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Smarte Spione Was weiß dein Auto über dich?

Ein total privates Gespräch im Auto mit dem Partner - und jeder kann mithören. Technisch längst machbar. Genau wie zu Hause bist du im Auto künftig nicht mehr allein, sondern umgeben von Überwachungstechnik wie Telematik-Box oder eCall. Die produzieren und speichern laufend Daten. Aber für wen eigentlich?

Von: Elena Nass und Sylvaine von Liebe

Stand: 11.04.2016

Die zunehmende Datenspeicherung in den modernen Autos ist nicht nur Fluch. In Notfällen kann die Vernetzung auch Leben retten. | Bild: picture-alliance/dpa

Ob die Durchschnittsgeschwindigkeit, der nächste Ölwechsel oder die Größe der Parklücke - viele Daten werden heute schon in jedem modernen Auto automatisch erfasst und immer mehr auch über das Internet weitergegeben. Und bald ist das vernetzte Auto sogar gesetzliche Vorschrift.

Ab 31. März 2018 müssen alle neuen PKW-Modelle in der EU mit dem automatischen Notrufsystem eCall ausgestattet sein. Mit der automatischen Verbindung zur Notrufzentrale bei Unfällen will die EU die Zahl der Unfalltoten um rund zehn Prozent reduzieren. Eigentlich eine gute Idee. Konkret heißt das aber auch: alle Autos müssen dann mit einem Mobilfunkanschluss und einen GPS- Empfänger mit Antenne ausgestattet sein. Ein System, mit dem ständig Daten - wie Standort, Uhrzeit, Fahrzeug-ID - gesammelt werden können.

Komfort mit der Preisgabe unserer Daten bezahlen - was du im Internet schon kennst, bestimmt deinen Alltag zunehmend auch beim Autofahren oder im Schlafzimmer. Einige der smarten Spione kurz erklärt:

Smart und geschwätzig - was Autos verraten

Geld sparen

Sollst du als Autofahrer Geld sparen oder verdienen nur die Autoversicherer? Mit einer im Auto eingebauten Blackbox - einer sogenannten Telematik-Box - oder einer eigenen App greifen die Versicherer künftig Daten ab, die Auskunft über den Fahrstil des Versicherten geben. Geschwindigkeit, ja sogar Geschwindigkeitsüberschreitungen, Bremsverhalten und andere Details zur Fahrweise des Autofahrers können so ermittelt werden. Richtig Geld sparen kannst du dann, wenn du dich immer an die Geschwindigkeit hältst, nie eine Vollbremsung hinlegst, die sichersten Routen nimmst und nie nachts fährst. Wenn du dich nicht daran hältst, wird's vermutlich teuer. Und wenn du auch künftig deinen Fahrstil lieber für dich behältst und deine Fahrdaten nicht zur Auswertung weitergibst, langfristig wohl auch - befürchten Kritiker. Denn Versicherer werden das Modell zum Anlass nehmen, ihre Beiträge in Zukunft nach dem Fahrstil zu berechnen. Datenmissbrauch? Angeblich Fehlanzeige. Die Daten werden von einem externen Dienstleiter ausgewertet und bleiben durch einen separaten Server bei ihm, heißt es. Erst die Auswertung der Fahrdaten soll an die Versicherer gelangen und den Autofahrern anschließend zugeordnet werden. Wird der Server allerdings gehackt, können prinzipiell alle erfassten Daten gestohlen werden. Zahlreiche Autoversicherer bieten diesen "Telematik-Tarif" speziell für junge Fahrer an.

