ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Samuel Beckett - "Warten auf Godot"

Auf Anerkennung musste Samuel Beckett lange warten. Jahrelang suchte er für seinen Roman "Murphy" einen Verlag. Sein Stück "Warten auf Godot" kam erst fünf Jahre, nachdem es geschrieben wurde, auf die Bühne. Scheitern ist immer sein Thema geblieben.

Stand: 05.07.2016

Samuel Beckett | Bild: picture-alliance/dpa

Der 1906 in der Nähe von Dublin geborene Samuel Beckett konnte in 83 Jahren immer wieder beobachten, dass die absurdesten Geschichten das Leben schreibt. Zum Beispiel: Als Beckett Mitte 30 war, rammte ihm in Paris ein Unbekannter ein Messer in die Brust und verletzte ihn lebensgefährlich. Nach dem Motiv gefragt, meinte der Angreifer später nur, er habe keine Ahnung und entschuldigte sich.

So absurd wie im wirklichen Leben

Das Absurde und den Existenzialismus - beides brachte Beckett auf die Bühne. Was ihn allerdings viel Geduld und Anstrengung kostete, denn erst Ende der 50er-Jahre war er als Autor zu einer solchen Institution herangewachsen, dass seine Stücke umgehend aufgeführt, seine Werke gleich gedruckt wurden. "Warten auf Godot" hatte Beckett bereits 1948 fertiggestellt, erst 1953 wurde es in Paris uraufgeführt.

Das ewige Wartezimmer

Warten auf Godot

In den beiden Akten des Stücks warten zwei Männer, Wladimir und Estragon, auf einen gewissen Godot, der aber niemals auftaucht. Am Ende jedes Aktes betritt ein Junge die Bühne und überbringt den beiden die Nachricht, das Godot verhindert sei, aber am nächsten Tag ganz sicher kommen würde. Und dazwischen - warten sie. Die absurden Dialoge zwischen Waldimir und Estragon erinnern an die Sketche Karl Valentins. Den Komiker traf Beckett während seiner Deutschlandreise 1937 in München, wo er auch eine seiner Aufführungen besuchte. Wie Valentin Vertrautes durch die Anarchie der Komik zu verfremden verstand, hat Beckett sehr beeindruckt. In seinen Stücken lässt sich dieser Einfluss wunderbar nachvollziehen. Ein Beispiel:

"ESTRAGON Ich suche.

Schweigen

WLADIMIR Wenn man sucht, hört man.
ESTRAGON Eben.
WLADIMIR Wenn man hört, kann man nichts finden.
ESTRAGON Stimmt.
WLADIMIR Wenn man hört, kann man nicht denken.
ESTRAGON Man denkt aber doch.
WLADIMIR Ach was, das ist unmöglich.
ESTRAGON Ja, richtig, wir wollen einander widersprechen.
WLADIMIR Unmöglich.
ESTRAGON Meinst du?
WLADIMIR Keine Gefahr mehr, daß wir denken.
ESTRAGON Worüber beklagen wir uns dann?
WLADIMIR Denken ist nicht das Schlimmste.
ESTRAGON Gewiß, gewiß, aber das ist doch schon etwas.
WLADIMIR Wieso, das doch schon etwas?
ESTRAGON Ja, richtig, wir wollen uns Fragen stellen.
WLADIMIR Was willst du damit sagen, das ist doch schon etwas?
ESTRAGON Das ist doch schon etwas weniger.
WLADIMIR Eben.
ESTRAGON Also? Wie wär's, wenn wir uns mal freuten?
WLADIMIR Das Schreckliche ist eben, gedacht zu haben.
ESTRAGON Ist uns da je passiert?
WLADIMIR Woher kommen all diese Leichen?
ESTRAGON Diese Gebeine.
WLADIMIR Eben.
ESTRAGON Richtig.
WLADIMIR Wir müssen doch wohl ein wenig gedacht haben.
ESTRAGON Ganz am Anfang."

(Samuel Beckett: Waiting for Godot. Deutsche Übertragung von Elmar Tophoven)


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