ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Stendhals "Rot und Schwarz"

Der französische Schriftsteller Stendhal gilt als bedeutender Vertreter des Realismus. Seine Zeitgenossen empfinden seinen Stil als nüchtern und kalt. 1830 erscheint sein wohl berühmtester Roman "Rot und Schwarz", für den er zu Lebzeiten kaum Anerkennung erhält.

Stand: 23.03.2016

Marie-Henri Beyle, besser bekannt unter seinem Pseudonym Stendhal, kam 1783, sechs Jahre vor dem Ausbruch der Französischen Revolution, in Grenoble zur Welt. Sein Vater war Anwalt und Notar, ein Königstreuer ohne Adelstitel. 1789, im Jahr der Revolution, verliert Stendhal seine Mutter. Der Vater liiert sich mit der Schwester der Mutter, was Stendhal ihm zutiefst verübelt. Er trägt ihm auch nach, dass sein vermeintlich wohlhabender Vater bei dessen Tod im Jahr 1819 fast nur Schulden hinterlässt. Stendhal muss daraufhin als Geldschreiber, als Journalist arbeiten.

Mathematik und die Schönen Künste

Münze mit dem Abbild Henri Stendhals

Die Liebe zu den Schönen Künsten weckt sein Großvater mütterlicherseits, Arzt und glühender Voltaire-Verehrer. Er begeistert Stendhal für die Ideen der Aufklärung. Er entdeckt auch seine Begabung für die Mathematik. Stendhal geht nach Paris, um sich an der neu gegründeten Universität, der École Polytechnique, einzuschreiben. Doch dazu kommt es nicht.

Statt an der Aufnahmeprüfung teilzunehmen, fängt er an, Theaterstücke zu schreiben und zieht als Offizier unter Napoleon in den Krieg. Der Krieg führt ihn zunächst nach Italien, später in das Königreich Westfalen, dann zurück nach Paris, wo er für kurze Zeit kaiserlicher Berater ist. Auch den Marsch nach Moskau erlebt und überlebt er als Getreuer Napoleons.

Dolce Vita in Mailand

Eine Syphilis-Erkrankung zwingt ihn zu einem längeren Urlaub. Nach dem Zusammenbruch des napoleonischen Kaiserreichs im Jahr 1814 ist er ständig auf Reisen: meist in Italien, weil ihn die Kunst, die Musik und die Lebensart dort am meisten behagt. Er beginnt wieder zu schreiben: Er verfasst Bücher über Musikgeschichte und über die italienische Malerei. Er schreibt Reisebücher, doch erfolgreich ist er damit nicht.

Roman "Rot und Schwarz"

Im Caffe Greco in Rom verkehrten Künstler wie Goethe, Stendhal und Liszt.

Das ändert sich auch nicht, als 1830 sein erster großer Roman "Le Rouge et le Noir", "Rot und Schwarz" erscheint. Der Roman erzählt die Geschichte von Julien Sorel, eines ehrgeizigen jungen Mannes aus der französischen Provinz. Sorel ist hoch begabt, doch von niederer Herkunft. Gesellschaftliche Karriere kann er nur über die Kirche machen. Also täuscht er Frömmigkeit vor und erhält - ein erster Schritt auf der Karriereleiter - den Posten eines Hauslehrers beim Bürgermeister. Er beginnt ein Verhältnis mit dessen Frau und verursacht einen Skandal. Sorel flüchtet in ein Priesterseminar.

Im zweiten Teil des Romans verschafft ihm ein väterlicher Freund die Anstellung als Sekretär bei einem Marquis in Paris. Endlich bewegt er sich in der Gesellschaft, nach der er sich immer gesehnt hat. Doch dann holt ihn die Vergangenheit ein ...

Einziger Bucherfolg zu Lebzeiten

Der Roman ist durchzogen von autobiographischen Andeutungen. Wie sein Held Sorel empfindet sich Stendhal als ein gesellschaftlicher Außenseiter. Mit diesem verbindet ihn die Sehnsucht nach Anerkennung. Die Bestätigung seines Kollegen Balzac, der 1840 den Roman "Die Kartause von Parma" begeistert rezensiert, darf er noch erleben, ehe er zwei Jahre später an einem Schlaganfall stirbt. Das immerhin als Adeliger, als "de Stendhal". Das Adelsprädikat hat er sich selbst verliehen.

Leseprobe:

Julian war ein Bursche von achtzehn oder neunzehn Jahren, schwächlich von Aussehen, mit unregelmäßigen, aber feinen Zügen und einer Adlernase. Seine großen schwarzen Augen, die im gewöhnlichen ruhigen Zustande versonnen leuchteten, blitzten jetzt voll von wildestem Hass. Sein kastanienbraunes, ziemlich tief angesetztes Haar ließ seine Stirn niedrig erscheinen und verlieh ihm im Moment des Zorns etwas Bösartiges. Unter den zahllosen Varianten des Menschenantlitzes ist keine eindringlicher als die zornig-böse. Seine schlanke, gutgewachsene Figur verriet mehr Gewandtheit denn Kraft. Er war von Kindheit an immer überaus grüblerisch und sehr blass gewesen; daher hatte sein Vater geglaubt, er werde nicht lange leben oder, wenn er am Leben bliebe, seiner Familie nur eine Last sein. Von jedermann im Hause verachtet, hasste er seinerseits Vater und Brüder. An den Sonntagen, wenn die Jungen auf dem Markt spielten, bekam er immer Schläge. Erst seit einem Jahre begann ihm sein hübsches Gesicht Wohlwollen unter den jungen Mädchen zu verschaffen.

Als Schwächling von aller Welt geringgeschätzt, war er in schwärmerischer Liebe zu jenem alten Stabsarzt entbrannt, der den Bürgermeister einmal wegen der Platanen zur Rede zu stellen gewagt hatte. Der alte Kriegsmann kaufte ihn zuweilen bei seinem Vater tageweise los und erteilte ihm Unterricht im Latein und in der Geschichte, das heißt in der Geschichte des Feldzuges in Italien von Anno 1796. Bei seinem Tode hinterließ er ihm sein Kreuz der Ehrenlegion, die Ersparnisse von seiner dürftigen Pension und dreißig bis vierzig Bücher, deren köstlichstes eben in den öffentlichen Bach geflogen war, dem die Macht des Bürgermeisters einen neuen Lauf gegeben hatte.

Henri Stendhal: Rot und Schwarz, 4. Kapitel; Übers. von Arthur Schurig


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