ARD-alpha - Schulfernsehen


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Ich mach's! Sticker/-in

Sticken ist kein altmodisches Handwerk. Der Job verlangt eine künstlerische Ader, wenn exotische Uniformen, Fahnen, Messgewänder oder Altardecken angefertigt werden. Aber nicht nur mit Nadel, Garn und Webstuhl, auch mit computergesteuerten Maschinen müssen Sticker umgehen können.

Von: Simon Demmelhuber & Volker Eklkofer, ein Film von Birgit Leonhardt

Stand: 24.02.2012

Nadel und Faden | Bild: colourbox.com

Theoretisch ist Sticken ganz einfach: Man fädelt Garn auf eine Nadel und sticht es dann so oft durch ein Trägermaterial, bis aus den durchgezogenen Fäden ein gewünschtes Muster entsteht. Im wirklichen Leben, vor allem aber in der handwerklichen Praxis, sieht alles ganz anders aus. Zum einen, weil es mehrere Dutzend unterschiedliche Sticktechniken mit jeweils ganz eigener Wirkung und unzählige Garne mit feinsten Farbnuancen und Eigenschaften gibt. Zum andern, weil die Muster und Verzierungen zunächst erst einmal entworfen, anschließend auf das Gewebe übertragen und zuletzt auch noch mit größter Präzision umgesetzt werden müssen.

Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, brauchen Sticker außer dem nötigen handwerklichen Wissen, der richtigen Technik sowie kreativem Farb- und Formempfinden auch eine gehörige Portion Geduld und gute Augen. Das gilt ganz besonders für die hohe Schule der Handstickerei. Hier werden Wappen, Fahnen, Bänder, Roben oder Messgewänder und liturgische Textilien in aufwendiger Arbeit als kostbare Einzelstücke gefertigt. Die auch als Nadelmalerei bezeichnete Technik trägt ihren Namen zu Recht: Aus unterschiedlich gefärbten und beschaffenen Garnen entstehen farbige Bilderwelten mit reichen Licht- und Schattenwirkungen.

Dass die Nadel von unten nach oben, also letztlich blind durch den Untergrund geführt wird, macht die Sache nicht leichter. Erstens bedingt diese Arbeitsweise eine vornüber gebeugte und leicht nach links abkippende Sitzhaltung, zweitens muss der Sticker oder die Stickerin mehr fühlen als sehen, wo die Nadel durchsticht. Obwohl der Fingerhut einen guten Schutz bietet, gehören zerstochene Fingerkuppen daher zum Anfängerrisiko. Ein Pflaster sollte daher immer griffbereit liegen. Nicht ganz so harmlos und sicher weitaus schmerzlicher sind dagegen falsche Handgriffe an der Stickmaschine. Da sie keine Schutzvorrichtung hat und die Nadel rasend schnell und mit hoher Durchschlagskraft arbeitet, lauern hier erhebliche Verletzungsgefahren.

Neben der Anfertigung von anspruchsvollen Einzelstücken wie etwa Vereinsfahnen oder Messgewändern, haben sich manche Betriebe auf die Fertigung von Heimtextilien oder auf die Zuarbeit für große Modehäuser spezialisiert. Bei dieser Serienfertigung kommen meist computergesteuerte Stickmaschinen zum Einsatz. Sticker- und Stickerinnen stellen alle für die Herstellung des Stickmotivs wichtigen Daten wie Stichart, Muster und Garnfarben an diesen Maschinen ein, überwachen die Fertigung und korrigieren die Maschineneinstellung im Störfall. Dass sie kleinere Defekte wie Nadel- oder Fadenbruch selbstständig beheben und die Maschinen sowohl regelmäßig warten wie auch reinigen können, gehört ebenfalls zum Anforderungsprofil.

Ein weiteres Aufgabenfeld öffnet sich in der Restaurierung und Konservierung alter Stoffe für kirchliche Auftraggeber, Museen oder Vereine. Diese Arbeiten verlangen außer handwerklichem Geschick ein solides Wissen um historische Materialien, Techniken und stilistische Besonderheiten.

Das nötige Rüstzeug für alle Einsatzfelder erwerben sich die angehenden Sticker und Stickerinnen in einer dreijährigen dualen Ausbildung im Betrieb und in der Berufsschule. Wer den Gesellenbrief erworben hat, kann den Meister machen oder sich zum Textiltechniker weiterbilden. Seit kurzem berechtigen drei Berufsjahren außerdem zum Studium eines branchennahen Faches an der Hochschule.


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