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Experiment Verwandtschaft Das Tier in dir (2)

Alles Leben, und damit auch der Mensch, kam einst aus dem Wasser. Unser Körper bewahrt zahlreiche Spuren dieser nassen Herkunft bis heute. Evolutionsbiologen zeigen, wie viel Fisch- und Amphibienerbe noch immer in uns steckt.

Von: Aart Gisolf, Oliver Sandrock und Axel Wagner

Stand: 10.05.2012

Fisch (Computergrafik) | Bild: BR

Der Mensch ist ein Wasserwesen, seine Wurzeln reichen hinab in die Urozeane der Erdgeschichte. Viele evolutionäre Bausteine dieser Fischvergangenheit finden sich bis heute im menschlichen Körper.

Der Embryo: Vom Fisch zum Menschen im Schnelldurchlauf

Vor allem zu Beginn seines Lebens ist der Homo sapiens noch immer ein Wasserwesen, das im Fruchtwasser schwimmt und im Blut eine Salz- und Mineralkonzentration aufweist, die der des Meerwassers ähnelt. Zahlreiche Spuren der nassen Herkunft, die unser Körper bewahrt, zeigt vor allem die weitere Embryonalentwicklung. Sie belegt unter anderem, dass sich unsere Lungen einst als Darmaussackungen von Wasserlebewesen entwickelten. Dieser entscheidende Evolutionsschritt fällt in das Ende des Devonzeitalters vor 420 Millionen Jahren, als sich neben den Ozeanen auch Flachwassergebiete bildeten. Durch Anpassung an die warmen, sauerstoffarmen Gewässer entstanden damals Arten, die als Assimilationsleistung atmende Lungen "erfanden". Dieses Prinzip lässt sich am noch heute lebenden Lungenfisch beobachten. Seine Atmungsorgane, die sich aus Darmausstülpungen heraus formten, erlauben ihm, Luft von der Wasseroberfläche zu schöpfen. Solche Darmausstülpungen als Vorstufe zur Lungenbildung lassen sich auch beim menschlichen Embryo beobachten.

Reich mir die Flosse: Aus Gräten werden Knochen

Das Leben an Land verlangte indes nicht nur Lungen, sondern ebenso einen stabilen und dennoch beweglichen Körperbau. Daher erforderte die Entwicklung zu Landbewohnern einen Komplettumbau des Fischkörpers. Am "Schlammspringer", einer amphibisch lebenden Gattung von Fischen, lässt sich nachvollziehen, welche evolutionären Merkmale für die allmähliche Eroberung des Landes bedeutend waren.

Jahrmillionen im Zeitraffertempo

Wie viel Fisch im Menschen steckt, verrät schließlich auch unsere Hand, die sich allmählich aus Fischextremitäten entwickelte. Zu dieser evolutionären Ahnenreihe gehört beispielsweise der Knochenfisch, der ein Skelett, eine Wirbelsäule, einen knöchernen Schädel und bereits einen Vorläufer unserer Greifwerkzeuge aufwies. Wenn der menschliche Embryo zuerst eine Art Flosse mit Schwimmhäuten bildet, bevor daraus schließlich eine Hand entsteht, durchläuft er Jahrmillionen dauernde Evolutionsschritte quasi im Zeitraffertempo. Weitere "Fischparallelen" ergeben sich darüber hinaus beim Vergleich von Haihirn und menschlichem Hirnstamm oder beim Aufbau und der Funktion unseres Innenohrs, das stark vom Fischerbe beeinflusst ist.

Zu den Spuren der Fischvergangenheit des Menschen gehören jedoch auch krankhafte Symptome wie beispielsweise die als Halsfisteln bezeichneten Fehlentwicklungen der Eingeweide des Halses. Diese angeborenen Vertiefungen im Halsbereich sind ein Rücksprung der Evolution und eine anatomische Erinnerung an die Kiemen unserer Fischverwandten.


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