ARD-alpha - Schulfernsehen


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Frauen des Mittelalters (4) Die Heilige - Elisabeth von Thüringen

Ein frommes Weichei war sie nicht. Wenn es darum ging, Jesus nachzufolgen, ging Elisabeth von Thüringen keine Kompromisse ein. Um in das Reich Gottes zu gelangen, opferte sie ihr Leben für die Armen und Kranken.

Von: Simon Demmelhuber & Volker Eklkofer, ein Film von Angelika Finger

Stand: 16.11.2012

Abbildung von Elisabeth von Thüringen | Bild: WDR

"Viele kamen, entflammt von Verehrung, und lösten, ja rissen Teile der Leichentücher ab, einige schnitten ihr Haupthaar und Nägel ab, einige stutzten ihr die Ohren, andere schnitten die Brustwarzen ab, um sie als Reliquien aufzubewahren."

Cäsarius von Heisterbach

Die Abtötung des Willens als Weg zu Gott

Es sind grausige Szenen, die der Zisterziensermönch Cäsarius von Heisterbach (1180-1240) schildert. Und doch sind es, neben aller abergläubischen Reliquiengier, auch Szenen der Liebe und Zuneigung. Sie geschehen Ende November 1231 in Marburg. Hier, in der Kirche des Franziskusspitals, das sie selbst gegründet und die letzten drei Jahre als Laienschwester bewohnt hat, ist Elisabeth von Thüringen aufgebahrt. Ihr durch Fasten, Nachtwachen und auszehrende Bußübungen geschundener Körper hatte keine Chance gegen eine Lungenentzündung gehabt, die sie sich Anfang November zugezogen hatte. Nur 24 Jahre ist die ehemalige Landgräfin alt geworden. Ein kurzes Leben. Aber eines, das Spuren hinterließ und Trauer, als es vorbei war.

Armut aus franziskanischem Geist

Anlass zu trauern hatten vor allem die Armen und Kranken, denen sie ihr Vermögen, ihren hohen Rang, Gesundheit und zuletzt ihr Leben aufgeopfert hatte. So wenigstens stellt es die Legende dar. Die fromme Erzählung stilisiert Elisabeth zum Muster der selbstlosen, sanftmütigen Dulderin, deren Leben sich in milder Demut für die Bedürftigen verströmt.

Brennen im Feuer der Gottesminne

Aber vielleicht war sie ganz anders, vielleicht war sie gar nicht so sanft, so mild und selbstlos. Vielleicht war sie eine glühende, unbeugsame, unnachgiebige Fundamentalistin der Christusnachfolge; eine vom Absoluten entflammte Frau, die ihr Seelenheil über alles stellte; eine leidenschaftliche Frau, die das franziskanische Ideal der Armut und Selbstüberwindung kompromisslos auslebte; eine erschreckend konsequente Frau, für die nichts realer war als das Unsichtbare, die rigoros Ernst machte mit der vom hl. Franziskus erneuerten Botschaft Christi; eine Frau, deren immense Stärke in einer Art wütender, leidenschaftlicher Demut und Selbstaufgabe bestand; eine Frau, die nichts so sehr fürchtete wie die ewige Verdammnis und nichts so sehr begehrte, wie das Himmelreich.

Elisabeth und die Christusmystik des 13. Jahrhunderts

Mit diesem furchtbaren Glaubensernst, mit ihrer seelischen Not, ihrer eifernden Hingabe an den unvergänglichen Leib der Auferstehung und die Preisgabe des nichtigen, irdischen Leibes, mit der fanatischen Begierde, eins zu werden mit dem Leiden und Sterben Christi, mit der Hoffnung, durch Leid und Tod hindurch zur Rettung der Seele zu gelangen, ist Elisabeth von Thüringen eine bemerkenswerte Vertreterin der mystischen Christusnachfolge, die das 13. Jahrhundert kennzeichnet.


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