ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Pearl S. Buck - "Die gute Erde"

Wenige Bücher erzielten im 20. Jahrhundert so spektakuläre Verkaufserfolge wie "Die gute Erde". Doch es gab Neider: William Faulkner wollte angeblich den Literaturnobelpreis ablehnen, weil die unbekannte Pearl S. Buck ihn für ihren "Kitschroman" erhalten hatte.

Stand: 05.07.2016

Pearl S. Buck, amerikanische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin von 1938  | Bild: picture-alliance/dpa

Der Roman "The Good Earth" von Pearl S. Buck (1892 - 1973) erschien 1931. Drei Jahre später wollte die mächtige amerikanische Produktionsfirma Metro-Goldwyn-Mayer den Roman an Originalschauplätzen westlich von Shanghai verfilmen. Der Film schildert das Schicksal des Mannes Wang Lung, der sich vom einfachen Bauern zum Großgrundbesitzer hochgearbeitet hat.

Roman-Verfilmung mit Hindernissen

Nach den Vorgaben der chinesischen Behörden mussten die Bauerndarsteller die chinesische Hochsprache Mandarin sprechen. Die Bäuerinnen trugen bei der Feldarbeit feinste Seidenstoffe und statt Ochsen wurden unter größtem Aufwand zwei Traktoren herbeigeschafft. Eine absolute Rarität Mitte der 1930er-Jahre in China. Dennoch schaffte es das Filmmaterial nicht bis nach Kalifornien: Kurz vor dem Abtransport ging es in einer Werfthalle in Flammen auf und Teile des Films mussten ein Jahr später in der Nähe von Hollywood nachgedreht werden.

Tochter eines Missionars

Die Autorin des Romans wird 1892 in West Virginia als Pearl Sydenstricker geboren. Sie ist die Tochter eines Missionars der Presbyterianer, der sich berufen fühlt, in China die Heiden zum Christentum zu bekehren. Pearl wächst zweisprachig auf. Sie teilt das Schicksal ihrer chinesischen Spielkameraden: Hunger und frühes Leid. Drei von Pearls Geschwister sterben an Krankheiten. Der Strenge des Vaters entflieht das Mädchen indem es liest: mal Charles Dickens, mal chinesische Gespenstergeschichten.

Jahre des literarischen Erfolgs

Von 1910 bis 1914 studiert sie an einem College in Virginia. 1917 zieht sie mit ihrem Mann, dem amerikanischen Agrarexperten John Lossing Buck, in die chinesische Provinz Anhui. Mit dem Erfolg ihres Buches "Die gute Erde" wird sie so wohlhabend, dass sie ihren Verleger, den sie 1935 heiratet, vor dem Bankrott bewahren kann. Sie erhält den Pulitzer-Preis und sechs Jahre später, im Jahr 1938, den begehrten Literaturnobelpreis.

Die "Lex Buck"

Die Verleihung des Literaturnobelpreises an Pearl S. Buck gehört zu den umstrittenen Entscheidungen des Nobelpreiskomitees. Die Kritiker dieser Entscheidung hielten ihre Romane für literarisch wertlos. Die seither verwendete ungeschriebene Regel, den Nobelpreis nur an Autoren zu verleihen, die mindestens einmal zuvor nominiert waren, wird bis heute "Lex Buck" genannt.

"Die gute Erde"

Der Roman "Die gute Erde" beschreibt das Leben zweier Familien auf dem chinesischen Land. Die eine befindet sich auf dem Weg in den sozialen Abstieg. Sie war zu lange zu reich, um noch kämpfen zu können. Die andere Familie, die des Bauern Wang Lung und seiner Frau O-Lan, schickt sich unter widrigsten Bedingungen an, ihr Glück zu machen.

Leseprobe:

Es war Wang Lungs Hochzeitstag. Als er im Dunkel seiner Bettvorhänge die Augen öffnete, wusste er nicht gleich, warum die Dämmerung ihm heute anders erschien als sonst. Im Haus war es ruhig, bis auf das entfernte, keuchende Husten seines alten Vaters, dessen Zimmer dem seinen gegenüberlag, jenseits des Mittelraumes. Das Husten seines Vaters war jeden Morgen das erste, was er hörte. Gewöhnlich blieb Wang Lung so lange horchend liegen, bis die Tür zum Zimmer seines Vaters in ihren hölzernen Angeln knarrte und er das Husten näherkommen hörte.
Aber an diesem Morgen wartete er nicht darauf. Er sprang auf und schob seine Bettvorhänge auseinander. Es war trüb und dämmrig, und durch ein kleines, quadratisches Loch, vor dem ein zerrissener Papiervorhang flatterte, schimmerte ein Stückchen bronzenen Himmels. Er trat an das Fensterloch und riss das Papier fort. "Es ist Frühling, und da brauche ich das nicht mehr", murmelte er.
An diesem Tag sollte das Haus sauber und ordentlich aussehen, aber er wagte es sich nicht einzugestehen. Das Loch war kaum groß genug für seine Hand. Er streckte sie hinaus, um die Luft zu fühlen. Ein leichter, sanfter Wind wehte feucht aus Osten, ein milder und murmelnder Wind voller Verheißung. Das war ein gutes Omen. Die Felder brauchten Regen, um Frucht tragen zu können. Heute würde es noch nicht regnen, aber vielleicht schon morgen und übermorgen, wenn dieser Wind anhielt. Das war gut so. Erst gestern hatte er zu seinem Vater gesagt, dass sich die Ähren nicht füllen würden, wenn dieser harte, glitzernde Sonnenschein andauerte. Nun war es, als hätte der Himmel diesen Tag auserwählt, um ihm Glück zu verheißen. Die Erde würde fruchtbar sein ...

Pearl S. Buck: "Die gute Erde", Übers. von Robby Remmers


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