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Der heiße Atem des Drachen Ein Deutscher in Shanghai

Bereits vor 15 Jahren, als im Shanghaier Stadtteil Pudong noch Gemüse wuchs, sah der deutsche Geschäftsmann Joe Wickert seine Zukunft in China. Es hat einige Zeit gedauert, ehe der Pfälzer Unternehmer richtig Fuß fassen konnte.

Von: Ein Film von Ghafoor Zamani

Stand: 21.09.2011

Skyline Shanghai | Bild: BR

Am Stadtrand von Shanghai stehen graue Fabrikhallen, eingebettet zwischen grünen Reisfeldern. Auf engstem Raum produzieren chinesische Arbeiter begehrte Konsumgüter, die auch in viele westliche Länder exportiert werden. Eine monotone Arbeit , manchmal bis zu zwölf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Die Hände der chinesischen Arbeitertrupps ersetzen hier noch oft Maschinen: fleißig, effizient, vor allem aber billig. Nach der Schicht kehren die Arbeiter fast im Gleichschritt in die Baracken mit den armseligen Schlafkojen zurück, die sich direkt auf dem Fabrikgelände befinden. Nur einmal im Jahr machen sie für ein paar Tage Urlaub in ihrer ländlichen Heimat, in der viele von ihnen früher als Bauern gearbeitet haben.

Unternehmer Joe Wickert

Wickerts Firma exportiert Koffer , Taschen und Geldbeutel – made in China. Würde Joe Wickert statt in Shanghai in Deutschland produzieren, wären seine Produkte zu teuer und hätten keine Chance auf dem wachsenden Markt. Lag das Handelsvolumen zwischen China und Europa 2004 noch bei 132 Milliarden Euro, war es 2005 bereits auf 146 Milliarden gestiegen. Chinas Wirtschaft verzeichnet eine durchschnittliche Wachstumsrate von knapp zehn Prozent. Das Land will nicht länger nur billige Kopien produzieren sondern in der obersten Liga der Weltwirtschaft mitspielen. "Immer besser und immer billiger geht aber nur auf Kosten der chinesischen Arbeiter", meint Joe Wickert. Ausgerechnet im kommunistischen China setzt sich kapitalistisches Denken durch, ganz ohne demokratische Kontrolle.

Billige Arbeitskräfte, laxe Kontrollen

Chinesische Arbeiter arbeiten für niedrige Löhnen und pochen nicht auf Arbeitnehmerrechte. Koffer und Rücksäcke, wie sie der im Film vorgestellte Geschäftsmann Joe Wickert in Shanghai produzieren lässt, wären wegen des hohen Lohnkostenanteils in Deutschland zu teuer.

Arbeitskräftemangel ist ein Fremdwort in China. Fehlen in einer Fabrik Arbeitskräfte, werden junge Leute mit Bussen aus der Provinz geholt. Sie leisten zahllose Überstunden, leben in armseligen Behausungen auf dem Fabrikgelände und sind oft froh darüber, mehr Geld zu verdienen als ihre Eltern. Billig-Arbeiter ersetzen, wie Joe Wickert im Film berichtet, so manchen Gabelstapler und machen den Kauf teuerer Maschinen überflüssig. Zudem steht ein riesiges Heer von Wanderarbeitern zur Verfügung. Landesweit werden die Migrantenströme auf ca. 150 Millionen Menschen geschätzt.

Verglichen mit Europa sind die Umweltstandards in China lasch, allzu strenge Kontrollen müssen korruptionserfahrene Betreiber erfolgreicher Firmen bislang nicht fürchten. In der Nähe chinesischer Industriegebiete finden Unternehmen moderne Häfen und Airports, in deren Nähe die Anwohner nicht protestieren, wenn ein Ausbau ansteht.

Qualitätssicherung und menschenwürdige Arbeitsbedingungen

Allerdings wird Qualitätssicherung an chinesischen Produktionsstandorten immer wichtiger. Im Film berichtet Joe Wickert , dass er bei seinen Partnern stets auf die Einhaltung von Qualitätsvorgaben drängen muss.

Problematisch ist, dass Zulieferer nicht selten mit Subunternehmern arbeiten, die kaum zu kontrollieren sind. Um möglichst schnell viel Geld zu verdienen, bauen skrupellose chinesische Geschäftsleute sogar Wohnungen zu "Fabriken" um. Nicht selten arbeiten die Menschen in solchen "Fabriken" bis zu 14 Stunden pro Tag. Löhne werden nicht pünktlich, Überstunden manchmal gar nicht bezahlt. Bei der Arbeit mit veralteten Maschinen sind Unfälle an der Tagesordnung. Übermüdete Akkord-Arbeiter verlieren Gliedmaßen und werden schon in jungen Jahren zu Invaliden. Verbreitet ist in solchen Hinterhofbetrieben auch die Kinderarbeit.

Neue Standards - für Freiwillige

Dagegen helfen sollen die Prinzipien des Global Compact der Vereinten Nationen, die Unternehmer allerdings freiwillig in ihrem Betrieb verankern müssen - oder auch die Zulieferer zur Einhaltung dieser Umwelt- und Sozialkriterien verpflichten.

Im Global Compact sichern Unternehmen zu,

  • die Menschenrechte in ihrem Einflussbereich zu fördern und zu respektieren,
  • sicherzustellen, dass sie sich nicht an Menschenrechtsverletzungen beteiligen,
  • die Vereinigungsfreiheit zu schützen und die wirksame Anerkennung des Rechts auf Tarifverhandlungen zu gewährleisten,
  • alle Formen der Zwangs- oder Pflichtarbeit zu beseitigen,
  • Kinderarbeit abzuschaffen, · die Diskriminierung in Beschäftigung und Beruf zu beseitigen,
  • sich um vorbeugenden Umweltschutz zu bemühen,
  • Maßnahmen zur Förderung eines verantwortungsvolleren Umgangs mit der Umwelt einzuleiten,
  • sich für die Entwicklung und Verbreitung umweltschonender Technologien einzusetzen
  • und gegen alle Formen der Korruption vorzugehen, eingeschlossen Erpressung und Bestechung.

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