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Frauen des Barockzeitalters (4) Die Unternehmerin - Glückel Hameln

Nach dem Tod ihres Mannes zieht Glikl bas Judah Leib (1645-1724) acht Kinder groß, führt den europäisch vernetzten Gold- und Perlenhandel erfolgreich weiter, gründet eine Strumpfmanufaktur und hinterlässt als erste Frau Deutschlands eine 300 Seiten starke Autobiographie.

Stand: 02.12.2011

Die Unternehmerin – Glückel Hameln | Bild: BR

Glikl bas Judah Leib, besser bekannt als Glückel oder Glikl von Hameln, wird 1645, vielleicht auch erst 1646 in Hamburg als Tochter des Diamanten- und Perlenhändlers Juda Leib geboren. Ihr Vater ist Vorsteher der jüdischen Gemeinde und hat sich als wohlhabender Kaufmann die Erlaubnis zur Niederlassung erworben. Dennoch lebt die Familie in ständiger Unsicherheit. Aufgrund stark judenfeindlicher Einstellungenen ist sie durch immer wieder aufflackernde Ausweisungswellen oder häufig erhobene Rufe nach Zwangsbekehrung bedroht.

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Um 1661 wird Glikl nach einer zweijährigen Verlobungszeit mit Chaijm ben Joseph (auch Chajim Goldschmidt), einem Perlen- und Schmuckhändler aus Hameln, verheiratet. "Mein Vater hatte mich verlobt, als ich ein Mädchen war, von kaum zwölf und ich heiratete weniger als zwei Jahre später", erzählt sie in ihren Memorien. Das Paar lebt zunächst für ein Jahr in Hameln bei Chajims Eltern. Doch Glikl fühlt sich in der unbedeutenden Provinzstadt, "einem Platz, wo nur zwei jüdische Familien gewohnt haben", nicht wohl. Zudem ist Hameln "ein lumpiger, unlustiger Ort. […] Wir haben dort wenig Geschäft gehabt, denn Hameln war kein Ort von Handelschaft".

Ein Jahr später zieht das Ehepaar nach Hamburg, wo Glikl die nächsten 38 Jahre leben wird. Chajim handelt mit Gold, später auch mit Perlen und Juwelen. Bald schon erstrecken sich die rasch expandierenden Handelsbeziehungen bis nach Moskau, Kopenhagen, London und Amsterdam. Glikl ist von Anfang an in die Geschäfte einbezogen und ein wichtiger Gesprächspartner ihres Mannes: „Und ich, ob ich auch noch jung gewesen bin, habe das Meinige dazu beigetragen. Ich schreibe es mir nicht zum Ruhm, dass mein Mann – das Angedenken des Gerechten zum Segen – von niemandem einen Rat angenommen hat, als was wir uns immer zusammen besprochen haben.“

Die Ehe scheint äußerst glücklich gewesen zu sein. Für ihren Mann findet Glikl jedenfalls nur lobende Worte: "Einen so guten und aufrichtigen Vater findet man selten, er liebte seine Ehefrau und seine Kinder über alle Maßen […] seine Bescheidenheit suchte Ihresgleichen, [...] er war ein Muster von einem frommen Juden […], einen Mann so sanftmütig und geduldig wie meinen teuren Gemahl wird man nicht wieder finden". Im Lauf der Jahre bringt sie vierzehn Kinder zur Welt, von denen zwei bereits früh sterben.

1689 ereilt Glikl ein Schicksalsschlag, von dem sie sich zeitlebens nicht mehr erholt. Chajim stirbt unvermutet nach fast dreißigjähriger Ehe an den Folgen eines Unfalls. Mit 43 Jahren ist Glikl nun Witwe und völlig auf sich alleine gestellt. Die Verwandten machen sich rar, gewähren kaum Hilfe. Von den überlebenden zwölf Kindern sind nur vier verheiratet, acht weitere noch unmündig und unversorgt.

Um die Familie zu erhalten und die für eine günstige Eheschließung unerlässlichen Mitgiften zu erwerben, führt Glikl den weitverzweigten Gold-, Juwelen- und Perlenhandel ihres Mannes selbständig fort. Sie kauft und verkauft Edelsteine, Gold und Tuchwaren, gründet eine Strumpfmanufaktur, besucht Messen und unterhält Handelsbeziehungen mit Paris, Amsterdam, Wien, Leipzig, Berlin oder Metz. Neben ihrer äußerst erfolgreichen Tätigkeit als Kauffrau kümmert sie sich ebenso intensiv um die Erziehung ihrer Kinder.

1691, Glikl ist jetzt 45 Jahre alt, beginnt sie, ihre Lebenserinnerungen aufzuschreiben: “So viel mir bewusst ist und so viel es sich tun lässt, will ich beschreiben von meiner Jugend an, wes mir noch eingedenk ist, was passiert ist“. Sie schreibt jiddisch und meist nachts, wenn sie keinen Schlaf findet: "Ich habe dieses angefangen zu schreiben mit Gottes Hilfe nach dem Tode eures frommen Vaters, und es hat mir wohl getan, wenn mir die melancholischen Gedanken gekommen sind, aus schweren Sorgen, als wir waren wie eine Herde ohne Hirt und wir unseren getreuen Hirten verloren haben. Ich habe manche Nacht schlaflos zugebracht und ich habe besorgt, dass ich nicht, Gott bewahre, in melancholische Gedanken sollte kommen. Darum bin ich oft nachts aufgestanden und habe die schlaflosen Stunden damit zugebracht."

So kommen von 1691 bis 1719 insgesamt sieben Bücher zusammen, die in heutigem Deutsch etwa 300 Druckseiten umfassen. Die Aufzeichnungen haben ausschließlich privat-familiären Charakter, an eine Veröffentlichung dachte die Kauffrau nie: "Meine lieben Kinder, ich schreib euch dieses, damit, wenn heute oder morgen eure lieben Kinder und Enkel kommen, und sie ihre Familie nicht kennen, ich dieses in Kürze aufgestellt habe, damit ihr wisst, von was für Leuten ihr her seid." Das handschriftliche Originalmanuskript der Memoiren ist verloren. Der erhaltene Text beruht auf einer akkuraten, wortwörtlichen Abschrift ihres Sohnes Moses Hameln.

1700 beginnt die letzte, von Einsamkeit, Melancholie und Rückschlägen überschattete Phase ihres Lebens. Der Geschäfte müde geworden, willigt Glikl in die Ehe mit dem reichen Bankier Cerf Levy aus Metz ein. Ihre Hoffnungen auf einen sicheren Altershafen zerschlagen sich jedoch rasch. Ein Bankrott ihres zweiten Mannes frisst das gesamte Vermögen einschließlich aller persönlichen Rücklagen auf. Als Cerf Levy 1712 stirbt, steht Glikl mit 67 Jahren völlig mittellos da. Sie lebt zunächst alleine, findet dann aber Aufnahme im Haushalt ihrer in Metz verheirateten Tochter Esther. Hier stirbt sie, beinahe 80-jährig, am 17. September 1724.


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