ARD-alpha - Schulfernsehen


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Haustiere und ihre wilden Verwandten Gänse

Du dumme Gans! Diese Beschimpfung wird den schlauen Tieren absolut nicht gerecht. Gänse sind Vegetarier, die eine Einehe auf Lebenszeit pflegen. Graugänse sind Zugvögel, die ihr Verbreitungsgebiet seit Jahren geschickt erweitern.

Von: ein Film von Jo Siegler

Stand: 20.01.2012

Eine Gans | Bild: colourbox.com

In einer österreichischen Forschungsstation untersuchen Biologen das Verhalten von Graugänsen. Die Wissenschaftler leben mit etwa 300 Gänsen zusammen und jeder der Forscher hat seine eigene Gruppe von Gösseln - so nennt man die Jungtiere - großgezogen. Rund und um die Uhr kümmern sich die Gänseversteher intensiv um ihre Schützlinge, sogar in der Nacht bleiben sie bei ihnen. Archivaufnahmen zeigen den legendären Ethologen Konrad Lorenz, den Gründer der Forschungsstation, der hier mit der berühmten Gans "Martina" arbeitete und Prägungsexperimente durchführte.

Daneben dokumentiert die Sendung unter anderem den Unterschied zwischen Hausgans und Graugans, die ausgeprägten Sinnesleistungen der Tiere und ihre Lernfähigkeit. Auch das Sozialsystem der Graugänse, die eine lebenslange Einehe führen sowie deren Zusammenleben in einer Familie wird demonstriert. Im Schlussteil stellen wir verhaltensbiologische Experimente an jungen Graugänsen vor, bei denen auch zu beobachten ist, dass die Tiere Farben gut unterscheiden können.

Gänse gehören zur Unterfamilie der Entenvögel. Die Stammform der meisten Hausgänserassen ist die Graugans (Anser anser). Männchen und Weibchen haben dasselbe Aussehen. Im Frühjahr kommen die Graugänse aus ihren Winterquartieren im Süden paarweise zu ihren Nistplätzen. Die Vögel führen zwar eine lebenslange Einehe, doch im Winterquartier werden sie manchmal auch getrennt. An den Brutorten finden sie jedoch mit großer Sicherheit wieder zusammen. Das Paar baut sein Nest dann im Schilf oder in den Binsen am Wasser. Die gelblichen Eier (4-6) werden vom Weibchen in 28 Tagen ausgebrütet, während das Männchen das Nest bewacht. Nach dem Schlüpfen verlassen die Küken das Nest schon nach wenigen Stunden. Allerdings bleibt die ganze Familie noch bis zum folgenden Frühjahr zusammen. Dies ist deshalb so wichtig, weil sich die Jungtiere auf dem gemeinsamen Flug ins Winterquartier gleich die Zugroute einprägen können.

Wilde Graugänse sind sehr wachsame Vögel. Man kann sich ihnen nur sehr schwer nähern. Normalerweise gehen sie tagsüber auf Nahrungssuche, doch in dichter besiedelten Gebieten sind sie vorsichtiger und gehen in der Dämmerung oder im Mondlicht auf die Suche nach Essbarem. Diese angeborene Vorsicht haben unsere Hausgänse von ihren wilden Vorfahren geerbt. Daher eignen sie sich vorzüglich als „Wachhunde“ - man denke an die antike Legende von der Rettung der Engelsburg in Rom!

An Graugänsen hat der spätere Nobelpreisträger Konrad Lorenz (1903-1989) das Phänomen der Prägung entdeckt und erforscht. Er fand heraus, dass die neu geborenen Küken ihre Mutter erst kennen lernen müssen. Dazu gehen sie auf das erste Tier zu, das sie nach dem Schlüpfen sehen und nehmen dieses als Eltern an. Normalerweise ist dies auch die tatsächliche Graugansmutter, doch kann es sich dabei ebenso um einen Menschen handeln. Dieser Lernprozess vollzieht sich in einem relativ eng begrenzten Zeitraum nach dem Schlüpfen, während der so genannten sensiblen Phase. Dabei reagiert das Küken auf die Bewegungen und den Lockruf der Mutter mit der angeborenen Nachfolgereaktion. Da die Prägung unwiderruflich ist, folgen auf den Menschen geprägte Graugänse – wie Konrad Lorenz erstmals zeigte – natürlich dann auch diesem auf Schritt und Tritt.


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