ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Thomas Mann - "Buddenbrooks"

Thomas Mann war der Grandseigneur der deutschen und wohl auch der Weltliteratur des vergangenen Jahrhunderts. Kein deutscher Dichter, abgesehen von den Weimarer Klassikern, ist so genau untersucht, interpretiert und gewürdigt worden. Schon sein erster Roman machte ihn berühmt.

Stand: 18.10.2018 | Archiv

Seine Popularität damals und heute ist nicht verwunderlich, wurde er doch bereits für sein erstes Werk "Buddenbrooks" (1901), das er mit 26 Jahren veröffentlichte, im Jahr 1929 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Thomas Mann selbst sah sich gern in der Nachfolge des großen Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe, der vorgeführt hatte, wie man Gelehrsamkeit, Beobachtungsgabe und Sprachkunst miteinander verbinden kann.

Vorbilder: Goethe und Nietzsche

Thomas Mann fühlte sich nicht wenig geschmeichelt, wenn ihm Mediziner nach Erscheinen des "Zauberbergs" (1924) höchste fachliche Kenntnisse, Komponisten nach Erscheinen des "Doktor Faustus" (1947) ein meisterliches Beherrschen der zeitgenössischen Kompositionstheorien bescheinigten.

Die Bewunderung für Goethe findet seinen Niederschlag in dem Roman "Lotte in Weimar" (1939). Der andere große Bezugspunkt für seine Arbeit war Friedrich Nietzsche. Hier finden sich Analogien in dem wilden Komponisten Adrian Leverkühn im Roman "Doktor Faustus". Nietzsche musste zwar keinen Pakt mit dem Teufel eingehen, um künstlerisch auf sich aufmerksam zu machen. Doch er starb auch in geistiger Umnachtung wie der Komponist.

"Buddenbrooks. Verfall einer Familie"

Buddenbrooks ist die Geschichte von vier Generationen einer Lübecker Kaufmannsfamilie, deren Aufstieg und Niedergang sich zwischen den dreißiger und den späten siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts abspielt. Der Ahnherr Johann Buddenbrook setzt vier Kinder in die Welt, von denen nur eines, nämlich Thomas, das Zeug zum Kaufmann hat. Sein Bruder Christian versäuft, verspielt und verhurt sein Erbteil, die eine Schwester stirbt bald nach ihrer Heirat, die andere, Tony, geht zwei unglückliche Ehen ein, beide belasten das Familienvermögen erheblich.

Die Zeichen des Verfalls sind bereits überdeutlich zu sehen, doch Thomas Buddenbrook gelingt es, für kurze Zeit, Firma und Familie zu neuem Ansehen zu führen. Er geht die Ehe mit der wohlhabenden, holländischen Geigenspielerin Gerda ein. Doch mit dem frühen Tod seines kränklichen, Musik liebenden Sohnes Hanno sterben die Buddenbrooks aus.

"Der Zauberberg"

Als Thomas Mann 1924 den "Zauberberg" mit Erfolg veröffentlichte, lebte er inzwischen in wohlhabenden Verhältnissen in München. Seine Frau Katja, geborene Pringsheim, war die Tochter eines Multimillionärs. Gemeinsam hatten sie sechs Kinder, von denen drei - Erika, Klaus und Golo - ebenfalls Schriftsteller wurden.

Katja Mann musste sich zum Auskurieren einer Lungenkrankheit nach Davos in die Schweiz begeben. Als Thomas Mann sie dort in den Alpen besuchte, entstand der erste Entwurf des "Zauberbergs". Hier verbringt der junge Hans Castorp sieben Jahre freiwillig in der abgeschlossenen Welt eines Sanatoriums.

Vom "Unpolitischen" zum "Doktor Faustus"

In seinem Essay "Betrachtungen eines Unpolitischen" (1918) sah Thomas Mann den Krieg noch als "die Veredlung und Verfeinerung" des Menschen. Es gebe schließlich, so schrieb er: "Bett-Tode, so grässlich wie nur irgendein Feldtod." Später, manche Kollegen sagen viel zu spät, räumte er in den Jahren der Weimarer Republik und der zunehmenden Bedrohung durch die Nationalsozialisten und auch im amerikanischen Exil mit diesen Positionen auf.

Im Juni 1933 lag ein Haftbefehl vor, der den Schriftsteller bei dessen Ergreifung ins Konzentrationslager Dachau befördert hätte. Er emigrierte in die Schweiz und später in die USA. Es dauerte aber noch dreieinhalb Jahre, bis Thomas Mann sich öffentlich zu dieser Verbannung bekannte. Die nationalsozialistische Verführung seiner deutschen Landsleute verarbeitete er schließlich in seinem Altersroman "Doktor Faustus".

Leseprobe:

Die allgemeine Munterkeit hatte nun ihren Gipfel erreicht, und Herr Köppen verspürte das deutliche Bedürfnis, ein paar Knöpfe seiner Weste zu öffnen; aber das ging wohl leider nicht an, denn nicht einmal die alten Herren erlaubten sich dergleichen. Lebrecht Kröger saß noch genau so aufrecht an seinem Platze wie zu Beginn der Mahlzeit, Pastor Wunderlich blieb weiß und formgewandt, der alte Buddenbrook hatte sich zwar ein bißchen zurückgelegt, wahrte aber den feinsten Anstand, und nur Justus Kröger war ersichtlich ein wenig betrunken.

Wo war Doktor Grabow? Die Konsulin erhob sich ganz unauffällig und ging davon, denn dort unten waren die Plätze von Mamsell Jungmann, Doktor Grabow und Christian frei geworden, und aus der Säulenhalle klang es beinahe wie unterdrücktes Jammern. Sie verließ schnell hinter dem Folgmädchen, das Butter, Käse und Früchte serviert hatte, den Saal - und wahrhaftig, dort im Halbdunkel, auf der runden Polsterbank, die sich um die mittlere Säule zog, saß, lag oder kauerte der kleine Christian und ächzte leise und herzbrechend.

"Ach Gott, Madamchen!" sagte Ida, die mit dein Doktor bei ihm stand, "Christian, dem Jungchen, ist gar so schlecht... "
"Mir ist übel, Mama, mir ist verdammt übel!" wimmerte Christian, während seine runden, tiefliegenden Augen über der allzu großen Nase unruhig hin und her gingen. Er hatte das "verdammt" nur aus übergroßer Verzweiflung hervorgestoßen, die Konsulin aber sagte:
"Wenn wir solche Worte gebrauchen, straft uns der liebe Gott mit noch größerer Übelkeit! "
Doktor Grabow fühlte den Puls; sein gutes Gesicht schien noch länger und milder geworden zu sein.
"Eine kleine Indigestion... nichts von Bedeutung, - Frau Konsulin!" tröstete er. Und dann fuhr er in seinem langsamen, pedantischen Amtstone fort: "Es dürfte das beste sein, ihn zu Bette zu bringen... ein bißchen Kinderpulver, vielleicht ein Täßchen Kamillentee zum Transpirieren ... Und strenge Diät, - Frau Konsulin? Wie gesagt, strenge Diät. Ein wenig Taube, - ein wenig Franzbrot..."

Thomas Mann: Buddenbrooks


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