen, foltern, töten Minderjährige für ein paar Euro täglich und für die Hoffnung auf eine Karriere in einem der unkontrollierbaren Drogenkartelle.

Von: Simon Demmelhuber & Volker Eklkofer, ein Film von Thomas Aders

Stand: 10.11.2011

Ein Kindergangster mit einer Pistole | Bild: BR

Carlos Pereira hat es weit gebracht. Mit gerade mal 14 ist er schon ein alter Hase im Drogengeschäft. Seine Chefs vom Terçiero Comando, der zweitgrößten Mafiagang Rios, sind stolz auf ihn. Das ist viel wert in Vila Aliança, dem Armenquartier im Norden Rios, wo Carlos lebt. Das Dritte Kommando hat die Favela voll im Griff. Wer dazu gehört, hat in den Straßen des Viertels das Sagen. Und Carlos gehört dazu, schon seit drei Jahren. Der schmächtige Teenager hat sich bewährt. Seit kurzem ist er zum Olheiro, zum Aufpasser, aufgestiegen. Mit einer großkalibrigen Pistole im Gürtel und einem Funkgerät am Ohr steht er Posten an einem strategisch wichtigen Punkt der Favela. Carlos wacht darüber, dass die Geschäfte des Syndikats reibungslos laufen und nicht durch Übergriffe rivalisierender Gangs oder Razzien der Drogenfahndung gestört werden.

PDF-Download

Der Job ist wichtig, gefährlich und cool. Mit der Waffe in der Hand fühlt sich Carlos allem und allen gewachsen. "Wenn ich die bei mir habe, kommt die Polizei nicht so einfach in meine Nähe", prahlt er. "Und wenn sie doch kommt, dann werden wir schon sehen, wer am Ende überlebt. Eine feine Schießerei, mit feinen Kugeln." Carlos Coolness kommt von der 9-Millimeter-Pistole, vom Wunsch, für voll genommen zu werden und vor allem vom Marihuana, das er wie alle hier in großen Mengen konsumiert. Die Droge hält wach, dämpft den Hunger, hilft gegen die Kälte und sie lässt das Gewissen schlummern.

Denn Skrupel sind so ziemlich das Letzte, was die zigtausend Kindersoldaten in den Favelas von Rio brauchen. Mit Skrupel und Gewissen lassen sich die Jobs der Drogenbosse nicht erledigen. Dealen, foltern, morden und sterben, das funktioniert einfach besser, wenn das Gewissen schweigt. Und es muss schweigen, denn für Carlos und die vielen anderen halbwüchsigen Soldados der Mafia gehören Rauschgift, Prostitution, Raub, Menschenhandel und Gewalt zum Alltag.

Doch früher oder später werden die meisten von ihnen selbst ein Opfer jener Gewalt, die sie im Namen der Rauschgiftsyndikate säen. Viele der halbwüchsigen Clankrieger sterben einen gewaltsamen Tod in den Kämpfen rivalisierender Gangs oder in Gefechten mit der Polizei.

Der Film porträtiert den 14-jährigen Kindersoldaten Carlos, der im Armenviertel Vila Aliança von Rio als Aufpasser für die Drogenmafia arbeitet. Die Kamera zeigt eine Welt, die Drogen, Gewalt, Machogehabe und halbstarke Abgebrühtheit prägen. Sie zeigt auch auf, warum sich Carlos und viele andere Kinder in den Favelas von einer Mafiakarriere angezogen fühlen: In bedrückender Armut aufgewachsen und vom Staat im Stich gelassen, sehen die meisten keine andere Chance, sich in einer harten Welt ohne alternative Perspektiven zurechtzufinden.


23