Leben retten

Bei einem Unfall löst dein Auto automatisch Alarm aus und ruft Hilfe - so soll das System des "emergency calls" - kurz eCalls - funktionieren,, das ab Frühjahr 2018 für Neuwagen in der EU Pflicht ist. Der sogenannte eCall soll automatisch und manuell - auch von Zeugen per Knopf im Auto - ausgelöst werden können. Gespeichert und weitergeleitet werden unter anderem Daten zum Unfallzeitpunkt, die genauen Koordinaten des Unfallorts, die Treibstoffart, die Fahrtrichtung und die Fahrzeug-ID. Optional soll auch die Übermittlung der Daten von Bord-Sicherheitssystemen möglich sein. Sie können zusätzlich weitere Fakten zur Schwere des Unfalls und der Zahl der Insassen liefern. Eine schnellstmögliche Versorgung von Verletzten soll so gewährleistet werden. Laut EU soll das System erst im Notfall aktiv werden - ohne permanente Speicherung, wann du wo mit wieviel Leuten rumgefahren bist. Aber Gerätehersteller wollen eCall gleich mit mobilen Internetangeboten verknüpfen. Wetten, dass du dann in Zukunft nicht nur erinnert wirst, dass auf deiner Lieblings-Route Stau ist, sondern auch, dass du schon lang nicht mehr beim Restaurant gleich um die Ecke essen warst...

Maut

"E-Vignette" das klingt harmlos und vor allem zeitgemäß. Was sich dahinter verbirgt, ist aber die Erfassung sämtlicher Nummernschilder an den Mautstellen. Sollten alle Autofahrer - wie schon bei der LKW-Maut - künftig elektronisch erfasst werden können, hieße das zwangsläufig auch, das Daten wie Ort und Zeit der Aufnahme - vielleicht sogar Gesicht des Fahrers - gespeichert werden. Bewegungsprofile, wer wie schnell wohin fährt, könnten erstellt und vor allem missbraucht werden. Dies ist vor allem deshalb prekär, da das Verkehrsministerium erwägt, die vertraulichen Daten von einem privaten Unternehmen erfassen und auswerten zu lassen. So könnten die Daten leicht in falsche Hände geraten. Schon jetzt will die Bundesregierung die Daten der LKW-Fahrer, die sie durch die Maut erhält, zur "Verkehrslenkung und -forschung" nutzen. Eine Anonymisierung hat sie dafür zumindest versprochen.

Lebensgefährliche Schwachstellen

Zwar klingen die Angebote praktisch oder zum Teil sogar verlockend. Datenschützer schlagen jedoch Alarm. Denn noch ist nicht geklärt, wem die Daten eigentlich gehören,, die allein durch die eingebaute Technik im Auto gesammelt werden und wie sie geschützt werden sollen. Das kann insbesondere nach einem Unfall wichtig werden. Oder zu schweren Sicherheitsproblemen führen, wie der Hacker-Angriff auf einen Chrystler-Fiat-Jeep im Juli 2015 gezeigt hat. Zwei US-Forschern hatten durch Manipulation des Unterhaltungssystems die komplette Kontrolle über den Wagen übernommen und bewiesen: Die digitalen Systeme sind vor Zugriffen Unbefugter nicht sicher. Und sobald dein Auto internetfähig ist, kann es eben auch online angegriffen werden.

Die smarten Spione zu Hause

Smarter Kühlschrank

Auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) 2015 war er eines der Highlights: Ein mit einer Kamera ausgestatteter Kühlschrank. Er soll dem im Laden stehenden Besitzer via Bildübertragung verraten, was im Kühlschrank noch fehlt. Und so funktioniert's: Jedes Mal, wenn der Kühlschrank geschlossen wird, schießt die Kamera im Innenraum jeweils ein Foto. Das Bild wird per Datenübertragung auf das Smartphone gespielt, wo der Nutzer sich dann informieren kann. Und die Datensicherheit? Nicht von jedem Hersteller gab es dazu eine Auskunft. Nur so viel: Die Daten bleiben in Europa - und zwar verschlüsselt. Immerhin.

