ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Rainer Maria Rilke - "Malte Laurids Brigge"

Die in weiten Teilen autobiografischen "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" sind Rilkes einziger Roman. In 72 fragmentarischen und tagebuchartigen Prosastücken nimmt der 35-jährige Dichter die Sprache des Expressionismus vorweg und sprengt dabei die Grenzen des Bildungsromans.

Stand: 12.07.2016

Rainer Maria Rilke | Bild: picture-alliance/dpa

Als Rilke 1910 den "Malte Laurids Brigge" schrieb, war er als Dichter bereits berühmt. Er lebte seit einigen Jahren in Paris, einer Stadt, mit der Rilke anfangs haderte. Er war hergekommen, um eine Monografie über den von ihm sehr bewunderten Bildhauer Auguste Rodin zu schreiben, empfand die Stadt aber als Moloch. Der empfindsame Dichter war für die Metropole nicht hart genug. Dafür war er durch und durch Künstler und bewegte sich dementsprechend jenseits der bürgerlichen Konventionen. Doch dieses Selbstbewusstsein, sich als Künstler zu begreifen, musste er erst lernen. Dabei half ihm eine Frau, die eine seiner großen Lieben war.

Wie Rilke seine eigene Stimme fand

Lou Andreas-Salomé

Lou Andreas-Salomé hatte nicht nur Rilke, sondern auch Friedrich Nietzsche schon den Kopf verdreht. Die Intellektuelle machte den jungen Dichter mit Stefan George und Tolstoi bekannt, ermutigte ihn in seinem Künstlersein und lehrte ihn, sich auf seinen dichterischen Ausdruck zu konzentrieren. Auch nachdem ihre Liebesbeziehung beendet war, blieb Andreas-Salomé eine der einflussreichsten Menschen in Rilkes Leben. Unter anderem sensibilisierte sie ihn für die Entwicklungen in der Bildenden Kunst. Rilke lebte eine Weile in der Künstlerkolonie in Worpswede und lernte die Bildhauerin Clara Westhoff kennen. Sie heirateten und bekamen ein Kind. Doch die Tochter Ruth war kaum auf der Welt, da zog es ihn auch schon wieder fort - eben nach Paris.

Innerer und äußerer Blick zu Prosa verdichtet

Sein Roman "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" besteht aus längeren und kürzeren Betrachtungen, in denen sich die Beschreibungen dessen, was der Erzähler sieht und was er darüber denkt, vereinen. Verwoben sind diese Prosastücke mit Kindheitserinnerungen, die viele von Rilkes frühesten Erlebnissen preisgeben, wie zum Beispiel seine Zeit an der Militärschule. Am meisten aber verrät uns Rilke hier über seine Befindlichkeit im Paris zu Anfang des 20. Jahrhunderts.

"So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier. Ich bin ausgewesen. Ich habe gesehen: Hospitäler. Ich habe einen Menschen gesehen, welcher schwankte und umsank. Die Leute versammelten sich um ihn, das ersparte mir den Rest. Ich habe eine schwangere Frau gesehen. Sie schob sich schwer an einer hohen, warmen Mauer entlang, nach der sie manchmal tastete, wie um sich zu überzeugen, ob sie noch da sei. Ja, sie war noch da. Dahinter? Ich suchte auf meinem Plan: Maison d'Accouchement. Gut. Man wird sie entbinden - man kann das. Weiter, Rue Saint-Jacques, ein großes Gebäude mit einer Kuppel. Der Plan gab an Val-ge-grâce, Hôpital militaire. Das brauchte ich eigentlich nicht zu wissen, aber es schadet nicht. Die Gasse begann von allen Seiten zu riechen. Es roch, soviel sich unterscheiden ließ, nach Jodoform, nach dem Fett von Pommes frites, nach Angst. Alle Städte riechen im Sommer. Dann habe ich ein eigentümlich starblindes Haus gesehen, es war im Plan nicht zu finden, aber über der Tür stand noch ziemlich leserlich: Asyle de nuit. Neben dem Eingang waren die Preise. Ich habe sie gelesen. Es war nicht teuer.

Und sonst? ein Kind in einem stehenden Kinderwagen: es war dick, grünlich und hatte einen deutlichen Ausschlag auf der Stirn. Er heilte offenbar ab und tat nicht weh. Das Kind schlief, der Mund war offen, atmete Jodoform, Pommes frites, Angst. Das war nun mal so. Die Hauptsache war, daß man lebte. Das war die Hauptsache."

(Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge)


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