ARD-alpha - Schulfernsehen


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Die Juden – Geschichte eines Volkes Tod oder Taufe

Ab dem 9. Jahrhundert werden jüdische Kaufleute am Rhein heimisch. Sie gründen Gemeinden, leben Tür an Tür mit ihren christlichen Nachbarn. Doch der Friede währt nur kurz. Die Kreuzzüge entfesseln Hass und Gewalt gegen die Juden, das Morden beginnt.

Von: Simon Demmelhuber & Volker Eklkofer , ein Film von Nina Koshofer & Sabine Klauser

Stand: 25.01.2013

Abbildung aus der Sendung: Kleidervorschriften für Juden im Mittelalter | Bild: WDR

Im 9. Jahrhundert fördern deutsche Kaiser und Bischöfe die Ansiedlung jüdischer Kaufleute im Reichsgebiet. Auslöser dieser massiv gestützten Zuwanderungspolitik sind handfeste Wirtschaftsinteressen: Als erfahrene, mehrsprachige Fernkaufleute mit weitgespannten Kontaktnetzen sollen die Einwanderer den Warenaustausch mit dem Orient organisieren und den Binnenhandel ankurbeln. Die Rechnung geht auf: Reichlich fließende Abgaben und Zölle aus dem florierenden Handel beschleunigen die Stadt- und Landesentwicklung erheblich.

Freiheitsrechte und Schutzgarantien

Im Gegenzug leisten Kaiser und Bischöfe umfassende Schutzgarantien: Die Einwanderer genießen Handels- und Religionsfreiheit, können Eigentum erwerben, Acker- und Weinbau betreiben, sind den Christen rechtlich gleichgestellt und verfügen über eine autonome Gerichtsbarkeit in jüdischen Angelegenheiten.

Jüdische Anfänge im Rheinland

Als Siedlungsschwerpunkte schälen sich die Bischofssitze des Rheinlands heraus, wo nach den Wirren der Völkerwanderungszeit erneut urbane Zentren entstehen. Im ausgehenden 11. Jahrhundert steigen Mainz, Speyer und Worms zu weithin ausstrahlenden Zentren jüdischer Gelehrsamkeit auf. In diesen Städten leben die Gemeinden, geschützt durch Privilegien und Sicherheitsgarantien meist friedlich mit ihren christlichen Nachbarn zusammen.

Pogrome und Gewalt gegen Juden

Am Ausgang des 11. Jahrhunderts bringt die aufgehetzte Stimmung des ersten Kreuzzugs Tod und Verderben über die Juden ganz Europas. Als Ungläubige und Gottesfeinde diffamiert, werden sie zum Opfer einer ungeordnet aufgebrochenen Vortruppe des Kreuzzugsheeres, die als marodierende Bande dem eigentlichen Ritterheer voran zieht. Dieser als Volks-, Armen- oder Bauernkreuzzug bekannte Tross plündert 1096 zahllose jüdische Viertel "französischer" und vor allem "deutscher" Städte. Überall fordert der gewaltbereite Mob die Juden auf, sich taufen zu lassen. Wer sich der Zwangstaufe widersetzt, wird erschlagen. Viele wählen, vor diese Wahl gestellt, den als "Kiddusch ha-Schem" bekannten kollektiven Freitod zur "Heiligung des Namens Gottes". Die Kreuzzugspogrome treiben abertausende Juden in den Tod und löschen nahezu alle jüdischen Gemeinden aus.

Stigmatisierung und Diffamierung

Die nach dem Ende des 12. Jahrhunderts zunehmende Ausgrenzung des Judentums äußert sich zum einen in Kleidervorschriften wie dem Tragen eines gelben Judenrings und vor allem im Abdrängen in eine zunächst wirtschaftliche und später auch soziale Randlage. Die durch kanonische und weltliche Vorschriften erzwungene Konzentration auf Geldgeschäfte führt zu einer nachhaltigen Stigmatisierung und Diffamierung des Judentums. Das Zerrbild des geld- und raffgierigen, böswilligen Juden, der mit Dieben und Mördern gemeinsame Sache macht, der mit finsteren Gesellen und sogar dem Teufel paktiert, nimmt erstmals Gestalt an und ist fortan nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

Die Ritualmord-Lüge

Das Spott- und Zerrbild wird bekräftigt und ausgeweitet durch antisemitische Lügen- und Verleumdungsgeschichten, die das Judentum als verschlagenen, unversöhnlichen Feind und boshaften Schädiger des Christentums diffamieren. Der überall in Europa umgreifende Wahn, Juden würden sich durch Ritualmorde und Hostienfrevel an Gott und Menschen versündigen oder als Brunnenvergifter die Pest einschleppen, löst immer wieder mörderische Pogromwellen aus, denen die Juden schutzlos ausgeliefert sind.


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