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Allein in der Fremde Was erwartet junge Flüchtlinge?

Unter den tausenden Flüchtlingen, die zur Zeit in Deutschland ankommen, sind viele unbegleitet und minderjährig. Sie sollten eigentlich besonderen Schutz erhalten. Doch aufgrund der hohen Flüchtlingszahlen ist momentan vieles anders ...

Von: Silke Schmidt-Thrö, Sylvaine von Liebe

Stand: 21.11.2016

Unter den Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, sind auch viele unbegleitet und minderjährig | Bild: picture-alliance/dpa

Immer mehr Jugendliche und Kinder kommen als Flüchtlinge allein nach Deutschland. 42.309 waren es laut Bundesfachverband für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Jahr 2015. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich ihre Zahl damit fast vervierfacht. 2014 waren 11.642 Jugendliche unter 18 Jahren unbegleitet nach Deutschland gereist.

Ob sie nach deutschem Recht auch "Flüchtlinge" sind, weil sie von ihrem Staat verfolgt werden und hier bleiben dürfen, das wird erst festgestellt. In jedem Fall sollen Jugendliche aber besonderen Schutz bekommen: durch das Jugendamt, durch Betreuer und einen Vormund, der beim Papierkram und Anhörungen hilft. Standard ist das Kinder- und Jugendhilfegesetz nach dem grundsätzlich gehandelt werden soll.

"Es läuft noch nicht alles optimal", bemängelt allerdings Monika Steinhauser, Geschäftsführerin des Münchner Flüchtlingsrats. Aber immerhin landen derzeit keine neu ankommenden unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge mehr in Wohncontainern, weil sie durch ein neues Gesetz seit November 2015 auch in andere Bundesländer verteilt werden, so Steinhauser.

Was unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen eigentlich zusteht und was sie momentan aber wirklich erwartet, haben wir hier aufgelistet:

 

Wie geht das Leben in Deutschland weiter?

Wohnen

Während der ersten Zeit, in der noch völlig offen ist, was weiter passiert, nimmt erst einmal das Jugendamt jugendliche Flüchtlinge in seine Obhut. Dann sollten sie in eine Jugendeinrichtung kommen, im Optimalfall eine Clearingstelle speziell für unbegleitete Flüchtlinge. Aufgrund des momentanen Flüchtlingsstroms landen aber viele der Jugendlichen in Übergangswohnheimen, deren Standard weit unterhalb der Jugendeinrichtungen liegt. Normalerweise heißt es nach zwei, drei Monaten - wenn alles gut geht - umziehen. In ein Jugendheim, eine Wohngruppe, vielleicht sogar in eine eigene WG, in eine Pflegefamilie - oder auch in ein anderes Bundesland. Denn durch eine neue gesetzliche Regelung dürfen unbegleitete junge Flüchtlinge seit November 2015 auch in andere Bundesländer gebracht werden.

 Einkaufen und Reisen

Minderjährige bekommen ungefähr die gleichen Leistungen wie erwachsene Flüchtlinge und Asylbewerber, also beispielsweise Essen in der Kantine, aber noch zusätzlich ein Taschengeld von der Jugendhilfe. Wie hoch das ist, hängt vom Alter ab. Für 16-Jährige sind das etwa 40 Euro im Monat - je nach Region und erbrachten Leistungen. Wer auch andere Orte entdecken will, dem steht relativ schnell nichts mehr im Weg. Unbegleitette minderjährige Flüchtlinge können sich spätestens nach drei Monaten in Deutschland frei bewegen - vorausgesetzt, der Vormund gibt dafür sein Okay.

Lernen

Unter 16 Jahren sind auch Flüchtlinge schulpflichtig. Dann gilt für die Jugendlichen bis 18 Jahre die Berufsschulpflicht. Trotz der vielen neu geschaffenen Schul- und Berufsschulklassen, bekommt nicht jeder neue Flüchtling einen Platz. Die Folge: Er muss warten. Mit etwas Glück kann er die Zeit mit - zum Beispiel von der Stadt angebotenen - Deutschkursen überbrücken. Ein Lichtblick: Ab Herbst sollen genügend Schulplätze für alle jungen Flüchtlinge vorhanden sein.

Entscheiden

Minderjährige dürfen viele Sachen eigentlich nicht selbst unterschreiben. Selbst für einen Handyvertrag brauchen sie noch das Einverständnis ihrer Eltern. Junge Flüchtlinge bekommen deshalb einen Vormund. Den beantragt das Jugendamt und ein Gericht entscheidet, wer es wird. Oft jemand, der sich auch mit Asylrecht gut auskennt. Denn er muss Jugendliche zum Beispiel bei Anhörungsverfahren unterstützen. Auch bei Umzügen und Ausbildungsentscheidungen redet er eventuell mit. Im Alltag hilft der Betreuer in der Wohneinrichtung.

Dableiben

Wer ankommt, muss gleich ein sogenanntes "Clearingverfahren" beginnen. Da geht es um Fragen wie: Welche Betreuung ist die richtige? Ist eine Therapie notwendig, weil Flucht oder Krieg Spuren hinterlassen haben? Aber auch: Gibt es Verwandte, die schon in Europa sind, zu denen die Jugendlichen ziehen können? Wenn nicht, können sie einen Asylantrag stellen oder einen Antrag auf "Aufenthalt aus humanitären Gründen". Krieg, Diskriminerung und Verfolgung sind Gründe für eine Aufenthaltsgenehmigung. Trifft das alles nicht zu, gibt es noch eine Extra-Regel für Minderjährige: Wer keine Familie mehr hat und im Heimatstaat nicht richtig betreut werden kann, muss nicht zurückgehen. Zumindest bis er 18 Jahre alt ist. Weil die vielen Anträge wegen des Ansturms derzeit nicht mehr sorgfältig geprüft werden können, werden viele "Clearingverfahren" mittlerweile ungeklärt ausgestellt. Dadurch erhalten die Jugendlichen dann nicht mehr die Maßnahmen, die sie eigentlich bräuchten.

Ein Problem gibt es allerdings, wenn Flüchtlinge - wie meistens - keine Ausweispapiere dabei haben. Denn wie kannst du beweisen, wie alt du bist? Flüchtlinge müssen die Behörden davon überzeugen, dass ihre Altersangaben stimmen. Dafür gibt es Interviews, manchmal aber auch umstrittene medizinische Untersuchungen wie das Handwurzelröntgen. Aktuell werden die Flüchtlinge gleich nach ihrer Ankunft auf ihr Alter geprüft. Die strapaziöse Reise lässt sie dann meist älter ausschauen. Häufig fallen sie dann nicht mehr unter den Schutz eines minderjährigen Flüchtlings.

"Erst später, wenn sie sich von ihrer anstrengenden Reise wieder erholt haben, erkennt man, wie jung sie tatsächlich sind. Nur dann bringt es ihnen nichts mehr. Sie sind dann schon als erwachsene Flüchtlinge registriert."

Monika Steinhauser, Geschäftsführerin des Münchner Flüchtlingsrats


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