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Absolutismus (1) Die Stände im barocken Bayern

Das Spiel mit Licht und Schatten ist Kennzeichen barocker Kunst. Licht und Schatten prägen auch das Leben im Absolutismus: Während die Fürsten ihre Macht ausweiten und glanzvollen Prunk entfalten, während Städte und Klöster erblühen, verharren die Bauern in Armut, Abhängigkeit und Aberglauben.

Von: Simon Demmelhuber & Volker Eklkofer, ein Film von Andreas Poteschil

Stand: 14.09.2012

Deckengemälde | Bild: BR

Bayern und Barock - nicht nur für Tourismusmanager ist diese Paarung das weißblaue Dreamteam schlechthin. Auch Kunsthistoriker feiern das 17. und 18. Jahrhundert gerne als Bayerns goldenes Zeitalter. Nicht ohne Grund. In den knapp hundert Jahren nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges schwingen sich Architektur, Malerei und Plastik zu Gipfelleistungen auf, die das Bild Bayerns bis heute prägen.

Politisch und ökonomisch geht es ebenfalls bergauf: 1623 erlangen die bayerischen Herzöge die Kurfürstenwürde, Maximilian I., der Große Kurfürst, saniert die durch Schulden und das Kriegsgeschehen zerrütteten Staatsfinanzen. Sein Sohn Maria Ferdinand erbt ein Vermögen, das ihm erlaubt, sich an Reichtum und Prunkentfaltung mit allen europäischen Höfen zu messen.

Absolutismus und frühmoderner Staat

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Die Zeit der kulturellen Blüte des Barock fällt auch in Bayern mit einer Entwicklung einer Staats- und Regierungsform zusammen, die als Absolutismus bezeichnet wird. Gestützt auf die gestärkte Eigenständigkeit ihrer Territorien, weiten die Landesherrn ihre Machtfülle kontinuierlich aus. Im Streben nach absoluter Souveränität verschieben sie dabei nach und nach die traditionellen Kräfteverhältnisse zu ihren Gunsten und leiten strukturelle Veränderungen ein, die an die Schwelle des modernen Staates führen: Sie entmachten die bislang mitregierenden Landstände, in denen sich der Adel, die Prälaten und das Bürgertum als Körperschaft die Möglichkeit der politischen Teilhabe geschaffen haben. Zugleich reformieren sie die Verwaltung, vereinheitlichen die Rechtssprechung, greifen in die Wirtschaft ihrer Länder ein und schaffen die Ansätze einer nicht mehr auf persönlichen Treueverhältnissen, sondern auf Recht, Gesetz und effizienter Bürokratie gegründeten, territorial fest umrissenen Staatlichkeit.

Die Kehrseite der Prunkmedaille

Allem Aufbruch, aller Modernisierung und aller Prachtentfaltung zum Trotz hat jedoch auch das goldene Zeitalter seine Schattenseiten. Während die Bürger in den Städten allmählich zu einem moderaten Wohlstand gelangen und einige reiche Kaufleute sogar die Lebensweise des Adels imitieren können, fristet die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ein eher karges Dasein in weitgehender Unmündigkeit: 96 Prozent aller Bauern sind materiell und rechtlich von einem Grundherrn abhängig. Sie unterliegen seiner Gerichtsbarkeit, entrichten horrende Abgaben und leisten unbezahlte Arbeitsdienste. Ein großer Prozentsatz lebt in Leibhörigkeit. Da Bayern erst 1771 eine allgemeine Schulpflicht erlässt, steht es um die Bildung der Bauern denkbar schlecht. Die wenigsten können lesen und schreiben, Dämonen- und Hexenfurcht sowie abergläubische Praktiken sind weit verbreitet. Der von vielen Geistlichen zusätzlich geschürte Hexenwahn ist ein Ausfluss dieses eklatanten Bildungsmangels.

Bürger und Bauern: Die ungeschriebene Geschichte Bayerns

Während die Künstler- und Herrscherbiografien des absolutistischen Bayerns meist gut dokumentiert und breit beschrieben sind, bleiben die Lebensumstände des "einfachen Volks" weitgehend im Dunkeln. Erst in den letzten Jahren bemüht sich die Forschung vermehrt darum, neben dem Glanz des Barock auch die Kehrseite zu würdigen. Damit kommt sie einer Forderung des großen bayerischen Kunsthistorikers Herbert Schindler nach, der wiederholt angemahnt hatte: "Was wir heute brauchen, ist weniger Verklärung als Aufklärung und Erhellung des Barock."


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