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Die gebaute Utopie Das Münchner Olympiastadion

Für Kunsthistoriker ist das Olympiastadion Münchens bedeutendstes Gebäude. Warum eigentlich? Und wie kam Architekt Frei Otto auf diese Verbindung von Baukunst und Ingenieurstechnik? Ein Kunsthistoriker geht diesen Fragen auf den Grund.

Von: Klaus Uhrig

Stand: 20.03.2014

Spiele im Grünen sollen es sein, Spiele der Freiheit und Spiele von menschlichem Maß: Mit diesen Vorgaben und dem Anspruch, etwas revolutionär Neues zu schaffen, gehen Günther Behnisch und Frei Otto das Projekt Olympiastadion an. Sie entwerfen eine Konstruktion, die unglaublich leicht wirkt, transparent, lichtdurchlässig. Besonders das Dach sieht für seine Riesendimensionen äußerst zerbrechlich aus. Aber genau da liegt für viele das Problem, sie halten die Idee schlicht für utopisch. Und die unkonventionellen Präsentationsmethoden der jungen Architekten flößen ihnen auch kein zusätzliches Vertrauen ein.

Ein unmöglicher Bau?

Die Sache mit den Strümpfen

Ob es wohl stehen bleibt? Architekt Frei Otto macht schon allein mit seinen Wettbewerbsmodellen Furore: über Holzstäbchen gespannte Seidenstrümpfe. Und sein Stadiondach aus Plexiglas und Stahl ist nicht nur ein architektonisches Experiment, es ist auch ein erster Test, ob Berechnungen mit diesen neumodischen Computern in der Praxis funktionieren. Utopisch, statisch unmöglich, einfach unrealisierbar. Sagen erfahrene Bauingenieure. Zum Glück täuschen sie sich.

Strichmännchen

Bloß kein hohles Pathos! Wie die Bauten ist auch das Design- und Farbkonzept ein Gegenentwurf zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin. Alles strahlt hellblau, grün, orange. Die frischen Farben und weichen Formen sollen jugendlich und fröhlich aussehen. Die pastelligen Polizeiuniformen und das Olympia-Maskottchen Dackel Waldi sind bald vergessen. Aber die Strichmännchen bleiben.

Eröffnungs-Gast Sowjetunion

Am 26. Mai 1972 wird das Stadion recht un-olympisch eingeweiht - mit einem Fußball-Länderspiel: Deutschland gegen die UdSSR. Legendär die Spieler der DFB-Auswahl (v.r.): Uli Hoeneß, Paul Breitner, Erwin Kremers, Horst-Dieter Höttges, Gerd Müller, Herbert Wimmer, Günter Netzer, Jupp Heynckes, Georg Schwarzenbeck, Sepp Maier und Franz Beckenbauer. Gegen dieses Dream-Team verliert die Sowjet-Weltmacht chancenlos mit 4:1.

Unbekannte Größe

Die geplanten 77.000 Plätze sind kein Weltrekord. Dafür aber die Zuschauerzahl beim Regionalliga-Derby TSV 1860 München gegen FC Augsburg: Vielleicht sind es 100.000, genau weiß es niemand, denn nach dem 1:0 der 60-er stürmen draußen wartende Fans das Stadion. Sie sorgen für das weltweit bestbesuchte Zweitliga-Spiel aller Zeiten - und über 100 Verletzte. Das Spiel endet dann 1:1.


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