Smart-TVs

Mit dem Fernsehgerät im Internet surfen - Smart TVs machen's möglich. Aber sie ermöglichen es auch, dein Nutzerverhalten zu beobachten - ohne dein Wissen. Du schaltest ein und schon schickt der Fernseher Nutzungsdaten an den Server der Sendeanstalt - oft mehrmals pro Minute und ohne zu fragen. Einige Sender wie Pro7 und Sat.1 stellen diese Informationen sogar Dritten zur Verfügung, die sie dann ganz genau analysieren und zum Beispiel personalisierte Werbung erstellen können.

Spielekonsolen

Was ein Fernseher kann, können Spielekonsolen schon lange. Beispiel: die brandneue Xbox One. Mit ihr sollst du am besten alle Multimediageräte im Wohnzimmer steuern - ganz bequem. Das Problem: So weiß sie immer, was du gerade konsumierst. Und damit auch klar ist, wer konsumiert, nutzt die Konsolen-Kamera Kinect Gesichtserkennung. Sie erkennt, wie viele auf dem Sofa sitzen, wer den Controller bedient und was für einen Gesichtsausdruck er dabei hat. Marktforschung ohne Grenzen? Microsoft verspricht, dass die Daten nur auf der Konsole gespeichert und nach dem Beenden wieder gelöscht werden.

Stromzähler

Per Stromzähler herausfinden, welche Filme du anschaust? Theoretisch machbar. Intelligente Stromzähler, sogenannte Smart Meter, übertragen Daten an die Stromfirma. Sie werden in einem Abstand von nur zwei Sekunden automatisch abgelesen. So lässt sich zum Beispiel herausfinden, welche Haushaltsgeräte besonders viel Strom verbrauchen - oder eben auch, welche Sender oder Filme man anschaut. In einem Versuch hat das schon geklappt. Aber wer zuverlässig herausfinden will, was du guckst, müsste Zugriff auf eine Datenbank mit speziellen Signaturen sämtlicher Filme haben.

WLAN-Router

Durch Wände sehen? WLAN macht's möglich. Funksignale von WLAN-Routern können durch Bewegungen beeinflusst werden. Solche Störungen werden von den Geräten normalerweise ignoriert. Jetzt haben Informatiker die veränderten WLAN-Signale benutzt, um Personen zu orten - durch Wände hindurch. Eine spezielle Software wertet die Veränderungen der Funksignale aus, bestimmt, wie viele Menschen sich in einem Raum befinden, wie schnell und in welche Richtung sie sich bewegen. Das perfekte Überwachungsinstrument für Geheimdienste? Offiziell soll die Methode vor allem für Rettungseinsätze genutzt werden, um zum Beispiel Verschüttete zu orten.

Waagen

Um ihr Gewicht machen viele ein Geheimnis. Es im Internet zu verraten, völlig undenkbar! Zu dumm, dass mittlerweile sogar Personenwaagen mit WLAN-Funktion ausgestattet sind. Diese "Smart Scales" erkennen nicht nur Gewicht und Körperfettanteil, sondern an Hand der Körpermaße auch, wer da gerade auf der Waage steht. Die Messwerte übertragen sie via Internet direkt an dein persönliches Nutzerprofil. Fehlt eigentlich nur noch die automatische Verbindung zur Krankenkasse, die mit den Daten sofort Risikopatienten identifizieren könnte - und natürlich die WLAN-fähige Zahnbürste, die an den Zahnarzt funkt, ob du auch brav die Zähne geputzt hast...

Schuhe

Und dann war da noch...
...der Spionageschuh aus dem kalten Krieg. Bei passender Gelegenheit wurden heimlich Mikrofon, Sender und Batterie im Absatz der Zielperson eingebaut - schon wurde sie zur wandelnden Radiostation, die alle Gespräche an einen nahegelegenen Abhörposten übertrug. Dazu noch ein Mantel mit Mini-Kamera im Knopfloch - fertig ist das russische Spionage-Outfit der 60er- und 70er-Jahre. Simpel und wirksam - ganz ohne GPS-System und Internetverbindung.


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